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Dr. Roland Steinacher DW 7205 • Email: Roland.Steinacher

Vandalenbibliographie


Historische ethnographie der vandalen
Historical Ethnography of the Vandals

Beim Fonds zur Foerderung der wissenschaftlichen Forschung wurde von Walter Pohl ein Antrag für ein dreijaehriges Forschungsprojekt mit dem Titel "Historische Ethnographie der Vandalen" eingebracht. Dieses ist nun genehmigt und findet von September 2002 bis September 2005 an der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Oesterreichischen Akademie der Wissenschaften statt.
Die geringe Präsenz der Vandalen und ihres nordafrikanischen Reiches in der heutigen Forschung soll durch das beantragte Projekt verbessert werden. Es werden auch bisher nicht oder kaum dargestellte Aspekte der vandalischen Geschichte thematisiert. Das Kernproblem ist dabei die Frage nach der vandalischen Identität. Wer waren und wer wurden die Vandalen, und welche Rolle spielte dabei das vandalische Regnum?
Langfristig soll das die Grundlage dafür darstellen, eine neue Geschichte des Vandalen zu schreiben. Durch die systematische Untersuchung der historiographischen, literarischen, patristischen und teilweise der archäologischen Quellen zum vandalischen Regnum und zu dessen Vorgeschichte soll ein Überblick erarbeitet werden, der in der Forschung seit den sechziger Jahren nicht mehr geleistet worden ist. Die Vandalengeschichte muss dabei in die in jüngster Zeit sehr rege Forschung zur spätantiken Mittelmeerwelt eingebettet werden; vor allem aber müssen ethnische Prozesse systematisch untersucht werden, was bisher im Fall der Vandalen nicht geschehen ist. Projektziele

Auszuege aus dem Projektantrag/ Quellen und Literatur

1. Einleitung
Gab es einen vandalischen Sonderweg? Diese Frage stand über dem Vandalenkapitel in dem von Herwig Wolfram verfassten Band 1 von Siedlers Deutscher Geschichte, „Das Reich und die Germanen“ (Wolfram 1998). Tatsächlich mutet manches bei den Vandalen zunächst anders an als bei anderen Völkern, die auf römischem Boden ihre Reiche bildeten. Auf der einen Seite galten sie der Nachwelt als barbarischer und wilder als Goten oder Franken, was die Moderne im Schlagwort des ‚Vandalismus‘ zuspitzte. Auf der anderen Seite wurden sie in einer funktionierenden spätrömischen Gesellschaft in der reichen Provinz Africa integriert und assimiliert, sodass die byzantinischen Eroberer über die kultivierte Lebensweise der vandalischen Oberschicht staunten. „Eroberung und Integration“, heisst demgemäss die Kapitelüberschrift im Völkerwanderungsbuch des Antragstellers (Pohl, im Druck b), in dem von Geiserich und den Vandalen die Rede ist.

Die Vandalen sind gerade durch dieses Spannungsverhältnis ein besonders interessanter Testfall für die historische Ethnographie der Völker des Frühmittelalters. Nachdem sie 406/07 gemeinsam mit einer sehr gemischten Streitmacht den Rhein überschritten hatten, machte ihre Integration zunächst grosse Schwierigkeiten. Geiserichs Übergang nach Afrika 429 änderte bald die Situation (Courtois 1955; Diesner 1966). Der Reichtum Africas erlaubte es, die massgeblichen Gruppen unter den Eroberern auskömmlich zu versorgen. Die Existenz als Grundbesitzer in einer im wesentlichen funktionierenden spätrömischen Gesellschaft führte, bei allen Spannungen, bald zur weitgehenden Romanisierung und Akkulturation der Vandalen (Clover 1989). Die vandalische Identität, die den Zugang zu Privilegien öffnete, wurde dabei freilich bewahrt, vielleicht auch von Mitgliedern einheimischer Führungsschichten übernommen. Gerade in jenem Teil des Westreiches, das von der Germania am weitesten entfernt war, entstand also das zunächst erfolgreichste Regnum, das Krieger germanischer Herkunft auf römischem Boden errichteten. Die Nachrichten über die Verhältnisse im Königreich Geiserichs und seiner Nachfolger sind allerdings noch tendenziöser als anderswo. Der ausführlichste zeitgenössische Bericht aus dem vandalischen Afrika, verfasst vermutlich 484 von Bischof Victor von Vita, trägt charakteristischerweise den Titel „Historia persecutionis Africanae provinciae“ und handelt von der Verfolgung der katholischen Kirche durch die arianischen Vandalenkönige.

Vor allem die anti-arianische Polemik aus dem Vandalenreich, die im Mittelalter weite Verbreitung fand, prägte langfristig das abendländische Vandalenbild. In der französischen Revolution entstand daraus das Schlagwort vom Vandalismus, das grossen Erfolg hatte. Im historischen Bewusstsein Europas kommt den Vandalen damit eine besondere Rolle zu. Alle späteren europäischen Staaten suchten und fanden 'ihre' historischen Vorgänger in frühmittelalterlichen Staatsbildungen wie vermeintlich klar abgrenzbaren Ethnien und gaben diesen eine spezifische Geschichte als identitätsstiftenden Faktor. Die Vandalen blieben dabei sozusagen frei, der spätere Gebrauch ihrer Geschichte ist daher einigermassen kompliziert. Eine im Mittelalter gebräuchliche Identifikationslinie war die Gleichsetzung mit den Wenden/Slawen, die aber der humanistischen Kritik letztlich nicht standhielt. In der frühen Neuzeit bediente sich das schwedische Königreich der vandalischen Tradition. Deutsche und Franzosen entdeckten im 19. Jahrhundert die Vandalen wieder. Erstere sahen in ihnen einen „deutschen Stamm“ und ordneten sie in die germanisch-deutsche Geschichte ein; letztere suchen in Nordafrika einen vorislamischen Traditionsträger christlicher und damit quasi europäischer Staatlichkeit, um ihre Kolonialherrschaft zu legitimieren. In beiden Fällen ist die Bezugnahme aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie etwa bei den Franken. Die arabische Eroberung des 7. Jahrhunderts entzog Nordafrika sozusagen der Zugehörigkeit zu Europa und begründete andere Identitäten.
Diese Zusammenhänge bedingen auch die geringe Präsenz der Vandalen und ihres nordafrikanischen Reiches in der heutigen Forschung. Das beantragte Projekt soll Lücken schliessen und bisher nicht oder kaum dargestellte Aspekte der vandalischen Geschichte thematisieren. Das Kernproblem ist dabei die Frage nach der vandalischen Identität. Wer waren und wer wurden die Vandalen, und welche Rolle spielte dabei das vandalische Regnum? Diese Frage soll in dem hier skizzierten Projekt systematisch untersucht werden.

Langfristig soll das die Grundlage dafür darstellen, eine neue Geschichte des Vandalen zu schreiben. Durch die systematische Untersuchung der historiographischen, literarischen, patristischen und teilweise der archäologischen Quellen zum vandalischen Regnum und zu dessen Vorgeschichte soll ein Überblick erarbeitet werden, der in der Forschung seit den sechziger Jahren nicht mehr geleistet worden ist. Die Vandalengeschichte muss dabei in die in jüngster Zeit sehr rege Forschung zur spätantiken Mittelmeerwelt eingebettet werden; vor allem aber müssen ethnische Prozesse systematisch untersucht werden, was bisher im Fall der Vandalen nicht geschehen ist.

Als Ausgangsbasis dazu kann die Arbeit der 'Wiener Schule' der historischen Ethnographie dienen, die Herwig Wolfram aufgebaut und international bekannt gemacht hat. Ethnische Identitäten sind hierbei anknüpfend an die Ideen von Reinhard Wenskus (Wenskus 1961) nicht als biologisch determinierte Gemeinschaften definiert, sondern als Ergebnisse historischer Entwicklungen. Frühmittelalterliche Ethnogenesen waren mehr oder weniger kontinuierliche Prozesse, in denen sich aus der ethnisch heterogenen Welt der Spätantike Völker des Mittelalters entwickelten, von denen manche zu modernen europäischen Nationen geworden sind. Die Völker des frühen Mittelalters waren keine abgeschlossenen oder gar homogenen Einheiten, sondern bestanden aus verschiedenen, oft recht mobilen Gruppen, sodaß sie sich als ethnische Gemeinschaft ständig neu bestätigen und behaupten mussten. Diese Grundlagen wurden bereits in mehreren monographischen Fallstudien angewandt, die auch international grosse Beachtung fanden. So sind die Arbeiten zu den Goten (Wolfram 1979/42001), den Völkern Mitteleuropas (Wolfram 1987), den Awaren (Pohl 1988) und den Langobarden (Pohl, Monographie in Bearbeitung) zu nennen. Eine ähnlich umfassende Studie für das Reich der Vandalen, Alanen und Mauren wurde bisher nicht unternommen und soll im beantragten Projekt begonnen werden.
 

Texte spiegeln ethnische Prozesse nicht nur wider, sondern tragen selbst dazu bei, sie zu entwerfen und zu propagieren. Dazu haben mehrere Forschungsrichtungen wichtige Beiträge geleistet: Die Untersuchung von Stereotypen und Fremdbildern ist gerade bei den Barbaren der Antike und des Frühmittelalters ergiebig (Müller 1980; Dauge 1981; Eckhard 1990; Nassehi 1997; Anderson 1988; Kristeva 1990). Herkunftssagen und andere Mythen ebenso wie Rechtstraditionen können als 'Mythomoteurs' (Smith 1986) betrachtet werden, die eine Gemeinschaft mit sozialem Sinn ausstatten konnten. Die Beziehungen zwischen Identität, Historiographie und ihrer Vermittlung werden in der neueren Forschung ebenso als Problem erkannt (Spiegel 1990 und 1997) wie die Rolle von Texten als Träger 'sozialer Erinnerung'. (Fentress/Wickham 1992; Geary 1994). Aus solchen Überlegungen zu Identität und dem davon abzugrenzenden Fremden heraus gedacht, kann die Spannung in der Darstellung der Vandalen in den lateinischen und griechischen Texten zwischen ihrer Rolle als fremde Eroberer und als politische wie militärische Elite in einer spätrömischen Gesellschaft besser verstanden werden.

2. Projektziele
Ein Hauptziel des Projektes ist die systematische Untersuchung der Bedeutung und Rolle der ethnischen Gruppen im Vandalenreich mit den Methoden der historischen Ethnographie. Der Neuansatz ergibt sich gegenüber allen älteren Arbeiten schon dadurch, dass die ethnischen Identitäten nicht als von vornherein gegeben vorausgesetzt werden, sondern dass gezielt nach den Prozessen der Identitätsbildung gefragt werden soll. Das gilt zunächst für die das Regnum tragenden Gruppen der Vandalen/Alanen, Römer und Berber. Auch die kleineren, teils kaum untersuchten, Gruppen, Griechen, Juden, Lybier (die auch historisierend als Phoenikier/Punier angesprochen werden), die sogenannten 'Mooren' sowie solche, die aus anderen Gebieten des römischen Reiches stammen, sollen in die Betrachtung einbezogen werden (bisherige Überlegungen bei: Schmidt 1901, 47ff.; Boissier 1907; Courtois 1955, 104-112; Rosenblum 1961; Bachrach 1973).
 Bei den drei genannten grossen Gruppen muss die Frage nach der tatsächlichen Heterogenität und der Haltbarkeit der Klassifizierung in der traditionellen Forschung neu gestellt werden. Selbst die zeitgenössische Terminologie ist vielfältig und widersprüchlich (Prokop etwa bezeichnet die ‘römische‘ Bevölkerung pauschal als Lybier). Die Zusammensetzung der 'Vandalen' war polyethnisch und entstand nicht zuletzt aus den Voraussetzung der Wanderungszeit. Die Beziehungen dieser Gruppen untereinander waren zudem dynamisch, ethnische Grenzen konnten sich verschieben, die vandalische Identität hatte durch ihr hohes Sozialprestige einige Anziehungskraft für Menschen anderer Herkunft. Die sich daraus ergebenden ethnischen Prozesse können vielfach nur aus verstreuten Spuren erschlossen werden; eine systematische Zusammenstellung des diesbezüglichen Materials ist unter dieser methodischen Voraussetzung jedoch noch nicht versucht worden.

Die Untersuchung ethnischer Prozesse und Identitäten muss mit dem besonderen Charakter der zur Verfügung stehenden Quellen rechnen. Wie bei vielen Barbarenvölkern sind kaum Selbstzeugnisse erhalten, die erhaltenen Schriftquellen sind alle aus Sicht der spätantiken lateinisch/griechischen Kultur geschrieben. Dazu kommt spezifisch für das vandalische Afrika die hohe Bedeutung der patristischen Literatur, deren Eigengesetzlichkeit in die Betrachtung einbezogen werden muss. Eine Vandalengeschichte vergleichbar den Getica des Iordanes haben wir nicht, geschweige denn ein berberisch/autochthones Pendant. Nur in der Epigraphik existieren Selbstzeugnisse, wenn auch wiederum ganz dem römischen kulturellen Muster folgend (Février 1966). Die Historiographie kennt nur den doppelten Blickwinkel der zuerst zu Untertanen gemachten (etwa bei Victor von Vita) und später als Sieger triumphierenden Römer/Rhomaier (wie bei Prokop). Es fragt sich, wie homogen und geschlossen diese römische Perspektive ist bzw. andere wahrnimmt; es wird sich zeigen lassen, dass die verschiedensten Beurteilungen in den Quellen zu greifen sind.
 

Stereotypen, Topoi und Fremdenbilder in den patristischen und historiographischen wie literarischen Quellen werden in den verschiedenen Quellengattungen höchst unterschiedlich verwendet. Allein diese Tatsache ist im Einzelnen darzulegen. Wann und zu welchem Anlass werden diese Bilder entworfen? Sind sie speziell der Situation angepasst, oder etwa aus der ethnographischen Literatur entlehnt, sind sie unmittelbares politisches Mittel und mit welchen Mustern wird da gearbeitet? Bei Victor von Vita werden zum Beispiel zur Verstärkung der Ablehnung der arianischen Vandalen auch massiv Barbarentopoi eingesetzt, die wohl kaum adäquat waren. Wie kann sich die Wahrnehmung einer Gruppe fremder Eroberer verändern, im Positiven und im Negativen? Mit welchen Methoden wird sie literarisch/historiographisch integriert? Hier verbinden sich die Fragestellungen der historischen Ethnographie mit denen einer Quellen- und Textkritik, die besonders danach fragt, wie Texte Identitäten entwerfen, ‘verhandeln‘ und damit verfestigen oder abschwächen. Solche Fragen wurden in Wien vom Antragsteller und seinem Lehrer Herwig Wolfram zuletzt mit Erfolg am Beispiel der Goten, Langobarden und Franken entworfen und erprobt (z.B. Projekt P 13549-OEK, „Historische Ethnographie der Franken“).
 

Zu untersuchen ist zunächst Geschichte und Bedeutung der vandalischen Identität. Sie hat einerseits einen alten Kern, der wohl auf die Vandilier der ersten beiden Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückgeht (Pohl 2000, 56), doch auch Ambiguitäten mit sich führt: Gab es eine alte Dualität zwischen Hasdingen und Silingen, oder ist der Name der hasdingischen Königssippe erst im 5. Jahrhundert von Bedeutung (Castritius 1999)? Wie weit haben sich vandalische Teil-Identitäten in Afrika erhalten (vgl., wenn auch mit anzweifelbarem Ansatz, Pischel 1987)? Dazu wird es nötig sein, die vandalische Frühzeit in die Betrachtung einzubeziehen. Die ältere Germanenliteratur (Jahn 1940, 932-1036; Schwarz 1956; Diesner 1966, 17-30) ist ausführlich auf die vandalische Vorgeschichte und Wanderung eingegangen. Die dabei erstellten Thesen fussen meist auf verstreuten Nennungen in der antiken ethnographischen und historiographischen Literatur sowie auf archäologischen Überlegungen, die allerdings oft in methodisch sehr zweifelhafter Weise herangezogen werden (vgl. Bierbrauer, im Druck). Allein die Zusammenstellung und Auswertung der Vielzahl archäologischer Publikationen kann hier neue Erkenntnisse bringen. Welche Gruppen haben sich von ca. 400 bis 429 den Vandalen angeschlossen (Goten, Sueben etc.), und haben sie ihre Identität bewahrt? In besonderer Weise stellt sich diese Frage bei den Alanen, denn die politische Selbstdefinition des Vandalenreiches ist in der Bezeichnung "Rex N. Wandalorum (Vandalorum) et Alanorum" zu greifen (Wolfram 1967, 79-87; Courtois 1955, 380 und Anm. 111). Im übrigen sind die Hinweise auf alanische Identität in Afrika selten. Spiegelt der Königstitel die ideologische Konservierung eines bereits in den ersten Jahrzehnten im afrikanischen Regnum erreichten Ausgleichs zwischen den gentes, oder den tatsächlichen Weiterbestand zweier unterscheidbarer ethnischer Identitäten? Die rege Forschungsdiskussion zu dieser Frage soll ausgewertet und im Kontext neu befragt werden. Dazu muss unter anderem die Frage der ethnischen Veränderung während des spanischen Aufenthalts der Vandalen, Alanen und Sueben in die Betrachtung einbezogen werden.

In jedem Fall legt die wichtige Rolle der skythisch-sarmatischen Alanen die Frage nahe, wie 'germanisch' eigentlich das Vandalenreich war (Pohl, im Druck a). Die Definitionen in der angeführten Literatur jedenfalls gehen immer von der Überlegung aus, dass "Germanen die sind, die eine germanische Sprache sprechen" (Wenskus 1977, 113ff.). Diese Definition ist für die nachrömischen Königreiche allerdings wenig brauchbar, da Westgoten, Franken und Langobarden im Lauf der Jahrhunderte sprachlich völlig romanisiert wurden; wie das bei den Vandalen war, wäre zu überlegen. Erhalten blieb bis 534 verbreitet die germanische Namensitte; deren Identitätswirksamkeit wird derzeit in einem DFG-Projekt „Nomen et Gens“ (unter Beteiligung des deutschen Kooperationspartners, Jörg Jarnut) in weiträumigem Vergleich systematisch untersucht (Geuenich/ Haubrichs/ Jarnut 1997). Für die Zeitgenossen zählten die Vandalen zu den „gentes Gothicae“; nach Spuren der Identitätswirksamkeit dieser römischen ethnographischen Kategorie soll ebenfalls gesucht werden. In diesem Zusammenhang ist das Verhältnis zu den Reichen der Ost- und Westgoten von Interesse, unter anderem die Eheverbindung zwischen dem Vandalenkönig Thrasamund und der Gotin Amalafrida, die mit einem Gefolge von 1000 Goten nach Karthago kam (die aber alle nach einem Herrschaftswechsel ermordet wurden; vgl. Wolfram 1979/42001, 345).

Die Gruppe der Berber (Numidae, Gaetuli, Mauri, Maurusier: Boissier 1901, 5-9 und 351-360; Bouchier 1913, 4-12; Courtois 1955, 104-112; Schmidt 1901/1942, 1-23; Lapeyre 1950, 118-125 und 214-231) steht in vielfältigen Beziehungen zu den Vandalen und Römern (Courtois 1955, 325-359; Diesner 1966, 145-150). Sie stellen etwa die Landungstruppen beim Unternehmen Geiserichs gegen Rom (bei Prokop, BV, I 5) und werden überhaupt als Seeleute und Soldaten eingesetzt. 534 und 535 müssen byzantinische Truppen gegen Mauren auf Sardinien aufmarschieren. Diese sassen dort als 'vandalische' Militärsiedler (Prosper Tiro 1357; Prokop, BV, II 7; u.a.). Interessant ist die Inschrift am Stein von Altava von 508, auf dem sich die Formel "pro salute et incolumitate regis Masunae gentium Maurorum et Romanorum" findet (Wolfram 1967, 82f; Miltner 1955, 322). Diese zeugt von der Übernahme römischer Staatsideen und vermutlich einer Imitation des zweigliedrigen vandalischen Königstitels. Die Herrschaft in berberischen Sonderreichen wurde auf durchaus römische Weise legitimiert; berberische Herrscher nannten sich sogar 'imperator'. Hier liegt die Anwendung des Begriffs der "secondary state formation" nahe. Insgesamt handelte es sich um acht solcher Staatsgebilde, die sich an der Wende vom fünften zum sechsten Jahrhundert von Altava bis in die Tripolitana südlich der Provinzen Byzacena und Africa Proconsularis bildeten (Wolfram 1979/42001, 243f; Gsell 1929; Julien 1931; Courtois 1955, 333ff). Der Panegyrikus des Corippus zeugt von massiven Auseinandersetzungen der Byzantiner mit berberischen Gruppen nach Ende des vandalischen Reichs. Diese Muster sollen nun anhand der v.a. epigraphischen und archäologischen Quellen weiter untersucht werden. Wie die Vandalen übernahmen auch die autochthonen, berberischen Stämme Elemente antiker Staatlichkeit. Die am University College London von Mark Handley durchgeführten Arbeiten zur Sichtung der nordafrikanischen epigraphischen Überlieferung, die bisher kaum ausgewertet wurde, erleichtern die Untersuchung berberischer Identitäten im Spannungsfeld mit der römischen Welt und dem vandalischen Königreich; mit ihm wurde bereits Kontakt wegen einer engeren Zusammenarbeit aufgenommen.

Der erwähnte vandalische Königstitel verweist schon auf das Problem des Zusammenhanges von Herrschaft und Identität im vandalischen Nordafrika. In jüngster Zeit ist intensiv diskutiert worden, ob, wie herkömmlich angenommen, die 'Völker' der Völkerwanderungszeit ihre Königreiche gründeten oder ob nicht auch umgekehrt in manchen Fällen anzunehmen ist, dass diese Königreiche erst die entscheidende Voraussetzung für die Ethnogenese des betreffenden Volkes waren (für die Franken: Werner 1998; vergleichend künftig: Goetz/Jarnut, im Druck). Für die Vandalen wurde dieser Problemkreis kürzlich von J.W.H.G. Liebeschuetz (Liebeschuetz, im Druck) umsichtig skizziert, seine Darstellung verdient in vielen Aspekten weitere Vertiefung. Sicherlich kann es im Fall der Vandalen nicht darum gehen, das Problem auf die Alternative „Königtum oder Volk“ zuzuspitzen. Doch hat die bisherige Forschung die vandalische Identität in Afrika als gegeben angenommen und daher die Frage gar nicht gestellt, wie sich die Übernahme der Herrschaft in den reichen römischen Provinzen auf die vandalische Identitätsbildung ausgewirkt hat.

In diesem Zusammenhang ist auch die Frage des arianischen Bekenntnisses von Bedeutung, die keineswegs getrennt von der politisch-ethnischen Dimension betrachtet werden kann. Für die Frage des Ausgleichs zwischen Römern und Barbaren nahm das christologische Problem entscheidende Bedeutung an. Geiserich und Hunerich strebten, so legt die Darstellung Victors von Vita nahe, eine Zusammenarbeit mit dem kooperationswilligen Teil der einheimischen Führungs- und Bildungsschicht auf der Basis des homöisch-arianischen Bekenntnisses an, was zu einer konfessionellen Spaltung der römischen Bevölkerung geführt hätte (Diesner 1967 c). Die Ketzergesetze des Imperiums wurden im Vandalenreich gegen die katholische Kirche angewendet. Dagegen wandte sich die katholisch-apologetische Literatur, vor allem die ‘Verfolgungsgeschichte‘ Victors von Vita. In diesem Zusammenhang sind einige theologische Traktate des Bischofs Fulgentius von Interesse, die in Auseinandersetzung mit der arianischen 'Hofkapelle' verfasst wurden; sie sind unter dem Aspekt ihrer politischen und ethnischen Implikationen noch nicht untersucht worden. Es ist kein Zufall, dass aus dem Vandalenreich vor allem das in den dogmatischen Auseinandersetzungen entstandene Schrifttum auf uns gekommen ist. Darin werden in aussergewöhnlicher Weise die zeitgenössischen Identitätsmuster im vandalischen Afrika problematisiert. Eine vorwiegend theologiegeschichtlich orientierte Lektüre dieser Quellen hat bisher ihre Auswertung in dieser Hinsicht fast völlig verstellt. Das hier vorgeschlagene Projekt zielt auf eine Neuuntersuchung des gesamten verfügbaren Quellenbestandes zu Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung und der ethnischen, religiösen und politischen Identitätsbildung ab.

Dasselbe gilt für die kulturellen Äusserungen aus dem vandalischen Afrika insgesamt. Lässt sich aus der Literatur und Dichtung der Zeit eine Auseinandersetzung mit der Vandalenherrschaft oder ein Beharren auf traditionellen römischen Formen erkennen? Anhand von Untersuchungen etwa der 'vandalischen Hofdichtung' einer Reihe im Umfeld vandalischer Grosser oder des Hofes tätiger lateinischer Dichter sollen Erkenntnisse zur spätrömischen Kultur im vandalischen Nordafrika erarbeitet werden. Die 'Anthologia Latina' bietet reiches Material zum Leben der römischen und vandalischen Oberschicht. König Thrasamund als Bauherr, als Euerget, erscheint in AL 210 bis 214 und 376. Eine eigene Fragestellung wäre, ob das Modell des Euergetismus Paul Veynes (Veyne 1976) für das Regnum Vandalicum anwendbar ist. Die Belege v.a. in der Anthologia Latina weisen zumindest auf eine Verschiebung vom Stadtbürgertum als Träger des Euergetismus zur königlichen bzw. aristokratischen Instanz (Chalon et. al. 1985). Von archäologischer Seite brachte Aicha Ben Abed Überlegungen zur Ausstattung vandalenzeitlicher Herrenhäuser bei (Ben Abed/Duval 2000, 196-210). Diese zeigen eine deutliche Kontinuität und lassen keinen Bruch in Ikonographie oder Technik zur Zeit vor der vandalischen Eroberung erkennen. Bei dieser Gelegenheit wird vom "évergétisme vandale" gesprochen. Untersuchungen, die die gesamte Breite des Materials berücksichtigen, - also in diesem Fall die literarische und die materielle Überlieferung - liegen nur in Ansätzen vor. Zu literaturwissenschaftlichen Fragestellungen wird eine Zusammenarbeit mit Kurt Smolak am Institut für Klassische Philologie der Universität Wien angestrebt, bei dem wie oben erwähnt eine Dissertation zu literarischen Fragen bei Dracontius in Arbeit ist. Historische Aspekte wurden noch nicht angeschnitten, und das eröffnet die Möglichkeit interdisziplinärer Kooperation.

Desgleichen könnten Überlegungen zur städtischen Architektur im vandalischen Reich aus dem Blickwinkel des Historikers einen bisher nicht verfügbaren Überblick bieten. Eine rege Forschungsdiskussion um das Stadtbild des vandalischen Karthago ist im Gange (z.B.: Clover 1982 a; Ben Abed 1995; Ben Abed/Duval 2000, 188ff., dort ein Überblick über die archäologische Literatur). Die Frage nach dem Standort des königlichen Palastes ist dabei ebenso wichtig wie die Identifikation der grossen Kirchen. Meist greifen die Archäologen auf Erwähnungen dieser Gebäude in der schriftlichen Überlieferung zurück, die mehr oder weniger erfolgreich den Ausgrabungen zugeordnet werden konnten. Das vorgeschlagene Projekt kann selbstverständlich zu diesen Diskussionen nicht beitragen, doch die dabei gewonnenen Erkenntnisse nützen, um das Bild des vandalischen Africa gegebenenfalls zu vertiefen. Überhaupt bieten die Ergebnisse der jüngeren archäologischen Forschung viel ergänzendes Material zu den Schriftquellen, was das vandalische Mittelmeerreich betrifft. Das Projekt kann nicht in Anspruch nehmen, eine systematische Aufarbeitung neuerer archäologischer Befunde oder gar eigenständige archäologische Forschungen zu leisten. Dennoch soll im Anschluss an den interdisziplinären Ansatz der Wiener Schule der historischen Ethnographie dort, wo es in den Rahmen des Projektes passt, das archäologische Material in seinen spezifischen Aussagemöglichkeiten herangezogen werden. Die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens zeigten auch die im Rahmen eine Reihe von Sessions zum vandalischen Nordafrika unter der Leitung von Mark Handley am 'International Medieval Congress' im Sommer 2000 in Leeds präsentierten Fragestellungen.
 Im Zusammenhang mit den Identitäten und Loyalitäten gerade der kulturell und politisch weiter aktiven römischen Oberschicht ist es auch von Interesse, dort, wo es möglich ist, bis zu den Individuen vorzudringen. Untersuchungen zur Prosopographie des vandalischen Staates liegen zwar im Ansatz vor (Diesner 1968 c), müssten aber an vielen Quellen noch vorgenommen werden. Gerade das grosse historiographische Werk des Victor von Vita wäre eine reiche Quelle für solche Fragestellungen (Courtois 1954). Den Ertrag prosopographischer Forschungen für die Frage nach ethnischen Identitäten hat jüngst das, wenn auch unter anderem Ansatz geschriebene, Werk von Patrick Amory über das ostgotische Italien gezeigt (Amory 1997). Insgesamt hat die Forschung der letzten Jahre und Jahrzehnte also eine Reihe neuer Ansätze und Ergebnisse erbracht, die im Rahmen des vorliegenden Projektes für die Fragestellungen der historischen Ethnographie nutzbar gemacht werden können.

3. Kooperationen
Prof. Jörg Jarnut/Universität Paderborn und Institut für die Erforschung des Mittelalters und seines Nachlebens (IEMAN)
Mit Prof. Jarnut besteht bereits eine bewährte Zusammenarbeit in vielen Fragen der frühmittelalterlichen Geschichte, u.a. im Rahmen des ESF-Projektes „Transformation of the Roman World“ und bei der Historischen Ethnographie der Langobarden.  In Aussicht genommen wurde auch die eventuelle Abhaltung eines gemeinsamen Workshops zum Thema 'Vandalen' in Wien oder Paderborn.

 Univ. Prof. Herwig Wolfram/Institut für Österreichische Geschichtsforschung (Wien)
Das Projekt geht auf seine Anregung zurück und wird von ihm ständig mitbetreut (siehe oben).

Mit dem Institut für Alte Geschichte der Universität Innsbruck ist der Projektmitarbeiter durch sein dort absolviertes Studium und diverse an diesem Institut durchgeführte Tätigkeiten verbunden. Für althistorische Fragen, die das beantragte Projekt betreffen, bestehen enge wissenschaftliche Kontakte zu o.Univ.Prof.Dr. Reinhold Bichler und Ao.Univ.Prof.Mag.Dr. Robert Rollinger. In archäologischen Fragen wird Ao.Univ.Prof.Dr. Peter Haider ein wichtiger Partner sein.
 

4. Quellen und Literatur: Vandalenbibliographie

 
Historical Ethnography of the Vandals
 

In recent research, the Vandals and their North African kingdom have received comparatively little attention. The project "Historical Ethnography of the Vandals" is intended to fill gaps and deal with neglected aspects of Vandal history. The central problem to be addressed is the question of Vandal identity. Who were the Vandals, how did they become what they were, and what part did their kingdom play in this process? In the long run, the project proposes to lay the basis for a new overview of the history of the Vandals that can go beyond the Vandal histories written by Courtois and Diesner in the fifties and sixties. It can profit from the lively recent research on the Mediterranean world of late antiquity and has to take into account a number of new approaches.
 At the core of the project is is the systematic investigation of ethnic processes. This does not only imply the question of Vandal identity and its development since the Vandilioi of the early imperial age, but, in complementary fashion, also the role of the other ethnic groups in the Vandal kingdom: among them not only the Alans, Romans and Berbers who formed part of the political set-up of the kingdom, but also (partly under-researched) minorities such as Greeks, Jews, Lybians and others. What consequences did establishing the rule over rich Roman provinces have for Vandal identity? The approach chosen here represents an innovation in Vandal studies because it does not regard identity as given but proposes a systematic analysis of the development and construction of identity, based on previous research by the ‚Vienna School of Historical Ethnography‘ and the works of the applicant Walter Pohl as of his teacher Herwig Wolfram. In the Vandal kingdom, numerous texts have contributed to the development of ethnic identities, among them also theological and poetic works not previously studied in this context. In the case of some of the chronicles, aspects of textual transmission can be analyzed on the basis of manuscripts, which promises (as exemplified in a pilot study by the research assistant) some new results as compared to the editions. Complementing this text-based approach, the coinage of Vandal kings and surveys of recent archaeological results can be taken into account. The history of perceptions and of the historiography of the Vandals will also receive some attention. On the whole, a number of recent approaches and methods, and a thorough analysis of the sources, can be employed in the study of the historical ethnography of the Vandals.

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Frank M. Clover, Introduction: Towards a History of the Vandals

(Vor-)Geschichten

Peter W. Haider, „Vandalen“ in Polen: Kulturkontakt, Kulturtransfer und Ethnogenese zwischen ca. 100 v. und 200 n. Chr.

Florian Gauß, Ein ethnographisches Bild? Die Definition und Abgrenzung der kaiserzeitlichen Przeworsk- und Wielbark-Kultur

Péter Prohászka, Auf den Spuren eine vandalischen Königsgrabes. Neues zu den Funden von Osztrópataka

Helmut Castritius, Das vandalische Doppelkönigtum und seine ideell-religiösen Grundlagen

Jörg Kleemann, Vandals went west - was die archäologischen Quellen über die Westmigration der „Vandalen“ aussagen können

Javier Arce, Los vandalos en Hispania (409–429 A.D.): Impacto, actividades, identidad

Joan Pinar/Gisela Ripoll, The so-called Vandal Objects of Hispania

Guido M. Berndt, Gallia - Hispania - Africa: Zu den Migrationen der Vandalen auf ihrem Weg nach Nordafrika

Das Reich der Vandalen

Philipp von Rummel, Where have all the Vandals gone? Migration, Ansiedlung und Identität der Vandalen im Spiegel archäologischer Quellen aus Nordafrika

Christoph Eger, Vandalisches Trachtzubehör? Zu Herkunft, Verbreitung und Kontext ausgewählter Fibeltypen in Nordafrika

Fathi Béjaoui, Les Vandales en Afrique: Témoinages archéologiques. Les récentes découvertes en Tunisie

Yves Modéran, Le plus délicat des peuples et le plus malheureux: Vandales et Maures en Afrique

Andreas Schwarcz, Religion und ethnische Identität im Vandalenreich. Überlegungen zur Religionspolitik der Vandalenkönige

Alessandra Rodolfi, Procopius and the Vandals: How the Byzantine Propaganda Constructs and Changes African Identity

Roland Steinacher, Gruppen und Identitäten. Überlegungen zur Bezeichnung „vandalisch“

Gian Pietro Brogiolo/Alexandra Chavarría, Dai Vandali ai Longobardi: Osservazioni sull’insediamento barbarico nelle campagne dell’occidente

Sebastian Brather, Kleidung Grab und Identität in Spätantike und frühem Mittelalter

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Anschriften der Autorinnen und Autoren