Biographie des Monats April 2017

Aron Menczer – Zionist und Lebensretter

Die aktuelle Biographie des Monats erinnert an den Jugendführer und Widerstandskämpfer Aron Menczer, dessen Geburtstag sich am 18. April 2017 zum 100. Mal jährt. Während der NS-Zeit bereitete er im Rahmen der „Jugendalijah“ zahlreiche Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vor und rettete ihnen damit das Leben. Mehrfach schlug er die Gelegenheit, sich selbst in Sicherheit zu bringen, aus, da er seinen Platz bei den ihm anvertrauten jungen Menschen sah. 1943 begleitete er freiwillig eine Gruppe von Waisenkindern nach Auschwitz, wo er gemeinsam mit ihnen ermordet wurde.

Die Familie Menczer

Aron Menczer wurde am 18. April 1917 als vierter Sohn von Simcha und Bluma Menczer in Wien geboren. Seine Eltern waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Galizien in die prosperierende Hauptstadt der Monarchie gezogen, wo Simcha Menczer im 2. Gemeindebezirk einen kleinen Lederhandel führte. Die Familie – Aron hatte fünf Brüder – führte ein bescheidenes, von Frömmigkeit geprägtes Leben. Die finanziellen Mittel waren begrenzt, sodass nur der älteste Sohn studieren konnte. Die jüngeren Söhne mussten mit 16 Jahren die Mittelschule verlassen und zu arbeiten beginnen. So auch Aron, der nach der Schule bei verschiedenen Firmen tätig war.

Zwei seiner älteren Brüder zählten 1927 zu den Mitbegründern der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung „Gordonia“, der sich später auch die jüngeren Brüder anschlossen.

Es waren vor allem Jugendliche, deren Eltern aus den östlichen Teilen der Monarchie stammten, die in bescheidenen finanziellen Verhältnissen aufwuchsen und aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit kaum berufliche Perspektiven hatten, die sich nun unter dem Eindruck des wachsenden Antisemitismus in zionistischen Jugendbünden organisierten. Das ideologische Spektrum dieser Vereinigungen wies eine breite Fächerung auf. Ihr gemeinsames Ziel war nicht nur ein selbstständiger jüdischer Staat in Palästina, sondern auch eine sozial gerechte Gesellschaft. Die Anhänger der „Gordonia“ vertraten eine gemäßigt marxistische Ideologie. Wie ihr Namensgeber, Aharon David Gordon, der 1856 in Russland geboren und 1922 in Israel gestorben war, wollten sie einen „neuen Menschen“ jüdischer Prägung heranbilden, der durch kollektive landwirtschaftliche Arbeit und manuelle Tätigkeit in der Natur zu Spiritualität findet. Zu diesem Zweck sollten Kinder und Jugendliche aus ihrem (klein)bürgerlichen, auf Assimilation ausgerichteten Elternhaus herausgeholt und durch ältere Jugendliche zu körperlich und geistig leistungsfähigen, im nationalen und sozialen Sinn bewussten Juden erzogen werden.

Aron Menczer fand in der „Gordonia“ sowohl intellektuelle Anregung als auch Herausforderung. Er lernte Hebräisch, studierte jüdische Geschichte sowie die Landeskunde Palästinas und entfaltete als Gruppenleiter ein beachtliches pädagogisches Talent.

Der „Anschluss“

Die Ideen des Zionismus hatten allerdings vor dem „Anschluss“ Österreichs trotz des latent vorhandenen Antisemitismus nur für wenige österreichischen Juden eine politische Perspektive dargestellt. Dies änderte sich nach dem „Anschluss“. Juden wurden nun nicht nur Opfer pogromartiger Ausschreitungen und privater Raubzüge, sondern eine Flut von Gesetzen, Erlässen und Verordnungen vernichtete ihre wirtschaftliche Existenz, stigmatisierte und isolierte sie und schränkte ihre persönliche Bewegungsfreiheit ein. Die Ideen des Zionismus boten nun vielen – vor allem jungen – Menschen Zuversicht und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Nach dem „Anschluss“ wurden zunächst sämtliche zionistischen Jugendbünde und jüdischen Jugendorganisationen aufgelöst. Nach der „Neuorganisation“ der Israelitischen Kultusgemeinde sowie der zionistischen Organisationen und Vereine, die unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei sowie des Sicherheitsdienstes der SS erfolgte, durften nur jene jüdischen Organisationen und Jugendbünde weiterbestehen, die zur Forcierung der Auswanderung der österreichischen Juden beitrugen. Denn 1938/39 war es noch das Ziel des NS-Regimes, so viele Juden wie möglich zur Auswanderung zu zwingen.

Die „Gordonia“ sowie fünf weitere Jugendbünde durften weiterbestehen. Sie organisierten sich in der „Jugendalijah“ (alijah=hebräisch „Aufstieg“=Immigration nach Palästina/Israel), die 1932 von der Pädagogin Recha Freier in Deutschland gegründet worden war. Ziel der „Jugendalijah“ war es, Jugendliche auf ihr künftiges Leben in Palästina respektive in einem Kibbuz landwirtschaftlich und handwerklich vorzubereiten und zu schulen.

Im Juni 1938 wurde die „Jugendalijah“, die nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland die gesamte Durchführung und Organisation der Auswanderung von Kindern und Jugendlichen nach Palästina übernommen hatte, auch auf Österreich ausgedehnt.

Die vorrangigste Aufgabe der „Jugendalijah“, die in der Marc-Aurel-Straße 5 untergebracht war, bestand darin, Jugendliche zwischen vierzehn und siebzehn Jahren auf ihre Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Da sie ohne Eltern emigrierten, mussten sie allen Anforderungen, die ihr künftiges Leben in Palästina – und insbesondere in einem Kibbuz – stellte, gewachsen sein.

Jugendliche, die nach Palästina auswandern wollten, mussten Mitglied in einem der sechs Jugendbünde sein und sowohl die Schule der „Jugendalijah“ als auch eine praktische Ausbildung absolvieren. Das Lehrprogramm der „Jugendalijah“-Schule gliederte sich zum einen in einen theoretischen Unterricht, der 20 Wochenstunden und Gegenstände wie Hebräisch, Mathematik, Erste Hilfe, Hygiene etc. umfasste, und zum anderen in einen praktischen Werkstättenunterricht, in dessen Rahmen die Jugendlichen in Schlosserei, Spenglerei, Schneiderei etc. ausgebildet wurde. Danach begannen sie eine praktische Ausbildung auf einem landwirtschaftlichen, meist aus jüdischem Besitz beschlagnahmten Gut.

Zwischen Mai 1938 und Februar 1940 konnten auf Betreiben der „Jugendalijah“ 2.200 österreichische Jugendliche nach Palästina auswandern. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass das Ausmaß der Auswanderung letztlich von der Anzahl der Einwanderungszertifikate, welche die britische Mandatsregierung halbjährlich den einzelnen Ländern zur Verfügung stellte, abhing.

Aron Menczer gehörte nicht nur dem Leitungsstab der „Jugendalijah“ an, er war auch Gruppenleiter der „Gordonia“ und unterrichtete in der Schule der „Jugendalijah“.

Er verstand es, den in der „Jugendalijah“ zusammengeschlossenen Kindern und Jugendlichen, die von einem Tag zum anderen in einer chaotischen, für sie oftmals unverständlichen Umwelt lebten und erfahren mussten, dass auch ihre Eltern sie nicht mehr beschützen konnten, zumindest für wenige Stunden wieder Lebensfreude, Optimismus und die Hoffnung auf eine Zukunft in Palästina zu geben. Er begeisterte sie für ihre künftige Heimat, motivierte sie, dafür zu lernen und ließ sie zumindest für eine kurze Zeitspanne die triste Realität vergessen. Die „Jugendalijah“ wurde für die Kinder und Jugendlichen zu einem schützenden Zuhause, einer Oase der Geborgenheit. Menczer trug wesentlich dazu bei, dass sie hier Selbstbewusstsein und Kraft erhielten und nicht in Resignation und Selbstaufgabe verfielen.

Deportation

Aron Menczer hatte mehrmals Gelegenheit, ins sichere Ausland zu gelangen. Im Februar 1939 begleitete er beispielsweise eine Gruppe Jugendlicher nach Palästina, wo bereits seine Eltern und Brüder lebten. Diese versuchten ihn von der Rückkehr nach Wien abzuhalten, doch Menczer erklärte, sein Platz sei, solange es noch jüdische Kinder in Wien gebe, bei diesen. Vier Tage vor Kriegsausbruch nahm Menczer am XXI. Zionistischen Weltkongress in Genf teil und kehrte, trotz der Warnung von Freunden, wieder nach Wien zurück.

Als im Frühjahr 1941 die Deportationen der österreichischen Juden in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten begannen, waren davon auch die in Wien verbliebenen Kinder und Jugendlichen der „Jugendalijah“ betroffen: Von den 710 Jugendlichen, die Mitte Mai 1941 als Mitglieder der „Jugendalijah“ registriert waren, befanden sich im September 1942 nur mehr rund vierzig in Wien. Im Laufe des Jahres 1942/43 wurden auch diese Jugendlichen bis auf wenige Ausnahmen deportiert.

Die Mitglieder der „Jugendalijah“ ahnten, da ihre Briefe, die sie ihren deportierten Freunden geschickt hatten, nicht beantwortet wurden, sehr bald, dass diese nicht mehr am Leben waren, wenngleich sie sich das tatsächliche Ausmaß der Shoah nicht vorzustellen vermochten.

Am 12. Mai 1941 wurde die „Jugendalijah“ auf Befehl der nationalsozialistischen Machthaber aufgelöst. Das NS-Regime benötigte die jüdischen bzw. zionistischen Organisationen nicht mehr, da sein Ziel nun nicht mehr die Vertreibung, sondern die Vernichtung der europäischen Juden war.

Am 19. Mai 1941 musste sich Aron Menczer zusammen mit einer Gruppe von Jugendlichen der „Jugendalijah“ im Arbeitslager Doppl in Oberösterreich einfinden, wo brutale Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschten, aber die physische Vernichtung der Häftlinge nicht direkt angestrebt wurde.

Am 14. September 1942 erhielt Menczer den Befehl, aus Doppl zurückzukehren und sich am 22. September 1942 im Sammellager in der Malzgasse (Wien 2) einzufinden.     
Am 24. September 1942 wurde er in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er innerhalb der Ghettoselbstverwaltung in der Jugendfürsorge arbeitete.

Am 24. August 1943 traf im Ghetto ein Transport mit 1.260 Kindern – alle zwischen drei und vierzehn Jahre alt – ein. Die Kinder wurden isoliert von den anderen Häftlingen untergebracht, dennoch erfuhren diese, dass sie aus Białystok gekommen waren und sich heftig wehrten, als sie ins Brausebad geführt wurden. Offenbar wussten die Kinder um die Massentötungen im Osten, ein Umstand, der zu diesem Zeitpunkt im Theresienstädter Ghetto noch nicht Allgemeinwissen war. Als aus den Reihen der Ghettohäftlinge Betreuer für die Kinder gesucht wurden, meldete sich Aron Menczer, da er Jiddisch sprach. Am 6. Oktober 1943 wurden die Kinder mit ihren Betreuern plötzlich abtransportiert. Im Ghetto tauchte das Gerücht auf, sie würden in die Schweiz gebracht. Tatsächlich wurden die Kinder und ihre Betreuer – darunter auch die Schwester Franz Kafkas und Aron Menczer – sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz am 10. Oktober 1943 vergast.  

Aron Menczer war nicht nur ein charismatischer Jugendführer, sondern auch ein Widerstandskämpfer. Er leistete Widerstand, indem er den ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen das Gefühl vermittelte, unbeschwert und jung sein zu dürfen, sie in ihren Hoffnungen, in Palästina ihre eigentliche und künftige Heimat zu finden, bestärkte und so ihre Menschenwürde zu erhalten und zu verteidigen suchte.

Dass Aron Menczer und die Kinder und Jugendlichen der „Jugendalijah“ nicht vergessen wurden, ist zu einem guten Teil Martin Vogel und Ernest Schindler zu verdanken, die enge Freunde und Mitarbeiter Aron Menczers waren, die Shoah überlebten und jahrelang das Schicksal der Angehörigen der „Jugendalijah“ dokumentierten.


Literatur: H. Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938–1945, 1978, s. Reg.; E. Klamper, Die Situation der jüdischen Bevölkerung Wiens vom Ausbruch bis zum Ende des Krieges, in: Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten, 1992; P. Grosz – E. Klamper – H. Maimann, Trotz allem ... Aron Menczer 1917–1943, 1993 (mit Bildern); A. Jensen, Sei stark und mutig! Chasak we'emaz! 40 Jahre jüdische Jugend in Österreich am Beispiel der Bewegung „Haschomer Hazair“ 1903 bis 1943, 1995, s. Reg.; E. Klamper, „Auf Wiedersehen in Palästina“. Aron Menczers Kampf um die Rettung jüdischer Kinder im nationalsozialistischen Wien, 1996 (mit Bildern); Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes – Shoah-Opfer (mit Bild, Zugriff 4. 4. 2017); Yad Vashem – Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer (mit Bildern, Zugriff 4. 4. 2017).


(Elisabeth Boeckl-Klamper)

 

 

 

Das Haus Marc-Aurel-Straße 5 in der Wiener Innenstadt, in dem Aron Menczer die Schule der „Jugendalijah“ leitete. Die Schulräume befanden sich im zweiten (Balkon) und dritten Stock (© Eva Offenthaler)
Für viele Jugendliche war die „Jugendalijah“-Schule ein Zufluchtsort, an dem sie Hoffnung und Zuversicht schöpften (© Eva Offenthaler)
Die Überlebenden widmeten Aron Menczer 2012 eine Gedenktafel (Ausschnitt)