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Wie wurde im Hochmittelalter Politik betrieben? Wie groß war die Macht der Könige? Ein Projekt am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW erforscht die Herrschaftsstruktur des römisch-deutschen Königtums im 12. Jahrhundert.
Der König des hohen Mittelalters war weit weniger mächtig, als man es sich im 19. Jahrhundert und noch weit in das 20. Jahrhundert häufig vorstellte. Denn dieser war zur Durchsetzung seiner politischen Ziele auf die Mitarbeit der Fürsten angewiesen, die zunehmend eigenständiger agierten: Sie zogen nach und nach einst königliche Vorrechte, die so genannten Regalien, an sich. Einen enormen Aufschwung hatte die Einbindung der Eliten in die politischen Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse - wie man heute weiß - dabei durch die Verwerfungen des Investiturstreits genommen, in dem hauptsächlich um die Art der Einsetzung der Bischöfe gerungen wurde. Im Zuge dieses Konflikts konnten die Fürsten so einen rasanten Anstieg ihres politischen Einflusses verzeichnen.
Um die tatsächliche Machtposition eines Königs im 12. Jahrhundert zu beschreiben, ist man auf die Analyse indirekter Hinweise, die in dessen Herrschaftstechniken zum Ausdruck kommen, angewiesen. Dazu wird die personelle Umgebung der Könige im zeitlichen Längsschnitt betrachtet. Dieser personenkundliche Ansatz der Hofforschung gehört seit geraumer Zeit zu einem der international intensiv diskutierten Forschungsthemen. "Über die Untersuchung der personellen Zusammensetzung der Umgebung des Herrschers lassen sich Rückschlüsse auf die Kernregionen der königlichen Herrschaft ziehen", erklärt Wolfram Ziegler vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und Mitarbeiter am Projekt "Das römisch-deutsche Königtum im 12. Jahrhundert". Die Personen, die an der Reichspolitik Anteil nahmen, können einzelnen politischen Regionen zugeordnet werden. So kann der Einzug des Königshofes aus den Reichsregionen untersucht werden.
Hatte ein König besonders viele Besucher aus einer einzelnen Region bei Hof, kann diese als königsnah bezeichnet werden. Auch die Ratgeber des Königs können auf diese Weise identifiziert werden. Ziegler: "Überdurchschnittlich häufiges Erscheinen bei Hof deutet auf ein Vertrauensverhältnis zum Herrscher hin, das natürlich durch weitere Indizien, etwa die Übernahme von Gesandtschaftsreisen oder Ähnlichem, wahrscheinlich gemacht werden muss."
Weitere wichtige Hinweise auf Königsnähe oder Königsferne gibt die Untersuchung der Reisewege des Herrschers. Könige des 12. Jahrhunderts zogen mit ihrem Gefolge stets umher. Aufenthaltshäufigkeit und -dauer in einzelnen Städten und Regionen geben dabei Aufschluss über die Intensität der politischen Kommunikation und ermöglichen das Erkennen der Kernregionen der Königsherrschaft.
Gleiches gilt für die Analyse der Urkundenvergabe: Der König beziehungsweise seine Kanzlei produzierten ständig Urkunden für einzelne Personen, Personengruppen oder Institutionen, die sowohl unterschiedlichen Rang hatten, als auch aus unterschiedlichen Regionen des Reiches kamen. Die Beobachtung der regionalen Streuung der Empfänger der Königsurkunden kann ergänzend dazu dienen, die Schwerpunktregionen königlicher Herrschaft namhaft zu machen. "Diese Räume wurden offenbar von seinem Regiment gut erfasst", sagt Ziegler. Aber auch die Frage, wo diese Urkunden ausgestellt wurden, ist von größtem Interesse. An diesen Orten fanden die Regierungshandlungen des Königs statt. Diese zählten damit zu seinem Einflussgebiet.
Das Projekt "Das römisch-deutsche Königtum im 12. Jahrhundert" wird vom renommierten Historiker Peter Csendes geleitet und ist an der Arbeitsgruppe "Regesta Imperii" des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW angesiedelt. Die Forscher untersuchen den Zeitraum von 1125 bis 1215, also von Kaiser Lothar III. bis Kaiser Otto IV. Die im Zuge des Projekts gewonnenen Ergebnisse werden laufend publiziert. Darüber hinaus ist eine Monographie geplant, welche die Ergebnisse zusammenfassend analysieren soll.
Regesta Imperii
Die Arbeitsgruppe Regesta Imperii am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW bildet zusammen mit der Deutschen Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz das Gesamtunternehmen Regesta Imperii. Als Inventar aller urkundlichen und historiographischen Quellen der römisch-deutschen Könige von den Karolingern bis zu Maximilian I. sowie der Päpste des frühen und hohen Mittelalters gehören die Regesta Imperii zu den großen Quellenwerken zur deutschen und europäischen Geschichte.
Weitere Informationen zur Arbeitsgruppe Regesta Imperii am Institut für Mittelalterforschung finden Sie
hier.
Die Regesta Imperii online:
www.regesta-imperii.de.
Kontakt:
Dr. Wolfram Ziegler
Institut für Mittelalterforschung
Zentrum Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Wohllebengasse 14, 1040 Wien
T +43 1 51581-7226
wolfram.ziegler@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/gema
Mai 2008
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