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Wie aus einer "Mozart-Uhr" eine "Haydn-Uhr" wurde.

Das Mozarthaus in der Domgasse im ersten Wiener Gemeindebezirk beherbergt ein besonderes Stück: eine knapp vor 1800 vom Orgel- und Klaviermacher Johann Joseph Wiest hergestellte Flötenuhr, deren acht Musikstücke "hinsichtlich ihrer nur Mozarten eigenen Melodie und Compositionsweise von jedem Kenner der Mozart'schen Musik überhaupt als von diesem Meister herrühren anerkannt werden", so kais. Rat Josef Lainegger, Vorstand des k. k. Landesgerichtes in Wien in einem mit April 1894 datierten Schreiben.

Besagte Kenner dürften der "Mozart-Uhr" jedoch nur kurz ihr Gehör geschenkt haben. Zwar haben die ersten vier Takte des zweiten Stücks Ähnlichkeit mit Mozarts Andante KV 616, doch das war es dann schon, ergab die Forschung von Helmut Kowar, Stellvertretender Direktor des Phonogrammarchivs der ÖAW. Der Experte für Musikautomaten bekam die völlig funktionsuntüchtige Flötenuhr Frühling 2004 in die Hand. Er versuchte das zweite Stück mit Hilfe der Stiftwalze zu rekonstruieren. Aber erst eine Anfang 2006 abgeschlossene Restaurierung zeigte das wahre Ausmaß der Verkennung. Sie brachte das Flötenwerk wieder zum Spielen: "Die übrigen sieben Stücke entpuppten sich überraschenderweise als hinlänglich bekannte Sätze von Joseph Haydn", sagt Helmut Kowar.

Die "Mozart-Uhr" ist somit in Wahrheit eine "Haydn-Uhr". Für Mozart-Freunde eine herbe Enttäuschung: Während die Haydensche Melodien bis heute auf mehreren Original-Flötenuhren erklingen, bleiben die vier Takte der Wiest-Uhr nun die einzigen Spuren Mozartscher Kompositionen für ein Flötenwerk, die auf einer historischen Walze erhalten sind.

Musikautomaten: Stiefkinder der Wissenschaft

Ob Glockenspiel, Orchestrion, Drehorgel oder Flötenuhr: Musikautomaten waren von der Rennaissance bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen Bevölkerungsschichten erstaunlich weit verbreitet. Trotzdem wurde ihnen von Seiten der Wissenschaft bisher kaum Interesse entgegen gebracht. Das Phonogrammarchiv der ÖAW hat sich zur Aufgabe gemacht, Tonaufnahmen von mechanischen Musikinstrumenten herzustellen. Derzeit verfügt es über rund 2500 Aufnahmen von Spielwerken aus aller Welt.

Ein Großteil der Arbeit liegt dabei im Auffinden von öffentlichen und privaten Sammlungen, die Musikautomaten beherbergen: "Mechanische Musikinstrumente sind, da sie meist als unmodern, unbrauchbar, oder als reine Kuriositäten abgetan wurden - auch in namhaften Museen - zuweilen in Keller und Dachbodenräume verbannt worden, wenn sie nicht zuvor zerlegt, zweckentfremdet, verschenkt oder zerstört wurden", erklärt Helmut Kowar. "Es gilt, diese versteckten Instrumente aufzuspüren, wieder ans Licht zu bringen und auch bei den entsprechenden Verantwortlichen die Sinnhaftigkeit der Erhaltung dieses Kulturgutes plausibel zu machen."

Und wenn sich die Instrumente nicht mehr aufspüren lassen, erfolgt die Erhaltung des Kulturgutes virtuell: Gemeinsam mit der Technikerin Nadja Wallaszkovits rekonstruierte Helmut Kowar Mozarts Fantasie KV 608 für eine Orgelwalze. Der Musikautomat mit der originalen Walze ist seit 1821 verschollen. Das Ergebnis wurde Anfang 2006 präsentiert.


Diskographie:
Wiener Flötenuhren um 1800 /
Viennese Flute Clocks around 1800

Ausgewählt und kommentiert von Helmut Kowar /
Selected and Commented by Helmut Kowar. OEAW PHA CD 12, 2002.

Wiener Flötenwerke des Biedermeier /
Viennese Flute Organs of the Biedermeier Period

Ausgewählt und kommentiert von Helmut Kowar /
Selected and Commented by Helmut Kowar. OEAW PHA CD 21, 2004.

KV 608
Mozarts Allegro und Andante (Fantasie in f) für eine Orgelwalze im "Laudon Mausoleum".

Eine virtuelle Rekonstruktion
OEAW PHA CD 24, 2006.

Weitere Informationen:
Wenn das Ding wie eine Orgel lautete
Mechanische Musikinstrumente


Kontakt:
Univ.-Doz. Dr. Helmut Kowar
Phonogrammarchiv
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Liebiggasse 5
1010 Wien
T +43 1 4277-29604
F +43 1 4277-9296
helmut.kowar@oeaw.ac.at
www.pha.oeaw.ac.at


Jänner 2007
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Last update: 2007/01/19
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