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Von Klöstern, Tempeln und Owoos

Wiener Sozialanthropologin auf Spurensuche in der Mongolei



Als der österreichische Forschungsreisende und Sammler Hans Leder zwischen 1892 und 1905 die Mongolei bereiste, war die Landschaft von Klöstern, Tempeln und sogenannten Owoos (sakralen Steinanhäufungen) geprägt. "Leders Sammlung stellt heute eine der umfassendsten Sammlungen mongolischer Ethnographica in Europa dar und besteht vor allem aus buddhistischen Sakralgegenständen, die in der Mongolei aufgrund der politischen Repressionen im 20. Jahrhundert mit den Klöstern und Tempeln beinahe vollständig verschwunden waren. Teile der Sammlungen sind im Wiener Museum für Völkerkunde aufbewahrt und können mit Unterstützung des Förderprogramms "forMuse - Forschung an Museen" erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet werden", erklärt Projektleiterin und Mongoleiexpertin Maria-Katharina Lang, die am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht. Die Vernetzung österreichischer und mongolischer Forschung ist ihr dabei ein großes Anliegen. Gemeinsam mit mongolischen WissenschaftlerInnen dokumentiert sie sakrale Plätze und Artefakte sowie die mit ihnen verbundenen Erinnerungen. Entlang der Reiseroute Leders eröffnen Bildkataloge der historischen Sammlung einen besonderen Zugang in den Gesprächen mit Viehzüchterfamilien, Mönchen oder MuseumsexpertInnen.

Hans Leder sammelte Sakralgegenstände in Klöstern, Kultplätzen und Jurten der nomadisierenden Viehzüchter, die zumeist einen Sohn pro Familie ins Kloster schickten und zum Mönch ausbilden ließen. In den frühen 1920er Jahren begannen die ersten von Moskau aus gesteuerten politischen Repressionen in der Mongolei, welche in den späten 1930er Jahren ihren Höhepunkt erreichten. In nur achtzehn Monaten - beginnend im Herbst 1937 - wurden Schätzungen zu Folge mindestens 22 000 Menschen getötet, die meisten buddhistischen Klöster und Tempel geschlossen, verlassen oder zerstört. Unzählige religiöse Bücher, Manuskripte sowie buddhistische Artefakte und Gegenstände der Verehrung wurden vernichtet. Dieser historische Hintergrund verleiht den Forschungen von Maria-Katharina Lang eine besondere Relevanz. Die Bildkataloge eröffnen dabei nicht nur einen Dialog mit Viehzüchter-Familien und Mönchen über die Ikonographie und Bedeutung der Sammlungsstücke, sondern die Objekte erinnern auch an die Zeit der Unterdrückung.

"Baasansuren, Abt des bedeutenden Klosters Erdene dsuu, erinnerte sich etwa an seinen Großvater, der verschiedene Klostergegenstände vor der Zerstörung bewahrte und sie unter der Erde in seinem Haus versteckte. In seiner Kindheit sah er einen geheimen Platz, vollgefüllt mit Sutras (buddhistische Lehrtexte), Büchern und Musikinstrumenten. Mit der Wiedereröffnung des Klosters Anfang der 1990er Jahre wurden diese Gegenstände zurückgegeben", erzählt Lang und berichtet des Weiteren über ihre Feldforschung: "Während meines Besuchs in einer Jurte holte ein Ehepaar die Gebetsmühle des Großvaters hervor - er war Mönch gewesen und hatte die Rituale im Geheimen praktiziert und weitergegeben. Viele Familien verkauften, auch aus ökonomischen Gründen, die geerbten Ritualobjekte. Diese tauchen seither in den Antique Shops in Ulaanbaatar, bei Auktionen oder im Internet auf."

Gemäß dem Förderprogramm "forMuse - Forschung an Museen" ist die regionale, nationale und internationale Vernetzung der Museumsforschung ein wesentlicher Aspekt in dem von Maria-Katharina Lang geleiteten Projekt. So kooperiert Lang mit mehreren europäischen Museen (u.a. Budapest, Heidelberg, Stuttgart, Leipzig), die jeweils Teile der verstreuten Sammlung Leder beherbergen, sowie mit wissenschaftlichen Institutionen in der Mongolei.

Auf Initiative Langs und gefördert von Eurasia Pacific-Uninet wurde im August 2011 ein Symposium in Ulaanbaatar abgehalten und ein Memorandum of Understanding zwischen der National University of Mongolia (NUM) und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unterzeichnet. Am 27. März findet nun der Gegenbesuch von mongolischen ForscherInnen im Rahmen eines weiteren Symposiums zum Thema "Anthropological Insights from Mongolia" an der ÖAW in Wien statt.

Diese enge Kooperation mit mongolischen Wissenschaftlerinnen spiegelt sich auch in der Präsentation der Forschungsergebnisse wider. "Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, die bisher wenig wissenschaftlich erforschten und kaum ausgestellten Sammlungsteile mit Hilfe unterschiedlicher Medien zu einer Gesamtschau zu vereinen. Dazu dient eine eigens konzipierte virtuelle Projekt-Datenbank und eine damit verknüpfte Homepage, die den Sammlungskontext und vor allem die Artefakte öffentlich zugänglich machen und einen Wissenstransfer zur mongolisch-buddhistischen Kunst ermöglichen wird", erklärt Lang.


Weitere Informationen zum Symposium
Die Presseinfo als PDF


Kontakt:
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien
www.oeaw.ac.at/sozant

Dr. Maria-Katharina Lang
T +43 1 51581-6458
maria-katharina.lang@oeaw.ac.at

Mag. Dr. Martin Slama
Public Relations
T +43 1 51581-6464
martin.slama@oeaw.ac.at

MMag.a Marion Gollner
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