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Ethnische Prozesse |
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Wie entstanden im frühen Mittelalter die europäischen Völker? Wenige historische Probleme haben im 19. und 20. Jahrhundert so weitreichende ideologische Folgen gehabt. Dass ethnische Identitäten keine Frage des Blutes, sondern Ergebnis historischer Prozesse sind, wurde erst langsam deutlich. Die Forschung muss sich daher auf mehreren Ebenen bewegen. Natürlich beschäftigt sie sich mit dem Hervortreten ethnischer Gruppen wie Franken, Angelsachsen oder Slawen und mit den frühmittelalterlichen Wahrnehmungen dieser neuen Identitäten. Zugleich geht es um eine lange Geschichte der Suche nach den Ursprüngen und der Identifikation mit Völkern der Vergangenheit, bis hin zu moderner Geschichtsforschung und Ideologie. Um die Funktion solcher ethnischer Erinnerungen zu verstehen, gilt es auch zu analysieren, wie ethnische Identitäten insgesamt so wichtig für die politische Landschaft Europas werden konnten, anders als in anderen Kulturen (zum Beispiel in der islamischen Welt). Die Untersuchung vergangener Identitäten kann der Erforschung moderner Nationsbildung Tiefenschärfe verleihen und den Zusammenhang zwischen der Konstruktion von Identitäten und ihrer lebensweltlichen Dimension erhellen. Dieser Ansatz wurde von Herwig Wolfram und Walter Pohl entwickelt; die „Wiener Schule“ ist mittlerweile als international führendes Forschungszentrum anerkannt. Walter Pohl hat eine Reihe von Forschungsperspektiven erschlossen, die er derzeit verfolgt. Neben der Untersuchung ethnischer Identitäten im frühmittelalterlichen Ostmitteleuropa (eine englische Neuausgabe des Buches über die Awaren ist in Arbeit) ist eine Fallstudie über das langobardische Italien in Vorbereitung. Wie verwandelte sich das ehemalige Kernland des Römischen Reiches, und welche Rolle spielten die ‚Barbaren’ bei diesem Prozess? Welche Identitäten spielten wann und für wen eine Rolle? Um solche Fragen beantworten zu können, hat Walter Pohl einen neuen Ansatz bei der Untersuchung frühmittelalterlicher Texte entwickelt. Die vielfältigen Kontexte und Varianten von Texten in mittelalterlichen Handschriften reflektieren die Anstrengungen von Individuen und Gruppen, der Welt Sinn zu geben. Der Frage nach ‚Texten und Identitäten’ ging Pohls Buch über Montecassino im Frühmittelalter nach, und sie wird nun in ähnlichen Bereichen von einer Gruppe jüngerer Historiker weiter verfolgt. Die Untersuchung von ‚Texten der Identität’ im Frühmittelalter wird in den kommenden Jahren im Zentrum stehen. Diese Forschungsvorhaben sollten ein umfassendes neues Bild der ethnischen Prozesse und der Konstruktion von Identitäten im nach-römischen Europa ergeben. In zwei kürzlich erschienenen Büchern („Die Germanen“, „Die Völkerwanderung“) hat Pohl eine erste Synthese versucht. Nötig sind weitere vergleichende Studien über frühmittelalterliche Migration und Integration, wobei ein interdisziplinärer Ansatz und ein Dialog mit der Forschung über heutige Migrationen entwickelt werden soll. Das Mittelalter bietet einzigartige Möglichkeiten, langfristige ethnische Prozesse auf Grund beträchtlicher schriftlicher und materieller Quellen zu untersuchen. Die Art, wie ethnische Identitäten zur Grundlage politischer Macht und individueller Selbstwahrnehmung wurden, ist den Europäern gemeinsam und geht in vieler Hinsicht auf das Frühmittelalter zurück. Die Erforschung ethnischer Prozesse im Frühmittelalter kann daher manches zum Verständnis der heutigen Welt beitragen. Current research interests
ETHNIC PROCESSES IN THE EARLY MIDDLE AGES
How did the European peoples
develop in the early Middle Ages? Few problems in history have had such
far-reaching ideological consequences in the 19th and 20th
centuries. Only gradually has it become clear that ethnic identities are
not a matter of blood but the result of historical processes. Research
therefore has to operate on several levels: Of course, it deals with the
emergence of ethnic groups such as Franks, Anglo-Saxons or Slavs, and
with early medieval perceptions of these new identities. At the same
time, it has to take into account a long story of the search for origins
and of identifications with the peoples of the past, culminating in
modern historiography and ideology. To understand the function of these
ethnic memories, it is also important to analyse how ethnicity became
central to the political landscape of Europe, unlike in other cultures
(for instance, in the Islamic world). Studying past identities can thus
lend a depth of focus to research on the modern nation and explore the
interplay between the construction of identities and their Lebenswelt
dimension. This approach has been developed by Herwig Wolfram and Walter
Pohl, and the ‘Vienna School’ is now internationally recognized as one
of the leading research centres in the field. Walter Pohl has opened up several research perspectives which he is currently pursuing. Besides the study of ethnicity in early-medieval central and eastern Europe (a revised English version of the book “Die Awaren” is forthcoming), a case study on Italy under Longobard rule is currently in preparation. How was the ancient heartland of the Roman Empire transformed, and what role did ‘barbarians’ play in the process? Which identities mattered to whom and when? To answer such questions, Walter Pohl has found a new approach by studying early medieval texts. The multiple contexts and variants of texts in medieval manuscripts reflect the various ways in which individuals and groups struggled to make sense of the world. The question of “texts and identities” has been explored in his book on early-medieval Montecassino, and is now being pursued in related fields by a group of younger scholars. This study of ‘texts of identity’ will be at the centre of research in years to come. These lines of research should result in a fairly broad new picture of ethnic processes and the construction of identities in post-Roman Europe. In two recent books (“Die Germanen”, “Die Völkerwanderung”), Pohl has attempted a first synthesis. More comparative research needs to be done on early-medieval migration and integration, where an interdisciplinary approach and a dialogue with research on contemporary migrations will be developed. The middle ages provide unique opportunities to study long-term ethnic processes on the basis of considerable written and material evidence. There is a shared European way of making ethnic identities the basis of political power and individual self-perception which goes back to the early middle ages. Therefore, the study of ethnic processes in the early middle ages can contribute to a better understanding of our world. |
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