der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

 

 

 

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Staat und Staatlichkeit im europäischen Frühmittelalter, 500-1050
Grundlagen, Grenzen, Entwicklungen

State in Early Medieval Europe, 500-1050
Foundations, Limits, Developments

L’état en Occident au Haut Moyen Âge, 500-1050
Fondements, Limites, Développements

Termin: 18.-21.9.2007

Ort: Wien
Aula Unicampus • Altes AKH • Hof 1 • Spitalgasse 2-4 oder Alserstraße 4

Das Symposion wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften  (Institut für Mittelalterforschung) in Zusammenarbeit mit einer internationalen Projektgruppe veranstaltet und ist Teil des Wittgenstein-Preis-Projektes.

Hintergrund und Konzept der Tagung

‚Staat‘ im Frühmittelalter ist ein in mehrfacher Hinsicht kontroverses Thema. Umstritten sind erstens der Anteil und die Bedeutung der spätantik-römischen Traditionen einerseits und der (in der früheren Forschung zweifellos überschätzten) ‚germanischen’ Elemente andererseits. Damit stellt sich zweitens die Frage, wie ‚geschlossen’ oder ‚institutionalisiert’ man sich den ‚Staat’ und seine Elemente im Mittelalter letztlich vorstellen darf oder ob dieser, wie die ältere deutsche Forschung annahm, noch ganz von personalen Bindungen geprägt war (“Personenverbandsstaat“).  Entsprechend wird drittens unterschiedlich beurteilt, wann ein Wandel zu „transpersonalen Staatsvorstellungen“ und Institutionalisierung einsetzte. Viertens ist (folgerichtig) strittig, ob die damaligen Zeitgenossen überhaupt ein hinreichendes theoretisches Konzept von ihrem Staat hatten. Darüber hinaus aber herrschen über diese Fragen in den Geschichtswissenschaften der einzelnen Länder  fünftens nicht nur unterschiedliche Einschätzungen vor, die ihrerseits auf divergierenden Traditionen beruhen, sondern man bedient sich auch unterschiedlicher Begriffe oder gebraucht analoge Begriffe anders, was die Verständigung nicht leichter macht. Viele deutsche Mittelalterforscher lehnen es ab, für das frühere Mittelalter überhaupt von einem „Staat“ zu sprechen, und vergleichen die politischen Zustände und Ordnungen im frühen Mittelalter mit den vorstaatlichen Gesellschaften der Ethnologie, während die west- und südeuropäische Geschichtswissenschaft weiterhin zumeist zwanglos, oft aber vielleicht auch unreflektiert, von „state“, „état“, „stato“ oder „estado“ spricht. Um die Entscheidung zwischen ‚Staat’ oder ‚Nicht-Staat’ zu vermeiden, hat sich in der deutschen Mediävistik der differenzierbare Begriff ‚Staatlichkeit’ eingebürgert, der allerdings kaum in andere Sprachen übersetzbar ist (wie schon am Titel dieser Tagung ablesbar). Zwischen den verschiedenen Forschungstraditionen in Europa unterscheiden sich Forschungsinteressen und Interpretationsmuster weiterhin sehr, und es besteht keine Einigkeit darüber, was denn ‚Staat‘ in den Geschichtswissenschaften überhaupt bezeichnet und was den frühmittelalterlichen Staat charakterisiert.

Eine Untersuchung dieser Fragen im europäischen Rahmen und in vergleichender Perspektive ist deshalb überfällig. Sie ist bislang auf der Grundlage des heute erreichten Forschungsstandes noch nicht oder allenfalls zu einzelnen Aspekten geleistet worden. Eine internationale Projektgruppe versucht daher seit einiger Zeit, einen Überblick über die Forschungslandschaft zu gewinnen und die umstrittenen Fragen der europäischen Staatlichkeit im frühen Mittelalter zu diskutieren.  Schwerpunkte waren hier zunächst folgende, jeweils im europäischen Vergleich zu behandelnde Aspekte:

1. Staatskonzepte und Terminologie von der Spätantike bis zum Hochmittelalter

2. Wahrnehmungen des Staates in zeitgenössischen Texten

3. Institutionelle Grundlagen, Ressourcen und Strategien frühmittelalterlicher Herrschaftspraxis

4. Ethnos, Nation und Staat.

Erste, bei einer Reihe von Treffen der Arbeitsgruppe gewonnene Ergebnisse wurden in einem 2006 erschienenen Band („Staat im frühen Mittelalter“, hg. v. Stuart Airlie, Walter Pohl und Helmut Reimitz) veröffentlicht.

Die Diskussionen sollen auf diesem Symposion in breitem Rahmen fortgeführt werden, wobei vier Aspekte im Zentrum stehen:

räumlich die gesamteuropäische Perspektive,

zeitlich die Entwicklung vom spätantiken Rom und Byzanz und den frühmittelalterlichen Nachfolgestaaten über die karolingerzeitlichen bis zu den ottonenzeitlichen Königreichen

methodisch die – synchron zwischen verschiedenen Regna und Räumen wie diachron anzustellende – vergleichende Betrachtung und

inhaltlich die Fragen nach den Grundlagen und Spezifika, den Möglichkeiten und Ausgestaltungen frühmittelalterlicher Staaten einerseits und deren Grenzen und Problemen andererseits. Dieser letzte, inhaltliche Aspekt bildet das Leitmotiv für alle Vorträge.

Das Symposion, das internationale Historikern versammeln wird, die durchaus unterschiedliche Forschungsansätze vertreten, soll diesen Fragen sowohl in „nationaler“ Perspektive, nämlich in Abwägung der Zustände in einzelnen Reichen, als auch im Hinblick auf einzelne Aspekte und Fallbeispiele der „Staatlichkeit“, in jedem Fall aber in vergleichender Herangehensweise, nachgehen. Nicht die terminologische Frage (Staat oder Nicht-Staat?) soll im Mittelpunkt stehen (die außerhalb von Deutschland weniger im Vordergrund steht); vielmehr soll der Befund diskutiert werden, der dann verschiedene terminologische Entscheidungen ermöglicht. Vor allem soll überprüft werden, welche Formen und Mittel ‚staatlicher‘ Integration und welche Vorstellungen von einem staatlichen Zusammenhang sich feststellen lassen, wie diese sich in den einzelnen Regionen und Reichen unterscheiden und wie sie sich von der Spätantike bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts entwickeln. Andererseits sollen Kriterien und Elemente der Organisation des ‚großen Raumes‘ in ihren Intentionen und ihrer Wirksamkeit (oder auch ihrer mangelnden Wirksamkeit) analysiert werden. Dabei kann selbstverständlich keine Vollständigkeit angestrebt werden, wohl aber eine methodische Diskussion darüber, was einzelne Zugänge für die Debatte um den frühmittelalterlichen Staat zu leisten vermögen.

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Programm (Stand 5.9.2007)

Dienstag, 18. 9.2007

9:00 – 10:30 

Begrüßung

I. Exemplarische Längsschnitte: Voraussetzungen und Entwicklungen

A.  Römische Traditionen und ihre Veränderungen (500-700)

Einleitung: Herwig Wolfram, Das römische Königtum der Germanen
Ian Wood, Burgundians and Franks

 

11:00 – 12:30
Jörg Jarnut, Langobarden
Javier Arce, Wisigoths

 

12:30-14:00  Mittagspause

 

14:00 – 15:30

Javier Arce, Wisigoths

 

15:15 – 16:45

B. Staatlichkeit der Karolingerzeit (700-900)
Einleitung: Rudolf Schieffer, Die internationale Forschung zur Staatlichkeit in der Karolingerzeit
Joachim Ehlers, West- und Ostfrankenreich im Vergleich (9./10. Jh.) 

15:45 – 17:15
Stefano Gasparri, Italien in der Karolingerzeit
Barbara Yorke, The Anglo-Saxon Kingdoms

17:30 – 19:00

C. Europäische Staatlichkeit nach der Auflösung des karolingischen Imperiums (850-1050): Neuanfang oder Kontinuität?

Einleitung: Hagen Keller, Die internationale Forschung zur Staatlichkeit der Ottonenzeit
Roman Deutinger, Das Reich der Ottonen

 

Mittwoch, 19. 9.2007

9:00 – 11:15 

Sverre Bagge, Scandinavia

Janet Nelson, Anglo-Saxon and Western Frankish regna in comparison

Wendy Davies, States and No-States in the Celtic World

 

11:45 – 13:15

Christian Lübke, Frühe Slawische Staaten

1. Round-Table: Europäische Staatlichkeit: synchroner Vergleich und diachrone Entwicklung

Jürgen Strothmann, Dieter Geuenich, Conrad Leyser

 

13:15 – 14:30 Mittagspause

 

14:30 – 16:45

II. Grundlagen, Grenzen und Probleme der Staatlichkeit

A. Träger

Matthias Becher, Die Bedeutung der Dynastien für die Ausbildung der Staaten

François Bougard, Les fonctionnaires civiles

Régine Le Jan, Les élites

 

17:15 – 18:45

Julia Smith, Gender perspectives on the State

Mayke de Jong, State and Ecclesia 

 

Donnerstag 20.9.2007

9:00 -10:30

Steffen Patzold, Kirchliche Amtsträger: die Bischöfe

Thomas Vogtherr, Kirchliche Amtsträger: die Äbte

 

10:45 – 13:00

B. Ressourcen und Organisation

Josiane Barbier, Le fisc (et autres ressources materielles)

Paul Fouracre, Merovingian and carolingian state and their ressources in comparison 

Stefan Esders, Rechtliche Grundlagen der Staatlichkeit

 

13:00-14:30 Mittagspause

 

14:30 – 16:45

Matthew Innes, Centre and regions

Volker Scior, Boten- und Gesandtschaftswesen

Brigitte Kasten,  Das Lehenswesen: Fakt oder Fiktion?

 

16:45 - 19:00

C. Legitimierung und symbolische Fundierung

Ludger Körntgen, Möglichkeiten und Grenzen religiöser Herrschaftslegitimation

Rosamond McKitterick, Court and communication
Gerd Althoff, Rituale als staatskonstituierende Elemente? 

 

Freitag, 21. 9. 2007

9:00 – 10:30

Philippe Depreux, Anfänge und Bedeutung der Investituren

Ildar Garipzanov, Coins as symbols of early Medieval “Staatlichkeit“

 

11:00 – 12:30

Helmut Reimitz, Historiographische Konstruktionen von Staatlichkeit

Walter Pohl, Regnum und gens

 

13:00-14:30 Mittagspause

 

14:30 – 16:00

D. Zeitgenössische Vorstellungen und Konzepte

Sören Kaschke, Transpersonale Staatsvorstellungen im Frankenreich

Hans-Werner Goetz, Erwartungen an den „Staat“: die Perspektive der karolingischen Historiographie

 

16:15-17:45

E. Grenzen und Widerstände

Stuart Airlie, Challenge, resistance and rebellion

Stephen Baxter, The end of the Anglo-Saxon kingdom

 

18:00 – 19:00

2. Round-Table-Diskussion und Schlußdiskussion: Möglichkeiten und Grenzen frühmittelalterlicher Staatlichkeit

Evangelos Chrysos, Bernhard Jussen, Thomas Zotz

 

Programm (PDF)
 

Frühmittelalterforschung