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14.04.2010

Gute Geister der Globalisierung

Feldforschung in Syrien: Erste Studie über das Wirken der "?inn"



Geister als Beute und WissenschafterInnen als ihre Jäger - in Fernsehen und Internet hat dieses Sujet Hochkonjunktur. Auf dem Boden der Tatsachen hingegen erforscht der österreichische Sozialanthropologe Gebhard Fartacek seit über einem Jahrzehnt den Glauben an Geister und Dämonen (Arabisch: Ğinn) in entlegenen Regionen Syriens. "Die Menschen in Syrien glauben alltäglich an Geister und Dämonen. Dies hilft ihnen, ihre zunehmend von Globalisierung und Ungewissheit geprägte Lebenswelt zu bewältigen", erklärt Fartacek.

Der Wissenschafter vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat aktuelle Ergebnisse seiner umfangreichen Feldforschungen soeben im Buch "Unheil durch Dämonen? Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ğinn. Eine sozialanthropologische Spurensuche in Syrien" publiziert. Das Werk ist im Böhlau Verlag erschienen und wird vom Autor im Rahmen der Tage der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien am 23. April 2010 präsentiert. Wissenschaftlich ist das Buch eine Premiere, denn es ist die erste Auseinandersetzung mit dem Ğinn-Glauben in Syrien als religiöser Praxis. Bisherige Publikationen beschäftigten sich laut Fartacek hauptsächlich mit der Überlieferung in schriftlichen Quellen. "Dämonen und damit einhergehende Phänomene wie 'Böser Blick' und 'Zauberei' spielen im Hier und Heute volksreligiöser Konzeptionen der arabischen Welt eine äußerst wichtige Rolle, sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungsprozesse", sagt der Wissenschafter.

Dämonen nicht verteufeln

Im multi-religiösen Syrien - flächenmäßig halb so groß wie Deutschland und mit einer stark wachsenden Bevölkerung von geschätzten 21 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahr 2010 - glaubt beispielsweise ein sunnitischer Muslim, ein Alawit oder ein Christ gleichermaßen an das Wirken des "Rasad". Dieser Dämon bewacht die Schätze des Altertums. Jeder potenzielle Dieb, der sich diese Kostbarkeiten aneignen möchte, wird unbarmherzig zur Rechenschaft gezogen. "Solche Vorstellungen erlauben es den Menschen ihre kollektive Identität zu wahren sowie auch ihre Alltagsprobleme und existenziellen Schwierigkeiten besser zu verstehen und zu lösen. So glauben die Menschen im östlichen Syrien beispielsweise an die Sa'lawiyeh, eine weibliche Dämonin, die sie bei sexuellem Fehlverhalten zurechtweist. "Andere personalisierte Dämonen werden zum Beispiel dann zum Verhängnis, wenn industriell produzierte Lebensmittel anstatt lokaler Produkte konsumiert werden oder es tritt der 'Böse Blick' auf, der den Menschen dann schadet, wenn sie eitel und egoistisch sind", erklärt Fartacek.

All diese Begegnungen mit Ğinn werden in der syrischen Gesellschaft kontrovers diskutiert. Die Vorstellungen rund um Geister und Dämonen eröffnen so die Möglichkeit über den sozialen Wandel und die Auswirkungen der Globalisierung zu reflektieren. "Insofern gibt es also auch gute Geister der Globalisierung oder anders gesagt, soll man Dämonen nicht verteufeln", erklärt der Experte dazu schmunzelnd. Die Feldforschungen des Sozialanthropologen belegen, dass sich Menschen in Syrien den Vorstellungen über Geister und Dämonen primär dann bedienen, wenn sie mit Ungewissheiten konfrontiert sind. Von Begegnungen mit Dämonen dann seinen Mitmenschen zu erzählen, eröffnet zugleich das praktische Gespräch über quälende Alltagssorgen.

Fartacek hat in dem Werk erstmals die verschiedenen Arten von Ğinn und deren praktische Bedeutung für die Menschen in Syrien genau dokumentiert. Sein Fazit: Für Europäer/innen, die in der Regel bestenfalls mit einem vergleichsweise spärlichen Kanon von Geistern aus Märchen und Sagen vertraut sind, kann diese Lektüre überraschend sein, denn die syrische Geisterwelt ist weit vielfältiger und stärker in den Alltag der Menschen eingebettet. Die Geistergestalten reichen von hinterlistigen, irreführenden Wesen über bestialische und grausame Dämonen. Ğinn können aber auch in Tiergestalt auftreten, besonders wenn diese Tiere als "ehrlos" gelten wie der Hund, das Schwein, der Affe oder der Gecko.

Identitäten verstehen

Fartaceks Buch ist auf Ebene der Grundlagenwissenschaft in den international renommierten Forschungen der Wiener Sozialanthropologie verortet. Das Institut für Sozialanthropologie (ISA) mit Sitz in Wien unter Leitung von Andre Gingrich forscht seit langen Jahren im Nahen Osten sowie in Zentral- und Südostasien. Ein Fokus liegt dabei auf dem Verstehen lokaler Umgangsformen mit Globalisierung. Dieser Schwerpunkt des ISA ist in seine Forschungsprogrammatik "Konsens und Konflikt in Asien" integriert. Die aufstrebende Bedeutung des Forschungszweiges Sozialanthropologie unter anderem im Nahen Osten ist auch praktisch daran ablesbar, dass Expertinnen und Experten dieses Fachbereiches zunehmend als Fachleute in Konfliktgebieten dieses Raumes eingesetzt werden.


Publikation:
Fartacek, Gebhard. Unheil durch Dämonen? Geschichten und Diskurse über das Wirken der Ğinn. Eine sozialanthropologische Spurensuche in Syrien. Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2010.
Mehr zum Buch

Buchpräsentation:
23.April.2010: 17:00, Tage der Kultur- und Sozialanthropologie, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, NIG, Universitätsstraße 7, 4. Stock, Hörsaal A.


Kontakt:
Mag. Dr. Gebhard Fartacek
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
A-1040 Wien, Prinz-Eugen-Straße 8-10/1/129
T +43 1 51581-6454
gebhard.fartacek@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant


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