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Neue Identitäten in Sikkim

Sozialanthropologin der ÖAW untersucht kulturellen Wandel in entlegener Himalaya-Region



Das einstige buddhistische Königreich Sikkim war ausländischen Forschern lange Zeit nur schwer zugänglich. Im Jahr 1975 wurde die strategisch wichtige Grenzregion im südlichen Himalaya zwischen Nepal, China und Bhutan von Indien annektiert. Heute setzt sich der junge Bundesstaat aus mehr als 20 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen, wobei einige davon vom indischen Sozialsystem aufgrund kultureller Kriterien besondere Unterstützung erhalten. Welche neuen kreativen Identitätskonzepte dadurch entstehen, ist Gegenstand eines dreijährigen Forschungsprojekts am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

"Der gutgemeinte Versuch der indischen Regierung, Sitze in öffentlichen Einrichtungen oder Universitäten für benachteiligte Gruppen zu reservieren, führt beispielsweise dazu, dass mehr als 40.000 Anhänger der Gruppe der Gurung einen Religionswechsel vom Hinduismus zum Buddhismus in Erwägung ziehen, um als anerkannter 'Volksstamm' staatliche Unterstützung zu erhalten", erklärt die Sozialanthropologin Mélanie Vandenhelsken, die fünf Jahre in Sikkim gelebt und geforscht hat.

Die Gurung, bei denen die gebürtige Französin im letzten Jahr mehrere Monate auf Feldforschung verbracht hat, stammten ursprünglich aus Nepal und ließen sich - wie viele andere ethnische Gruppen - gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Initiative der britischen Kolonialregierung in Sikkim nieder. Die lokale Bevölkerung sowie die einstige Herrscherklasse des buddhistischen Königreichs sind heute in der Minderheit. "Innerhalb von nur 30 Jahren verdreifachte sich die Bevölkerung in Sikkim beinahe. Waren es im Jahr 1891 noch etwas mehr als 30.000 Einwohner, so stieg die Zahl im Jahr 1931 auf 110.000", so Vandenhelsken. Ihr Projekt "Social grouping, ethnicity and state in Sikkim. Constructions of social groups and interethnic relationships in a Himalayan State of India" wird vom FWF finanziert und vom renommierten Tibet-Forscher Guntram Hazod geleitet.

Sozialpolitik nach kulturellen Kriterien

Seit der Annexion im Jahre 1975 wird das indische Wohlfahrtssystem auch auf Sikkim angewandt. Dabei werden die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in verschiedene administrative Kategorien wie offiziell anerkannte sogenannte Volksstämme oder Kasten unterteilt. Nicht die Einkommenssituation entscheidet darüber, wer staatliche Unterstützung erhält, sondern die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe. Paradoxerweise fördert dieses System nicht nur die Aufrechterhaltung sozialer Trennlinien und Konflikte, sondern führt auch zu verstärkter Tribalisierung. Gruppen wie die Gurung versuchen sich als "Stamm" zu inszenieren, um als solcher staatliche Subvention zu erhalten. Alte, beinahe in Vergessenheit geratene Rituale werden für Besuche indischer Regierungsvertreter oder Touristenvorführungen "revitalisiert".

Wie die Forschungsarbeit von Mélanie Vandenhelsken zeigt, führen diese neuen Identitätsfindungen nicht nur zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gruppe, sondern auch zu interethnischen Spannungen. Denn neben den Gurung haben neun weitere Gruppen um die Anerkennung als "Stamm" angesucht - das ist beinahe die Hälfte der insgesamt 22 Ethnien in Sikkim. Im Falle eines positiven Bescheids gibt es spezielle Quotenregelungen, die den anerkannten Gruppen Posten im öffentlichen Dienst bzw. Ausbildungsplätze an Schulen und Universitäten garantieren. "Das indische Wohlfahrsystem trägt daher dazu bei, dass ethnische Gruppen ihre Kultur ändern bzw. ihre ursprüngliche Religion aufgeben, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen", erklärt die Sozialanthropologin.

Konversion für staatliche Subvention

Welche internen Konflikte dadurch entstehen, zeigt das Beispiel der All Sikkim Gurung Buddhist Association. Offiziell wurde der Verein dazu gegründet, die Geschichte, Sprache und Kultur der Gurung zu erforschen bzw. zu fördern; inoffiziell geht es jedoch vorrangig darum, in Verhandlungen mit bundesstaatlichen Behörden als "Volksstamm" anerkannt zu werden. Da Hindus diesen Status bis jetzt nicht erreichen konnten, setzt sich die Mehrheit der Mitglieder dafür ein, zum Buddhismus zu konvertieren. Andere wollen hingegen an ihrem alten Glauben festhalten, da sich vor allem die ländliche Bevölkerung die kostspieligen buddhistischen Rituale kaum leisten kann und damit für sie die tatsächlichen Vorteile eines Religionswechsels ungewiss bleiben.

Einen Einblick in das Leben der indigenen Bevölkerung Sikkims gibt am 16. Juni 2011 die von Vandenhelsken an die ÖAW eingeladene Sozialanthropologin Anna Balikci Denjongpa vom Namgyal Institute of Tibetology in Sikkim. In ihrem Gastvortrag zum Thema "Filming Indigenous Communities of Sikkim" wird sie über ihre Erfahrungen mit indigenen Filmemachern und der lokalen Bevölkerung in dieser Zeit der neuen Identitäten sprechen.


Weitere Informationen zum Vortrag von Anna Balikci


Kontakt:
Mag.a Dr. Mélanie Vandenhelsken
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6466
melanie.vandenhelsken@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

MMag.a Marion Gollner
Public Relations, Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6468
marion.gollner@oeaw.ac.at
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