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Musikgeschichte

Interview mit Gernot Gruber


Wie Musik über die Jahrhunderte in Europa zur Bildung kollektiver Identitäten beigetragen bzw. diese manipuliert hat, ist Kernfrage des Forschungsschwerpunktes "Musik - Identität - Raum" an der ÖAW-Kommission für Musikforschung. Im Interview mit Martina Gröschl erläutert Kommissionsobmann Gernot Gruber Ziele und Herausforderungen des Forschungsschwerpunkts.

Der Forschungsschwerpunkt "Musik - Identität - Raum" durchleuchtet die Musik vergangener Jahrhunderte in ihrer gesamtgesellschaftlichen Verflechtung. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Gruber: Wir beschäftigen uns an der Kommission bereits länger mit dem Thema Musikgeschichte. Wir haben zum Beispiel das fünfbändige "Oesterreichische Musiklexikon" herausgegeben. Mit dem Forschungsschwerpunkt "Musik - Identität - Raum" wollten wir unseren Zugang zur Musikgeschichte um eine Perspektive erweitern, die einen anderen Blick auf die Musikgeschichte wirft als ein rein linearer, teleologischer Zugang. Dazu haben wir vier historische Schnittstellen aus dem 15., 18., 19. und 20. Jahrhundert mit Fokus auf die Kernländer des Habsburgerreichs, also im Wesentlichen das heutige Österreich, ausgewählt, über die wir die Verortung der Musik sowohl räumlich als auch gesellschaftlich untersuchen wollen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Schnittstellen ausgewählt?

Gruber: Uns war erstens wichtig, Zeitabschnitte zu wählen, die musikhistorisch noch nicht überforscht sind - also keine Wiener Klassik oder Wiener Moderne. Das zweite wichtige Kriterium war, dass die Zeitabschnitte historische Umbrüche markieren sollten: Unsere Schnittstellen fokussieren auf die Regentschaft von Albrecht II. in den 1430er Jahren, also auf eine Zeit in, der die Habsburger wieder an die Krone kamen, auf den Regierungsantritt Maria Theresias im Jahr 1740, die Zeit um die Revolution im Jahr 1848 in der Habsburgermonarchie sowie die Nachkriegszeit ab 1945, mit ihrer Suche nach einer neuen kollektiven Identität nach dem 2. Weltkrieg.

Was ist in diesem Zusammenhang unter "Raum" und "Identität" zu verstehen?

Gruber: "Raum" ist zunächst territorial zu begreifen, wobei man beachten muss, dass politische, territoriale Räume nicht mit Kulturräumen und schon gar nicht mit Musikräumen übereinstimmen müssen. Das zu differenzieren ist wichtig. Darüber hinaus betrachten wir jene Räume, die sich aus der gesellschaftlichen Struktur ergeben wie soziale Schichtungen.

All diese Räume sind konstitutiv für die kollektive Identitätsbildung, wobei diese sehr komplex verlaufen kann - siehe die heutige Debatte um die europäische Identität. Ein wichtiger Punkt ist die politische Instrumentalisierung der kulturellen Identität. Denken Sie an das Bild von Maria Theresia mit dem kleinen Mozart am Schoß in der Hofoper, der heutigen Wiener Staatsoper: Hier wurde eine Musikkultur, also ein kultureller Faktor, eindeutig politisch funktionalisiert. Diese politische Funktionalisierung tritt bei allen vier Schnittstellen auf und zeigt sich in verschiedenen Formen der Repräsentation - das herauszuarbeiten ist ein wichtiger Teil unserer Forschungsarbeit.

Insgesamt versuchen wir, die Musik möglichst breit zu erfassen.

Das hört sich nach einer fast übermächtigen Aufgabe an. Wie wollen sie aus diesem komplexen Konvolut aussagekräftige Ergebnisse extrahieren und welche Grenzen gibt es?

Gruber: Mein Leitbegriff ist "Differenzierung durch Vergleich". Wir legen an alle vier Schnittstellen die gleichen Fragestelllungen an. Aus dem Vergleich der Antworten zeigen sich die Differenzen und damit aber auch ein aussagekräftiges Bild der einzelnen Schnittstellen.

Die Grenzen liegen in der Natur der Musik selbst: Bis heute spielt die orale Praxis in der Musik eine große Rolle - sie wird durch Nachahmung und/oder durch Unterweisung eines "Schülers" durch einen "Meister" weitergegeben. Diese orale Praxis ist für den Historiker, die Historikerin wenn überhaupt nur ausschnittweise greifbar und je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto schwieriger wird es. Von der Musik der früheren Jahrhunderte wissen wir vorrangig aus schriftlichen Quellen in Form von Musiknoten oder Berichten über Musikaufführungen. Aufzeichnungen von Volks- oder Gebrauchsmusik in größerem Umfang gibt es überhaupt erst ab dem 19. Jahrhundert. Es ist aber wichtig, die Schriftlichkeit der Musik, die übrigens ein Spezifikum der abendländischen Musikgeschichte ist, nicht als alleiniges Phänomen zu sehen. Blicke zurück in die tatsächlich gelebte Musik sind jedoch nur punktuell möglich - zum Beispiel über mechanische Musikinstrumente, mit denen sich Helmut Kowar am Phonogrammarchiv der ÖAW beschäftigt. Erst seit etwa 100 Jahren hat sich durch die Verbreitung von Tonträgern die Situation grundlegend geändert.

Haben Sie im Zuge Ihrer Forschungen schon etwas herausgefunden, womit Sie so nicht gerechnet hätten?

Gruber: Unserer bisherigen Ergebnisse zeigen bei allen Schnittstellen, dass es vielfältige Verflechtungen und einen regen Austausch innerhalb Europas gegeben hat. Überrascht hat uns aber, wie stark bereits in 15. Jahrhundert die Vernetzung auf europäischer Ebene war. Das liegt wahrscheinlich daran, dass bei der Musik die Sprachbarrieren wegfallen, auch bei der damals dominierenden geistlichen Musik Vokalmusik, weil Latein die Lingua franca war wie heute das Englisch. Die Durchlässigkeit war also sehr groß.

Interessant war auch zu entdecken, dass man Räume nicht einfach schließen kann. Wir müssen fragen, woher etwas kommt, was sich vielleicht verändert oder ausprägt. Aber wir müssen auch betrachten, was weiterwirkt oder was, obwohl zur eigenen Zeit von hohem Stellenwert, rasch in die Bedeutungslosigkeit versinkt. Das zeigt sich in der Musik sehr stark. Ein markantes Beispiel dafür aus der Wiener Klassik wäre Ignaz Pleyel: Er wurde zu seiner Zeit viel mehr gespielt als Mozart oder Haydn.

Wo können Interessierte mehr zu diesem spannenden Thema nachlesen?

Gruber: Der Forschungsschwerpunkt läuft seit 2007 und wird dieses Jahr abgeschlossen. Es wurden bereits mehrere Konferenzen zu den einzelnen Schnittstellen abgehalten, zu denen Tagungsbände eben in Druck gehen. Wir arbeiten gerade an einem Abschlussband, in dem wir die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen. Er wird 2013 erscheinen.

Zur Person:
Gernot Gruber ist wirkliches Mitglied der ÖAW und Obmann der Kommission für Musikforschung. Er studierte Musik, Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Graz und habilitierte sich 1973 im Fach Musikwissenschaft an der Universität Wien. Von 1976 bis 1995 war er ordentlicher Professor an der Hochschule für Musik in München und anschließend bis zu seiner Emeritierung 2008 ordentlicher Professor an der Universität Wien. Gruber ist gewähltes Mitglied der Akademie für Mozartforschung / Internationale Stiftung Mozarteum, Salzburg, des Joseph Haydn-Institutes Köln (seit 2008 Vorstandsmitglied) und des Direktoriums der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft (bis 2002). Von 2004 bis 2008 war er Universitätsrat der Universität Mozarteum in Salzburg. 2011 wurde ihm in München der Dr.h.c. verliehen.





Kontakt:
em. o. Univ.-Prof. Dr. Gernot Gruber
Obmann
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T + 43 1 51581-3705
gernot.gruber@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf


Juli 2012