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Quellen zur Wahlgeschichte in der Habsburgermonarchie 1848-1918

Wahlgeschichtsforschung ist einerseits eine sehr junge Teildisziplin der historischen Forschung, andererseits einer der fruchtbarsten Zugänge zur politischen Geschichte. Denn Wahlergebnisse gelten als der wohl beste Indikator für die Feststellung der politischen Haltung der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes. Wahlgeschichtsforschung und historische Wahlanalyse sind auch für die österreichische Geschichtswissenschaft ein Neuansatz, der Sachbereiche erschließt, die bisher in der Forschung wenig Beachtung gefunden haben, und die darüber hinaus mit dem notorischen Defizit an Parlamentarismusforschung in Österreich eine politische Dimension berühren, die einen der wunden Punkte österreichischer politischer Identität aufzuhellen vermag. Es gehört nämlich zu den Standardurteilen über die zeitgeschichtliche österreichische Demokratie, dass ihre Entwicklungsdefizite im Wesentlichen auf das Fehlen einer parlamentarischen Tradition aus der Schuldenlast der monarchischen Vorgeschichte des republikanischen Österreich zurückzuführen seien. Ob diese These stimmt oder ob es sich dabei um einen der für Österreich nicht uncharakteristischen Entlastungsmythen handelt, sei dahingestellt. Dass diese These aber wissenschaftlich nicht ausreichend untermauert ist, das ist ganz sicher. Denn was über die österreichische Parlamentsgeschichte und insbesondere über die Wahlgeschichte bekannt ist, beruht mit Ausnahme lokal begrenzter Untersuchungen einzelner Kronländer nicht auf originärer Forschung, sondern basiert auf den Urteilen der zeitgenössischen Parteimedien.

Im Rahmen des Projekts soll im Anschluss an das Konzept der „Sémiologie grafique“ mit der graphischen und statistischen Bewältigung von Massendaten der Wahlergebnisse bis hinunter in die kleinen Einheiten der Wahlbezirke und der politischen Bezirke eine Dokumentation zur Wahlgeschichte für die Parlamentswahlen der Habsburgermonarchie von 1848-1918 (1911) erstellt und damit die Grundlagen für eine Publikation unter dem Titel Atlas zur Wahlgeschichte in der Habsburgermonarchie 1848-1918 erarbeitet werden. Eine Pilotstudie einschließlich kartographischer und statistischer Darstellung wurde im Band VII: Verfassung und Parlamentarismus der Reihe Die Habsburgermonarchie 1848-1918 veröffentlicht. Der weit gespannte zeitliche Rahmen von 1848-1911 und das Ziel, auch die ökonomischen, gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Rahmenbedingungen für die Wahlentscheidungen in die Datenerfassung einzubeziehen, bieten die Möglichkeit, Entwicklungslinien über einen größeren Zeitraum und sozialgeschichtliche Querverbindungen aufzuzeigen.

Als zweiter Schwerpunkt des Projekts soll ein umfassendes biografisches Lexikon der Mitglieder des österreichischen Reichstages von 1848/49 und des österreichischen bzw. cisleithanischen Reichsrates von 1861-1918 (Herrenhaus und Abgeordnetenhaus) erarbeitet werden. Auch für diesen Bereich gibt es bisher lediglich regional und zeitlich eingeschränkte Detailarbeiten, während ein lückenloses Verzeichnis der Parlamentarier der Wiener Zentralparlamente nicht existiert. Orientiert an internationalen Vorbildern sollen sämtliche Mitglieder der zentralen parlamentarischen Körperschaften der österreichischen Monarchie in ihren biografischen Grunddaten und den maßgeblichen Angaben zur parlamentarischen Tätigkeit (Dauer der Mitgliedschaft, Wahlkreis, parlamentarische Funktionen, Klubmitgliedschaft etc.) erfasst werden, wobei auch die für Österreich überaus bedeutenden ethnisch-nationalen und religiösen Faktoren berücksichtigt werden. Jeder Eintrag wird ergänzt um Angaben zum Bildungs-, Berufs- und politischen Werdegang und um Literatur- und Quellenhinweise.

Als Pilotstudie soll zunächst ein biografisches Lexikon der Abgeordneten des allgemeinen, gleichen Männerwahlrechts von 1907-1918 erscheinen, wobei auf intensiven Vorarbeiten von Robert Luft und Harald Binder in ihren Dissertationen über die tschechischen bzw. galizischen Abgeordneten dieser Periode aufgebaut werden kann.

Während das biografische Abgeordnetenlexikon intensiv bearbeitet wird, können die Arbeiten am „Atlas zur Wahlgeschichte“ aufgrund unzureichender Finanzierung zur Zeit nicht vorangetrieben werden. Bisher wurden die Wahlrechtsbestimmungen zusammengestellt und analysiert sowie die digitalisierten kartografischen Grundlagen für die einzelnen Wahlkarten erarbeitet.
 

Mitarbeiter
Planung und Koordination: Dr. Peter Urbanitsch
Parlamentarier in Österreich 1848-1918: Dr. Franz Adlgasser