
„Zeit und Apokalypse. Die Konsolidierung sozial-politischer Räume im Frühmittelalter
Veronika Wieser
Zeit, als fundamentale kulturelle Kategorie, war im Frühmittelalter
Ansatzpunkt eschatologisch-apokalyptischer Visionen, die als finale Elemente
von Zeitkonstruktionen zu interpretieren sind. Doch so wie Zeitwahrnehmungen
und -berechnungen sich im Verlauf der europäischen Geschichte änderten, so
sind auch die zeitlichen Horizonte eines Weltendes oder -untergangs
Verschiebungen und Deutungsänderungen unterworfen. Mit der Schlüsselfrage
der Johannesoffenbarung nach der Erfüllung der Zeit, ist im Projekt „Zeit
und Apokalypse“ nicht nur die Untersuchung von Zeitmodellen und
Berechnungstraditionen der europäischen Zeit im ersten Millennium verbunden,
sondern auch jene der vielfältigen Deutungsmöglichkeiten des Endes der Zeit
und dessen Kontextualisierung. Angesichts gesellschafts-politischer
Umwälzungen, ändert sich häufig der zeitliche Erwartungshorizont des
Weltendes, denn apokalyptische Konzepte sind, wenn sie ein mögliches
Weltende als variierend unmittelbar oder entferntes zukünftiges Ereignis
vermitteln, ein sehr gegenwartsbezogenes Phänomen und im jeweiligen
zeitgenössischen Diskurs fest verankert. Die wechselseitige Verbindung und
Bedingtheit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Ereignisse und
Prozesse mit apokalyptischen Erwartungshaltungen, ist zentrale Fragestellung
an Kommentare und Schriften der Spätantike und des Frühmittelalters. In
welchen Katastrophenereignissen wird das scheinbare Einlösen
eschatologischer Prophezeiungen gelesen, wie werden diese im Verlauf der
Geschichte immer wieder neu verarbeitet und gedeutet?
Entwickelt und realisiert wurden diese
Fragestellungen und Überlegungen im Rahmen des Wittgensteinprojekts
“Ethnische Identitäten im frühmittelalterlichen Europa“. Im DOC-team Projekt
werden sie nun auf interdisziplinärer Ebene weitergeführt und vertieft.

Das Projekt untersucht ausgehend vom religiösen Motiv der Apokalypse auf
möglichst umfassender theoretischer und methodischer geistes- bzw.
kulturwissenschaftlicher Basis jene Darstellungsformen und die ihnen
zugrunde liegenden diskursiven, sozialen und politischen Mechanismen, die
Szenarien einer Krisen- und Endzeit entwarfen und entwerfen. Nach
Erarbeitung einer gemeinsamen Terminologie und eines interdisziplinären
Fragenkomplexes werden vergangene und gegenwärtige Aneignungs- und
Vermittlungsprozesse apokalyptischer Narrative eingehend analysiert und
kohärent gegenübergestellt.
Zielsetzung ist die Anwendung apokalyptischer Motive im Zeitraum von knapp
zweitausend Jahren abendländischer Geschichte mit aktuellen
kulturtheoretischen Fragestellungen zu konfrontieren. Dabei soll weniger die
Klassifizierung eines konkreten apokalyptischen Denkens vorgenommen als
spezielle Ordnungsmuster herausgearbeitet werden, welche den
unterschiedlichsten Postulaten von Enden und Krisen zugrunde liegen.
www.apokalyptik.net/wiki http://germanistik.univie.ac.at/institut/projekte/
http://www.oeaw.ac.at/gema/wittg_pro/wittg_pro_5.htm Aktuelles Publikationsvorhaben:
abendlaendische-apokalyptik/
Zur Genealogie eines religiösen Motivs in der europäischen Kultur“ (2009–2012)
Interdisziplinäres Forschungsprojekt im Rahmen des Stipendienprogramms der ÖAW (DOC-team) aus den Bereichen der Geschichts-, Medien-, Sprach- und Literaturwissenschaften
