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Experiment Identität im Labor Geschichte

Historiker und Philologen tagen gemeinsam in Wien



"Ethnische oder nationale Identität resultiert nicht aus naturwüchsigen Entwicklungen. Ethnische Identität können wir vielmehr seit dem Frühmittelalter als Ergebnis einer ständigen Kommunikation verstehen. Mit dieser Optik können wir auch ethnische Probleme der Gegenwart neutral und umfassend betrachten." Das erklärte der Wittgensteinpreisträger 2004 und Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW, Walter Pohl, am Montag im Vorfeld des internationalen Symposions "Sprache und Identität im Frühmittelalter" in Wien. Das Symposion findet vom 15. bis 17. Jänner 2009 statt.

Es vergehe kein Tag, an dem ein falsches Verständnis ethnischer und nationaler Identität nicht zu politischen Konflikten führe. Ein Grund dafür sei, dass sich bis heute hartnäckig die Vorstellung halte, Sprecher bestimmter Sprachen seien automatisch einer bestimmten ethnisch-politischen Einheit zuordenbar. "Die moderne Geschichtsforschung spricht hier im Teamwork unter anderem mit Sprachwissenschaftern und Archäologen eine andere Sprache, denn wir wissen, dass ethnische oder nationale Identität nicht objektiv festgelegt ist. Das Bedürfnis nach ethnischer Zuordnung entsteht meist erst unter besonderen Bedingungen, etwa in Grenzzonen mit starker Fluktuation, in Großstädten mit gemischter Bevölkerung und in großen politischen Einheiten mit unzureichenden Identitätsangeboten. Unter solchen Bedingungen ist ethnische Zuordnung dann auch leicht politisch zu missbrauchen", betonte der Historiker.

Die Gegenwart bietet dafür laut Walter Pohl viele Beispiele: "In Jugoslawien etwa galt Serbo-Kroatisch als eine Sprache. Heute wird von Kroaten wie Serben der Unterschied betont, bis hin zur bewussten Vermeidung gemeinsamer Worte." Doch unsere europäische Vergangenheit biete nicht nur Beispiele für Abgrenzung und Missbrauch. Zum Beispiel sei schon im Frühmittelalter Mehrsprachigkeit als positiver Wert hervorgehoben worden. Der angelsächsische König Oswald (604-642) sei dafür gelobt worden, dass sein Reich Sprecher von vier Sprachen umfasse. Herzog Romuald von Benevent (662-677) im Gebiet des heutigen Süditalien sei stolz darauf gewesen, mit Slawen aus Dalmatien Slawisch reden zu können.

"Das Experiment Identität im Labor Geschichte" ist einer der Schwerpunkte des dreitägigen Symposions am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW. Bei dieser Tagung werfen Historiker und Sprachwissenschaftler aus Europa und den USA einen gemeinsamen Blick in die Ursprünge des europäischen Kommunikationsraumes und dessen Sprachgemeinschaften. Teilnehmer sind unter anderem die international bekannten Pioniere der Mittelalterforschung Herwig Wolfram, Begründer der Wiener Schule der historischen Ethnographie, der US-Historiker Patrick Geary von der University of California Los Angeles, der britische Historiker Ian Wood aus Leeds sowie Michel Banniard, Romanist aus Toulouse und Wolfgang Haubrichs,Germanist aus Saarbrücken.

Im Frühmittelalter - der Zeitspanne von 400 bis 1000 n. Chr. - entstanden viele moderne Sprachen, wie z. B. Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch sowie die slawischen Sprachen. Gemeinsames und übergeordnetes Ziel der Wissenschaftler ist es unter anderem, überkommene Vorstellungen von der Völkerwanderungszeit durch umfassende Quellenforschungen im Teamwork mit einer Reihe von Disziplinen zu korrigieren. Das Symposion wird vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW veranstaltet. Die Tagung ist Teil des Wittgensteinprojekts "Ethnische Identitäten im frühmittelalterlichen Europa" unter der Leitung von Walter Pohl.

Dieses bis 2010 laufende Großforschungsvorhaben widmet sich dem Frühmittelalter als einer der fesselndsten Epochen der Menschheitsgeschichte und wurde 2005 aus den Mitteln des Wittgensteinpreises des Wissenschaftsfonds FWF, des höchstdotierten Wissenschaftspreises Österreichs, ermöglicht. Derzeit leitet Pohl ein zehnköpfiges Team. Das Wittgenstein-Projekt ist das Herzstück eines internationalen Netzwerks für Frühmittelalterforschung, das Wien mit Cambridge, Paris, Utrecht, Los Angeles, Princeton und anderen Forschungszentren verbindet.

Im Rahmen des Symposions findet auch der erste Vortrag der öffentlichen Vortragsreihe "Brennpunkt Mittelalter" des Zentrums Mittelalterforschung statt. Herwig Wolfram wird zum Thema "Sprache und Identität im Frühmittelalter mit Grenzüberschreitungen" sprechen.


Weitere Informationen zum Symposion
Weitere Informationen zum Vortrag von Herwig Wolfram
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Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
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Wohllebengasse 12-14, 1040 Wien
T +43 1 51581-7240
office.gema@oeaw.ac.at
Wittgensteinprojekt

Mag. Gabriele Rampl
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T +43 650 2763351
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