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27.01.2012

Archäo-Genetik: Erstmals Pilotstudie fürs Frühmittelalter

Pohl: Simplifizierenden Geschichtsbildern weiter Zündstoff nehmen



Erstmals plant eine internationale Forschergruppe eine archäo-genetische Pilotstudie fürs europäische Frühmittelalter. Zu diesem Zweck findet ab kommendem Montag in Wien ein interdisziplinär hochkarätig besetzter, zweitägiger Workshop mit dem Titel "Genetic History & Medieval Studies - Towards a Pilot Project"" statt. Dies kündigte der ERC- und Wittgensteinpreisträger Prof. Walter Pohl am Freitag an.

Der Workshop ist Auftakt des bis 2016 laufenden Großforschungsvorhabens "SCIRE". Für dieses Projekt "Social Cohesion, Identity and Religion in Europe (400-1200)" - kurz "SCIRE" genannt - gewann Pohl den renommierten Forschungspreis des "European Research Council" (Europäischer Forschungsrat, ERC). Insgesamt nehmen an der Veranstaltung bis Dienstag 20 führende Historiker, Genetiker, Evolutionsbiologen, Anthropologen und Archäologen aus Europa und den USA teil.

Ethnische Identität ist keine starre Kategorie

"Durch die Untersuchung ausgewählter Gräberfelder erhoffen wir weitere Aufschlüsse zu den vielfältigen, dynamischen, ethnischen Prozessen in einer der fesselndsten Epochen der Weltgeschichte", sagt der Historiker. Die Pilotstudie geht laut Pohl vom Resultat moderner Geschichtsforschung aus, wonach ´ethnische Identität` keine starre Kategorie ist. Das Bedürfnis nach ethnischer Zuordnung entstehe meist erst unter besonderen Bedingungen, etwa in Grenzzonen mit starker Fluktuation, in Großstädten mit gemischter Bevölkerung und in großen politischen Einheiten mit unzureichenden Identitätsangeboten.

Unter solchen Bedingungen sei ethnische Zuordnung dann auch leicht politisch zu missbrauchen. "Mit unserer Forschung wollen wir daher simplifizierenden Geschichtsbildern weiter den Zündstoff nehmen. Leider halten sich im öffentlichen Bewusstsein äußerst hartnäckig falsche Vorstellungen von ´Völkern` als biologischen Einheiten. Wir wollen nun für das Frühmittelalter modernste molekularbiologische Methoden zur Gewinnung and Analyse alter DNA aus Gräberfeldern anwenden. Dabei geht es aber nicht darum, 'unsere Vorfahren' zu finden. So einfach war die Entwicklung der Bevölkerung in Europa nicht. Alle Disziplinen müssen zusammenarbeiten, um sie zu ergründen", stellt der Historiker klar.

Geplant ist derzeit in erster Stufe die Gewinnung und Analyse von jeweils 40 Proben alter DNA (aDNA) aus vier Gräberfeldern in Italien und Ungarn. Diese Gräberfelder stammen aus dem 6. Jhdt. n. Chr. "Wir wissen aus Schriftquellen, dass die Langobarden 568/569 n. Chr. von Pannonien nach Italien zogen. Im heutigen Ungarn sowie in Italien gibt es Gräberfelder mit reichen Grabbeigaben, die von der Archäologie immer den Langobarden sowie anderen ´Völkern` zugeordnet wurden. Wir wollen hier vergleichen, ob DNA-Proben ´langobardischer` Gräberfelder genetisch miteinander mehr verwandt sind als mit anderen oder nicht", sagt Pohl. Das genaue Forschungsdesign der Pilotstudie soll auf dem Workshop entwickelt werden, damit die Arbeiten möglichst bald beginnen können.

Die Wiener Gruppe für historische Identitätsforschung rund um Pohl zählt weltweit zu den renommiertesten Teams in der wissenschaftlichen Ergründung des Mittelalters. Das Frühmittelalter - der Zeitraum von 400 bis 1000 n. Chr. nach der Umwandlung des Römischen Reiches sowie der anschließenden so genannten "Völkerwanderungszeit" - gilt als prägend für unser gegenwärtiges Europa. Die Archäo-Genetik ist eine relativ junge Forschungsrichtung. Sie wurde unter anderem vom italienischen Populationsgenetiker Luigi Cavalli Sforza begründet und bisher vorwiegend in der prähistorischen Forschung eingesetzt.

Der Workshop "Genetic History" wird unter anderem von Prof. Helmut Denk, dem Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), eröffnet. Öffentlich zugänglich sind die Vorträge am Montag im Sitzungssaal der ÖAW. Initiiert wurde die Pilotstudie vom international bekannten US-Historiker Prof. Patrick Geary vom "Institute for Advanced Studies" in Princeton. Geary hält beim Wiener Workshop die Eröffnungsrede.


Weitere Informationen:
First VISCOM Conference "Comparative methods in the historical and social sciences"
International Workshop "Genetic History"


Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl
Institut für Österreichische Geschichtsforschung
Universität Wien
Institut für Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 4277-27260, +43 1 51581-7240
walter.pohl@univie.ac.at

Mag.a Gabriele Rampl
Wissenschaftskommunikation Prof. Walter Pohl
T +43 650 2763351
office@scinews.at
www.scinews.at


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