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Srbik-Büste mit Zitaten aus seinen Reden. Foto und Montage: Stefan Sienell

Die Akademie 1938 bis 1945

Forschung unter dem Primat der NS-Politik

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 hat sich auch die Akademie der Wissenschaften in Wien nach den Zielen der NS-Ideologie ausgerichtet. Nun galt es vorrangig, sich in den „Dienst des deutschen Volkes“ zu stellen. An der Akademie waren mit dem so genannten „Umbruch“ nicht nur menschliche Tragödien verbunden, sondern auch unwiederbringliche Verluste für die österreichische Wissenschaft.

Bereits wenige Wochen nach dem „Anschluss“ im März 1938 waren in der akademischen Welt in Wien die Schienen für eine nationalsozialistische Wissenschafts- und Forschungspolitik gelegt. Die Leitung von Universität und Akademie wurde Nationalsozialisten übertragen, jüdische und politisch missliebige Lehrende, Forscherinnen und Forscher wurden entlassen, verfolgt und vertrieben. Das betraf zwei international hoch angesehene Akademieeinrichtungen besonders hart: das Radiuminstitut, an dem etwa ein Viertel der Belegschaft und sein Leiter Stefan Meyer gekündigt wurden, sowie die Biologische Versuchsanstalt im Prater („Vivarium“), die ihre drei Vorstände sowie zwei Drittel ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlor.

Die Biologen Hans Przibram, Leopold Figdor und Ludwid Portheim erwarben 1902 das Vivarium, ursprünglich ein Schau-Aquarium, und bauten hierin die Biologische Versuchsanstalt (BVA) auf. 1914 schenkten sie die BVA der Akademie um ihr langfristiges Bestehen zu sichern. Bild: AÖAW

Die Biologische Versuchsanstalt
Die Biologische Versuchsanstalt (BVA) war 1906 gegründet worden und erreichte bald internationales Ansehen auf dem damals topaktuellen Forschungsgebiet der experimentellen Biologie. Hans Przibram, Leopold Portheim und Wilhelm Figdor schenkten das florierende Institut mitsamt modernster Infrastruktur 1914 der Akademie der Wissenschaften und sicherten damit sein langfristiges Bestehen.

Im April 1938 eignete sich die wissenschaftliche Hilfskraft Franz Köck, ein illegales NSDAP-Mitglied, die Institutsleitung der BVA an. Den als Juden verfolgten Vorständen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wurde der Zutritt zum Haus an der Praterhauptallee verwehrt. Das Institut wurde innerhalb weniger Monate abgewirtschaftet. Hans Przibram und seine Frau kamen im KZ Theresienstadt ums Leben, Pribrams Dissertantin Martha Geiringer im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Heinrich R. Kun und Henriette Burchhardt, enge Mitarbeiter(innen) des BVA-Abteilungsvorstands und Physiologen Eugen Steinach, fanden in NS-Vernichtungslagern den Tod.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BVA 1936; in der Mitte sitzend: Leopold Portheim. Bild: AÖAW

Um das wahre Ausmaß der Verfolgung von BVA-Angehörigen abschätzen zu können, ist noch vertiefende Forschungsarbeit nötig. Von vielen freien oder privat bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist wenig bekannt, ihr Schicksal liegt noch im Dunkeln. Klaus Taschwer, Soziologe, Wissenschaftsforscher, Journalist und einer der Autoren des Katalogs „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945“, hat die nahezu ausgelöschte Spur einer Vivariums-Mitarbeiterin, von Eleonore Brecher, rekonstruiert. Sie war eine international anerkannte Zoologin, der es über die Jahre hinweg schwer gemacht wurde, sich trotz ihres Talents und unglaublichen Fleißes als Jüdin und Wissenschaftlerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Lebensweg endete im Vernichtungslager Maly Trostinec (nahe Minsk), wo sie am 18. September 1942 ermordet wurde.

Mit dem Verkaufserlös des BVA-Grundstücks nach 1945 – das Gebäude selbst wurde durch einen Brand in den letzten Kriegstagen völlig zerstört – wurde ein anderes Akademieinstitut, die Biologische Station Lunz, gefördert, in der es zahlreiche Nationalsozialisten geschafft hatten, ihre Karrieren nach dem Krieg ungehindert fortzusetzen.

Forschung mit ideologischer Ausrichtung
Nach dem „Anschluss“ 1938 versuchten viele Akademieinstitute und -kommissionen in opportunistischer Anpassung den Anforderungen der neuen Machthaber gerecht zu werden. Sie griffen politische Allianzangebote auf. Die Aktivitäten einzelner Mitglieder waren indes stärker von Ambivalenz geprägt. Noch im Jahr 1942 wurde die überwiegende Kommissionsarbeit von Mitgliedern gemacht, die nicht der NSDAP angehörten. Andererseits konnte etwa der Akademiepräsident Heinrich Srbik, NSDAP-Mitglied seit 1938, seinen Einfluss als Kommissionsmitglied in 19 der insgesamt 31 wissenschaftlichen Kommissionen geltend machen.

Kernphysikalische Forschung, Rassenkunde und Volkstumsforschung stellten in der Zeit des Nationalsozialismus zentrale Forschungsanliegen der Akademie dar. Im Radiuminstitut richtete sich das Interesse auf neue Formen der staatswichtigen Energiegewinnung. Ein Schwerpunkt politisch-beglaubigender Forschungstätigkeit lag auf der Untersuchung der „rassischen“ und „völkischen“ Zusammensetzung der Bevölkerung vieler Teile Europas. Gefördert wurden anthropologische Untersuchungen an Kriegsgefangenen, an der Akademie wurde eine „Sonderserie rassenkundlicher Arbeiten“ eingerichtet und dafür 1942 eine klassenübergreifende „Kommission zur Herausgabe von Schriften zur Rassenkunde und menschlichen Erblehre“ eingesetzt. Ziel der Vermessungsaktivitäten war es, den „rassischen“ Vermischungsgrad verschiedener Bevölkerungsgruppen festzustellen und damit die Überlegenheit des deutschen Volks wissenschaftlich zu untermauern. Akademiemitglieder zogen auch in der Wiener Südostforschung die Fäden, die im Sinne der NS-Ideologie Volkstumsforschung betrieb. Das Phonogrammarchiv widmete sich der systematischen Aufnahme der deutschen Mundarten und Volkslieder sowie der Sprech- und Gesangserziehung.

An der Akademie vergrößerte sich in den ersten Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft der Staatsanteil am jährlichen Budget erheblich; den Forschern, von denen viele im Sinne der neuen Satzung von 1938 Wissenschaft „im Dienst des deutschen Volkes“ betrieben, stand die damals neueste Technologie zur Verfügung. Obwohl sich die Erträge der Akademieforschung in der Zeit des Nationalsozialismus in Grenzen hielten, wurde in manchen Bereichen wie etwa der Dialektforschung weiterhin darauf zurückgegriffen. Auf verschiedenen Gebieten sind nicht nur inhaltliche Kontinuitäten über den Bruch des Jahres 1945 feststellbar, insbesondere wirkten auch an der Akademie, so resümiert der Historiker Johannes Feichtinger, „wie in anderen österreichischen Wissenschaftsinstitutionen […] die personellen Weichenstellungen während Ständestaat-Diktatur und Nationalsozialismus weit über 1945 hinaus“. WN

Literatur:

  • J. Feichtinger, H. Matis, S. Sienell, H. Uhl (Hgg.): „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945“ (2013, Katalog zur Ausstellung) http://hw.oeaw.ac.at/7367-0?frames=yes
  • W. L. Reiter: „Zerstört und vergessen. Die Biologische Versuchsanstalt und ihre Wissenschaftler/innen“, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 10.4 (1999), S. 585–614.
  • W. L. Reiter: „Stefan Meyer und die Radioaktivitätsforschung in Österreich“, in: Anzeiger der phil.-hist. Klasse der ÖAW 135 (2000), S. 105–143.
  • K. Taschwer: „Andenken an eine völlig vergessene Forscherin“ (Der Standard, 24. 9. 2012, http://derstandard.at/1348283731761/Andenken-an-eine-voellig-vergessene-Forscherin)

Kontakt:
Doz. Dr. Johannes Feichtinger
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
johannes.feichtinger@oeaw.ac.at
T +43 1 51581 / 
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