| In dem Beitrag »Die neue Art des Schimpfens« hat Karl Kraus programmatisch gesagt: Ich mache aus Schimpfwörtern Schimpfworte. (F 339, 54) Ein Textwörterbuch muss diese Vorgabe ernst nehmen. 'Schimpfwörterbücher' suggerieren einen formal und semantisch-stilistisch definierbaren Wortbestand, der kontextunabhängig der Kategorie 'Schimpfwort' zuzurechnen ist. Doch erst der Kontext macht ein Wort zu einem Schimpfwort; jemanden als 'Beamten' zu bezeichnen, kann z.B. je nach Kontext respektvoll, neutral-klassifizierend oder abschätzig sein. Karl Kraus verwendet etwa 'Dirne' und 'Eunuch' erklärtermaßen nicht als Schimpfwörter; Bezeichnungen wie 'Talent', 'Politiker', 'Ästhet', 'Würdenträger' oder 'Literarhistoriker' hingegen werden an vielen Orten der Fackel schmähend eingesetzt. Auf der Systemebene der Sprache ist dieses Problem nicht zu lösen, das zeigt auch jene Einsicht, die Robert Musil in dem 1937 gehaltenen Vortrag »Über die Dummheit« formuliert hat: [...] die Bedeutung von Schimpfworten liegt bekanntlich nicht so sehr an ihrem Inhalt als an ihrem Gebrauch; und viele unter uns mögen die Esel lieben, werden aber beleidigt sein, wenn man sie einen nennt. Das Ziel unseres Schimpfwörterbuches besteht nicht darin, geläufige Schimpf- und Schmähwörter mit Belegen aus der Fackel nachzuweisen. Vielmehr soll versucht werden, Phänomene der Pejorisierung im Kontext darzustellen und damit auch 'Wertvorstellungen' der Fackel in textlexikographisch anspruchsvoller Form zu reflektieren. Die 2775 pejorativ gebrauchten Einheiten, die in dem Band Alphabetisches (ALPHA) des Schimpfwörterbuches aufgenommen wurden, reichen dabei von 'Aasgeier des Interessanten' zu den 'Zwischenstufen', die 555 des Bandes Chronologisches (CHRONO) von den 'Clubfanatikern und Fractionsidealisten' (Anfang April 1899) zu den 'Männern und Buben der Freiheit' (Februar 1936). In Ergänzung zu diesen beiden Bänden und in Erläuterung der dafür getroffenen Auswahl aus rund 200.000 für dieses Wörterbuch markierten Ausdrücken führt der Band Explikatives (EXPILCA) am letzten Beitrag der Fackel, »Wichtiges von Wichten«, exemplarisch das Spektrum satirisch-polemischer Abwertung vor. Wortgebrauchs- und Wortbildungskreativität sowie die Tatsache, dass Schimpfworte der Fackel etwas anderes sind als vielerorts nachschlagbare und — nicht immer gefahrlos — reproduzierbare Schimpfwörter, stehen im Zentrum des Interesses dieses dem 1999 erschienenen »Wörterbuch der Redensarten« nachfolgenden Schimpfwörterbuches, das sich einem Autor verpflichtet weiß, der als Genie des Schmähens und Lobens in der deutschen Sprache und Literatur seinesgleichen nicht hat. |
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