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Ein Projekt der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW untersucht, wie sich in Österreich das Verhältnis zwischen Politik und Medien in den letzten vierzig Jahren gewandelt hat.
"Wähler wollen große Koalition". Mit dieser Schlagzeile titelte die auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs am Tag nach der Nationalratswahl 2006. Diese Auslegung des Wahlergebnisses lag keineswegs auf der Hand. Sie war der Höhepunkt eines Ringens zwischen Politik und Medien um die Interpretation des Wähler(innen)willens.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich die Wahlkämpfe in den westlichen Demokratien grundlegend geändert. Und in Wechselwirkung mit ihnen die Rolle der Medien: Sie entwickelten sich von bloßen Vermittlern zu eigenständigen Akteuren, die mitbestimmen, welche Themen in welcher Form Teil der öffentlichen politischen Diskussion werden.
Dieser oft als "Amerikanisierung" bezeichnete Wandel macht die Kontrolle über die Themen-Hoheit zum zentralen Thema. Regelmäßig wiederkehrender Höhepunkt in dieser spannungsreichen Auseinandersetzung zwischen Politik und Medien sind in Österreich die Nationalratswahlen: Aussagen von Politiker(inne)n werden von den Medien interpretiert, der vermeintliche Wähler(innen)wille wird durch Umfrageergebnisse präsentiert, Fernsehkonfrontationen von Spitzenkandidat(inn)en sind mittlerweile fixer Bestandteil der Wahlkommunikation, der angebliche Wähler(innen)auftrag an die zukünftige Regierung wird formuliert.
Doch wie hat sich dieser Wandel vollzogen? Wann tauchten die ersten Anzeichen einer "Amerikanisierung" in der Wahlberichterstattung auf und welche möglichen Konsequenzen hat dieser Trend auf die Qualität des politischen Diskurses? Diesen Fragen widmet sich ein vom FWF gefördertes Projekt der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW unter der Leitung von Gabriele Melischek. Kooperationspartner ist Roland Burkart vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.
Untersucht werden alle 13 österreichischen Nationalratswahlen von 1966 bis 2006. Die Presseaussendungen der politischen Parteien, die Hauptnachrichtensendungen der beiden österreichischen Fernsehanstalten sowie die Wahlberichterstattung in je zwei Qualitäts- und Massenzeitungen während der heißen Phase des Wahlkampfs werden einer inhaltlichen Analyse unterzogen.
Im Blickpunkt der Forscher(innen) stehen Indikatoren, die auf eine "Amerikanisierung" der Wahlkampfkommunikation hinweisen. Dazu gehört eine zunehmende Personalisierung des Wahlkampfes, aus dem der Politiker, die Politikerin als Sieger(in) oder Verlierer(in) hervorgeht. Sachthemen rücken in den Hintergrund, "Negative Campaigning" - also Wahlkampfstrategien, die auf die Abwertung der Konkurrenten zielen, - tritt in den Vordergrund. Dazu gehört auch die Frage nach der Verkürzung der O-Töne von Politikern, die sich gezwungen sehen, ihre Stellungnahmen als so genannte "sound bites" (im Stil der amerikanischen Fernsehnachrichten) zu formulieren.
"Es ist auch eine zunehmende Professionalisierung des Wahlkampfes zu beobachten - Stichwort 'Spin Doctors'", sagt Gabriele Melischek. Die Medien reagieren darauf mit einer verstärkten Kommentierung des Wahlkampfgeschehens: "Populäres Beispiel sind so genannte 'Horserace'-Berichte, die im Stil von Pferderennen den Stand der Parteien in der Wähler(innen)gunst anhand von Umfrageergebnissen diskutieren." Ein für die Medienforschung brisantes Thema: Immerhin sollen Meinungsumfragen den Wähler(innen)willen repräsentieren. Werden sie von den Medien unvollständig vermittelt - beispielsweise durch das Weglassen der statistischen Schwankungsbreiten - wird die Interpretation verfälscht. Melischek: "Bei den Nationalratswahlen 2006 lag die ÖVP in den Umfragen knapp vorne, ein Sieg der SPÖ war durchaus innerhalb der Schwankungsbreite. Diese wurde von den meisten heimischen Medien jedoch ignoriert und die ÖVP fast ausschließlich zur Favoritin hochstilisiert."
Im Rahmen der Studie wollen die Forscher(innen) auch analysieren, wie sich Änderungen im österreichischen Parteien- und Mediensystem auf das Verhältnis zwischen Politik und Medien ausgewirkt haben. Melischek: "Zwischen 1966 und 2006 hat sich einerseits das Zweiparteiensystem zu einem moderat - beziehungsweise zunehmend polarisiert - pluralistischen Parteiensystem gewandelt. Andererseits kam es zu gravierenden Veränderungen des Mediensystems wie dem Aufstieg und dem sukzessiven Bedeutungsverlust des Fernsehens als Mainstream-Medium sowie einem kontinuierlichen Anstieg der Pressekonzentration, die aufgrund der Marktmacht einiger weniger Konzerne die politische Bedeutung der Medien verstärkt."
Das Projekt "Kontinuität und Wandel in der Wahlkampfkommunikation" startete im Oktober 2007 und ist auf 3 Jahre Jahre konzipiert.
Publikation zum Thema:
Gabriele Melischek: Der publizierte WählerInnenwille [The electoral mandate]. In Der WählerInnenwille, ed. by Form Politische Bildung, 20-28. Wien: Studien-Verlag, 2007.
[PDF]
Weitere Informationen zum Projekt
Kontakt:
Dr. Dr. Gabriele Melischek, M.A.
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Zentrum Sozialwissenschaften
Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung
1010 Wien, Postgasse 7
T +43 1 51581-3514
F +43 1 51581-3509
gabriele.melischek@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/cmc
März 2008
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Die Pressekonzentration in Österreich
Print und Online: Eine langsame Annäherung
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