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Die Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW beobachtet und analysiert den österreichischen Pressemarkt.

In der öffentlichen Diskussion ist die hohe Pressekonzentration in Österreich ein Dauerbrenner. Doch warum hat sie eine derart hohe Ausprägung und was ist für die Zukunft zu erwarten? An der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW beobachten und analysieren Medienforscher(innen) unter Leitung von Josef Seethaler seit 2003 den österreichischen Pressemarkt.

In Österreich haben die Tageszeitungen einen traditionell starken Stand. Sie vertreten klare politische und gesellschaftliche Positionen, die in der Regel eine deutliche Verbundenheit mit einer gewissen politischen Richtung erkennen lassen. Dieses Selbstverständnis ist typisch für die Presse in Mittel- und Nordeuropa. Und es hat eine entscheidende Konsequenz: Sollen alle gesellschaftlich relevanten Meinungen durch Zeitungen vertreten sein, erfordert das eine entsprechende, gleichberechtigte Vielfalt.

Diese hatte zumindest der Wiener Zeitungsmarkt durchaus einmal zu bieten: "Bis zum Ende der Ersten Republik gab es eine vielfältige Partei- und parteinahe Presse sowie einen hoch kompetitiven Boulevardsektor", sagt Josef Seethaler von der ÖAW-Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung.

Heute sieht die Lage anders aus. Im letzten Quartal 2006 - nach der Markteinführung von "Österreich" - lag der Marktanteil der Kronen Zeitung bei knapp über 40 Prozent, die vier auflagenstärksten Zeitungen kamen zusammen auf rund 71 Prozent. Im westeuropäisch-nordamerikanischen Vergleich sind das Spitzenwerte.

Wie konnte eine derartige Konzentration der Zeitungsmacht entstehen? "Hier spielten viele Faktoren eine Rolle", erklärt Josef Seethaler. "Forciert wurde der Konzentrationsprozess sicherlich durch die beiden Einstellungswellen der Parteizeitungen in den frühen 1970ern und späten 1980ern." Das Modell der Parteizeitung wurde schon in der Ersten Republik zu einem "Auslaufmodell" und war nach 1945 nicht mehr populär. Die Besatzungsmächte hatten in den Parteien verlässlichere Garanten für die notwendige Demokratisierung gesehen und so waren - neben anderen gewollten oder ungewollten Hemmnissen - für die Ausbildung kapitalstarker Unternehmen keine günstigen Voraussetzungen gegeben. Es waren (und sind) zu wenig Player am Pressemarkt. So wusste vor allem die "Kronen Zeitung" die von den Parteizeitungen hinterlassenen Marktlücken mit Regionalausgaben zu füllen.

"Ein gewaltiger Konzentrationsschub in wirtschaftlicher Hinsicht war", so Seethaler, "natürlich die Gründung der Mediaprint als gemeinsame Tochter der 'Kronen Zeitung' und des 'Kurier'". Die Mediaprint kontrolliert auf Verlagsebene knapp über die Hälfte des Marktes, im Druck- und Vertriebsbereich noch mehr. Für eine zusätzliche Konzentration auf dem Magazin-Sektor sorgte die Fusionierung der Magazin-Gruppe des "Kurier" mit der "News"-Gruppe.

Aber wirtschaftliche Konzentrationsprozesse kommen noch von einer anderen Seite: Die Styria Medien AG expandierte schon in den 1990ern mit der Übernahme der "Presse" über den steirischen und Kärntner Regionalmarkt hinaus. Mit der Übernahme des "WirtschaftsBlatt" hält sie bei einem Tageszeitungsanteil von über 17 Prozent.

Diese massiven Konzentrationstendenzen betreffen nicht nur die Zeitungsbranche als Ganzes, sondern auch die regionalen Bundesländermärkte. "Diese sind in Österreich eigentlich die relevanten, weil historisch gewachsenen Zeitungsmärkte", so Seethaler. Wobei die regionale Konzentration in weiten Bereichen, besonders im Osten und Westen Österreichs dramatisch ist: Die "Kronen-Zeitung" ist in fünf (!) Bundesländern von Wien bis Salzburg Marktführer, im Burgenland haben die Mediaprint-Zeitungen beinahe eine Monopolstellung. Dasselbe gilt für das Medienhaus Russ ("Vorarlberger Nachrichten", "Neue Vorarlberger Tageszeitung") in Vorarlberg. In Tirol hält die Moser Holding AG einen Marktanteil von weit über 60 Prozent. Nur in der Steiermark und in Kärnten ist die Marktsituation ausgewogener.

Wie wird sich der Pressemarkt in Österreich weiterentwickeln? "Noch können wir nicht sagen, wie sich die derzeit in den lokalen Märkten florierenden, rein werbefinanzierten Gratis-Tageszeitungen auf die Marktstrukturen auswirken werden", sagt Seethaler. "Sie werden ja - zumindest in Österreich, das gilt nicht international - in erster Linie deshalb gegründet, um den 'Eintrittspreis' für neue Anbieter so hoch wie möglich zu halten." Auch für eine Einschätzung des Einflusses der seit Herbst 2006 erhältlichen Tageszeitung "Österreich" ist es noch zu früh. Zurzeit trägt sie sicherlich zu einer gewissen Entspannung der Konzentrationssituation bei - immerhin gab es zuvor in Österreich schon Konzentrationsraten von rund 47 Prozent.

Jedenfalls werden die Presseunternehmen zunehmend multimedial - das zeigt sich am Beispiel der "Kronen Zeitung", die mit dem "Krone Hit"-Radio das einzige bundesweit ausgestrahlte Privatradio betreibt, oder am Beispiel der "Styria Medien AG", deren Produktportfolio so breit ist, dass sie sich bewusst "content company" nennt. Und sie werden zunehmend international: denn es ist nicht nur so, dass der Anteil ausländischer Unternehmen an österreichischen Tageszeitungsverlagen mit rund 33 Prozent relativ hoch ist, auch österreichische Verlage operieren in zunehmendem Maße jenseits unserer Grenzen und - das wird allzu oft übersehen - profitieren von der Öffnung der Europäischen Union zum Südosten Europas. Dass mit all diesen ökonomischen Veränderungen auch Änderungen des Informationsangebots und des Mediennutzungsverhaltens verbunden sind, liegt auf der Hand: sie sind Gegenstand aktueller Projekte an der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung.


Publikationen zum Thema:
Gabriele Melischek, Josef Seethaler & Katja Skodacsek. Der österreichische Zeitungsmarkt 2004: Strukturen, Marktpotenziale, Anbieterkonzentration. Media Perspektiven 2005, H. 5: 243-254.
[PDF]

Josef Seethaler & Gabriele Melischek. Die Pressekonzentration in Österreich im europäischen Vergleich. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 35 (2006), No. 4: 337-360.

Weitere Informationen zum Projekt


Kontakt:
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Zentrum Sozialwissenschaften
Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung
1010 Wien, Postgasse 7
www.oeaw.ac.at/cmc

Dr. Josef Seethaler
T +43 1 51581-3516
josef.seethaler@oeaw.ac.at

DDr. Gabriele Melischek, M.A.
T +43 1 51581-3514
gabriele.melischek@oeaw.ac.at


März 2008
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Last update: 2011/04/21
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