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15.06.2011

Europa zur Provinz machen

Dipesh Chakrabarty zu Gast an der ÖAW



Wenn der an der University of Chicago lehrende Historiker Dipesh Chakrabarty Europa zur Provinz macht, dann redet er damit nicht einem möglichen geopolitischen Szenario des 21. Jahrhunderts das Wort, sondern bezieht sich auf die zentralen Ideen, die die europäische Moderne hervorgebracht und in ihre Kolonien exportiert hat. Der Nationalstaat, Demokratie, Öffentlichkeit, Menschenrechte, Marktwirtschaft - das sind alles Konzepte, die tief in der europäischen Geistestradition verwurzelt und heute von globaler Bedeutung sind. Chakrabartys Projekt ist es zu zeigen, dass diese vermeintlich universalen Konzepte ihre spezifische(n) Geschichte(n) haben, die ihren Anfang in einem kleinen Erdteil der Welt - der "Provinz Europa" - nahmen. Um diese Konzepte auf außereuropäische Entwicklungen anzuwenden, ist es daher notwendig, sie zu übersetzen und neu zu überdenken, so der postkoloniale Theoretiker Chakrabarty.

"Für einen Akademiker mit meinem Hintergrund läuft die 'Provinzialisierung Europas' auf ein postkoloniales Dilemma hinaus: die Gedankenwelt, die während des Zeitalters der europäischen Expansion und Kolonialherrschaft entstand, erscheint zur Beschreibung und Analyse der eigenen (nichtwestlichen) Geschichte und Gesellschaft ebenso unverzichtbar wie ungenügend", schreibt Chakrabarty in seinem vor kurzem auf Deutsch erschienenem Band "Europa als Provinz", das Aufsätze aus seinem Standardwerk Provincializing Europe (2000) enthält. Die nichtwestliche Gesellschaft, die Chakrabarty im Blick hat, ist vor allem jene Indiens. Ziel seiner Forschung ist es, bislang nicht hinterfragte europäische Kategorien und Sichtweisen der indischen Geschichtsschreibung einer kritischen Neubewertung zu unterziehen.

Am 21. Juni 2011 wird der renommierte Historiker auf Einladung von Johann Heiss vom ÖAW-Institut für Sozialanthropologie (ISA) und Johannes Feichtinger vom ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (IKT) über "Europe and Its Meanings in Colonial India" an der ÖAW sprechen. Welche Ideen wurden im kolonialen Indien mit Europa verbunden? Wie wurden diese in Indien übersetzt? Und wie wurde von ihnen zur kritischen Analyse der kolonialen Fremdherrschaft Gebrauch gemacht? Das sind die zentralen Fragen, denen Chakrabarty in seinem Vortrag nachgehen wird. Moderiert und kommentiert wird die Veranstaltung von Anil Bhatti von der Jawaharlal Nehru Universität in New Delhi, der selbst als einer der Vordenker der postkolonialen Studien gilt.

Dipesh Chakrabarty zählt zu den einflussreichsten Vertretern der postkolonialen Geschichtsschreibung und ist Mitbegründer der Subaltern Studies. Während marginalisierte Gruppen und Minderheiten in der gängigen Geschichtsschreibung größtenteils ausgeblendet werden, macht diese von Indien ausgehende Forschungsrichtung gerade gesellschaftliche Randgruppen und deren eigene Geschichte sichtbar. Chakrabarty erfuhr seine frühe akademische Ausbildung in Kalkutta und ging dann an die Australian National University, an der er sein Doktorat in Geschichte erhielt und wo er bis heute eine Gastprofessur inne hat. Neben seiner Professur für Geschichte, südasiatische Sprachen und Zivilisationen an der University of Chicago ist Chakrabarty auch Mitglied des Chicago Center for Contemporary Theory, ein multidisziplinäres Zentrum, an dem auch die renommierten Sozialanthropologen Jean und John Comaroff beteiligt sind.

Die Arbeiten Dipesh Chakrabartys werden an der ÖAW u.a. im Rahmen der "Occident and Orient Research Group" diskutiert, die sich mit Fragen des Orientalismus und eurozentrischen Tendenzen in den Sozial- und Kulturwissenschaften beschäftigen. Dieses innovative Forschungsnetzwerk umfasst die ÖAW-Institute für Sozialanthropologie und für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, das Department of Germanic and Romance Studies der University of Delhi, das Institute of Advanced Study and Center for Political Studies der Jawaharlal Nehru University, New Delhi, sowie das Department of German Studies der University of Warwick (UK).


Vortrag:
Dipesh Chakrabarty: "Europe and Its Meanings in Colonial India"
Zeit: Dienstag, 21. Juni 2011, 18.00 Uhr
Ort: Theatersaal der ÖAW, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
Weitere Informationen

Veranstalter:
ÖAW: Institut für Sozialanthropologie und Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte


Die Presseinfo als PDF


Kontakt:
Dr. Johann Heiss
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6452
johann.heiss@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Mag. Dr. Johannes Feichtinger
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T +43 1 51581-3315
johannes.feichtinger@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt

Mag. Dr. Martin Slama
Public Relations, Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6464
martin.slama@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant


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