IV. Fremdwahrnehmung
und
Selbstidentifikation

WittgensteinProjekt 2005-2010
 

 

 

 

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Die Wahrnehmung von Fremden/Anderen in päpstlichen Quellen des 8. und 9. Jahrhunderts
The perception of ‚others’ in papal sources of the 8th and 9th century

Bearbeiter: Clemens Gantner – Kontakt


Die zeitlichen Eckpunkte des Projekts bilden die Pontifikate Gregors II. (715-731) und Johannes VIII. (872-882).

Unter wechselnden politischen Rahmenbedingungen sah sich das Papsttum in dieser Zeit mit einer Vielzahl von Fremden, insbesondere mit vielen fremden Völkern konfrontiert, zum Teil im Zuge einer (durchaus selbstbewussten) geistlichen Machtpolitik: Gleich drei Päpste korrespondierten mit dem Missionar und Kirchen-Reformer Bonifatius im östlichsten Bereich des fränkischen Einflussgebietes. Über hundert Jahre später verhandelte Nikolaus I. mit dem Khan der Bulgaren über die richtige Ausübung der christlichen Religion, und wenige Jahre später war man auch im Mährerreich um die Durchsetzung der römischen Lehre bemüht. Das heißt, die Behandlung von theologischen Fragen und die Unterstützung der lateinischen Mission waren wichtige Faktoren, die sich im Bezug auf Fremde in den päpstlichen Quellen niederschlugen. Dahinter stand wohl immer das Vorbild Gregors des Großen.

Aber die Päpste waren in Interaktion mit den Anderen auch mitten im politischen Geschehen der Apenninenhalbinsel. Dabei gab es Gruppen, wie Langobarden und Franken, mit denen ambivalente Beziehungen gepflegt wurden, wo Kooperation und Konflikt nahe beisammen lagen. Konfliktreich war das Verhältnis meist zu den Repräsentanten des Byzantinischen Reiches, die aber von aus dem östlichen Teil des Mittelmeerraumes stammenden Personen im Allgemeinen unterschieden werden müssen. Im neunten Jahrhundert kam mit den Sarazenen noch eine Gruppe von Fremden hinzu, die immer mehr ins Zentrum der päpstlichen Politik rücken sollte – und die im Gegensatz zu allen anderen Fremden ausschließlich als Bedrohung dargestellt wurde.

Als Quellen für die Wahrnehmung all dieser Fremden sollen zunächst die Briefe der Päpste an verschiedenste Adressaten dienen, zum Beispiel der so genannte Codex Carolinus, der einen Teil der päpstliche Korrespondenz des 8. Jahrhunderts mit den Franken zusammenfasst, und die umfassenden Briefsammlungen Nikolaus I. und Johannes VIII. Zudem wird auch die Darstellung des Liber Pontificalis, des päpstlichen Geschichtsbuches, mit einbezogen.

Unter anderem werden folgende Forschungsfragen gestellt:

·         Wie definieren sich die ‘Fremden’ aus Sicht der verschiedenen Päpste?
Derzeit wird das reiche Quellenmaterial der 770er Jahre untersucht.

·         Gibt es einen Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Gruppen/Ethnien und jener von Individuen?
Einerseits soll hier untersucht werden ob und inwiefern die Wahrnehmung von Gruppen, vor allem solcher, die pejorativ geschildert werden, auch für diesen Gruppen angehörige Individuen übernommen wird. Auch der umgekehrte Fall kann hier durchaus vorkommen, das heißt die negative Einstellung einem Individuum gegenüber könnte auf eine ganze Gruppe übergehen.

·         Was waren die prägenden Vorlagen für die päpstliche Darstellung von Fremden?
Hier wird das Augenmerk zunächst auf den Ansätzen und Versatzstücken liegen, die aus der Bibel Einzug in die päpstliche Korrespondenz und Historiographie gefunden haben.

·         Welche Rückschlüsse können aus der Erforschung der Wahrnehmung von Fremden auf die Selbstwahrnehmung der Päpste gezogen werden?
Gab es zum Beispiel ein päpstlichen Konzept eines ‘internationalen’ populus christianus’? Wie wurde ein solcher umfassender Anspruch definiert und unter welchen Voraussetzungen wurde er angewandt oder eben nicht angewandt?

·         Welchen Einfluss hatten die kommunizierten Einstellungen der Päpste auf das Verhalten Anderer? Papst Zacharias hatte zum Beispiel, wie die Quellen zeigen, trotz sehr geringer militärischer Druckmittel relativ großen Einfluss auf das Verhalten König Liutprands. Vielleicht lassen sich an solchen Beispielen Zusammenhänge zwischen Diskurs und Politik zeigen.