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Journalismus zwischen kritischer Distanz und Parteilichkeit

Ergebnisse einer Studie zum Journalismus in 18 Ländern



Unparteilich, objektiv und kritisch gegenüber politischen und wirtschaftlichen Eliten - so sehen sich Journalistinnen und Journalisten weltweit. Große Unterschiede zwischen den Journalismuskulturen bestehen hingegen in der Frage, ob eigene Bewertungen und Deutungen in die Berichterstattung einfließen dürfen. Dies zeigt eine weltweit einzigartige Studie zum Journalismus in 18 Ländern, die unter Leitung der Universität Zürich durchgeführt wurde und an der die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) als österreichischer Partner beteiligt ist.

Weltweit ist den befragten Journalistinnen und Journalisten die Verlässlichkeit und Faktizität von Informationen als journalistische Standards sehr wichtig. Bei diesen Prinzipien handelt es sich gewissermaßen um den "Zement", der Journalisten über verschiedene redaktionelle und kulturelle Kontexte hinweg verbindet und der ihnen eine professionelle Identität verleiht.

"Zwar gelten Unparteilichkeit, Objektivität und kritische Kontrolle allgemein als universelle Standards eines guten Journalismus. Dennoch werden diese Werte nicht in allen Ländern in gleichem Umfang gelebt", sagt Thomas Hanitzsch, Universität Zürich, der die Studie im Jahr 2006 ins Leben gerufen hat. Journalisten, die in einem politisch repressiven Umfeld arbeiten müssen, tendieren zu einer weniger kritischen Haltung. Dort, wo medienrechtliche Unsicherheit herrscht, sind Journalisten stärker darauf angewiesen, in ethischen Problemsituationen flexibel zu reagieren und sich an den möglichen Konsequenzen ihres Handelns zu orientieren.

Darüber hinaus zeichnen sich auch kulturübergreifende Veränderungsprozesse ab. In osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien vollzieht sich offenbar eine Anpassung an westliche Journalismus-Standards. Der Journalismus in der Türkei befindet sich quasi auf halber Strecke zwischen demjenigen Ägyptens und der Gruppe der westlichen Länder, was die Zwischenstellung des Landes zwischen Orient und Okzident unterstreicht. Und selbst Chinas Journalisten bewegen sich bei einigen der untersuchten Merkmale tendenziell, wenngleich mitunter nur schwach in Richtung westlicher Standards.

Umstritten sind Aspekte der Berufsausübung, die mit einem aktiven Eintreten für bestimmte Positionen, Gruppen oder soziale Veränderungen und mit prononcierter Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung einhergehen. Hier zeigen sich die deutlichsten Unterschiede zwischen den Journalismuskulturen in den entwickelten Staaten des Westens auf der einen sowie Entwicklungsländern und Transformationsgesellschaften auf der anderen Seite: Für sozialen Wandel einzutreten bereit sind Journalisten insbesondere dort, wo er sich rapide vollzieht bzw. wo er am dringendsten benötigt wird. Journalismus reagiert also auf die in einer Gesellschaft vorherrschenden Bedürfnisse.

Doch wie so oft ist ein Blick in die Detailergebnisse höchst aufschlussreich: Im "westlichen" Journalismusverständnis besteht zwar das Primat der politischen Information, sie muss aber gleichzeitig interessant und verkaufbar sein. Objektivität und Unvoreingenommenheit stehen nicht unbedingt im Widerspruch zu einer Orientierungsfunktion des Journalismus. Und selbst in den USA als der Heimat eines faktenzentrierten Journalismus schließt das Bekenntnis zur Faktentreue eine stärker interpretative Herangehensweise nicht aus.

In Österreich wurde die Befragung von der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW in Kooperation mit dem Medienhaus Wien durchgeführt. Die nächsten Stufen der von Josef Seethaler geleiteten Untersuchung betreffen einerseits die frei formulierten Antworten auf die offenen Fragen des Fragebogens, die näheren Aufschluss über die subjektiven Interpretationen von gesellschaftlichen Funktionen, erkenntnistheoretischen Grundlagen und ethischen Imperativen versprechen. Andererseits ist ein inhaltsanalytischer Vergleich des journalistischen Selbstverständnisses mit der Praxis der Berichterstattung geplant. Die Forschungsarbeiten werden durch die Kulturabteilung Stadt Wien gefördert.

Studie Worlds of Journalisms

Unter der Leitung von Dr. Thomas Hanitzsch, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Zürich, haben sich Forscher aus 18 Ländern an der Studie "Worlds of Journalisms" beteiligt. Hauptziel des weltweit einzigartigen Projekts ist es, die globale Vielfalt von Journalismuskulturen über die Grenzen von Nationen, Redaktionen und professionellen Milieus mit einem einheitlichen Instrumentarium zu vergleichen. Finanziert wird das Projekt u.a. vom Schweizerischen Nationalfonds, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Kulturabteilung der Stadt Wien.

An der Studie beteiligt sind neben der Schweiz Forscherteams in Ägypten, Australien, Brasilien, Bulgarien, Chile, China, Deutschland, Indonesien, Israel, Mexiko, Österreich, Rumänien, Russland, Spanien, Uganda sowie der Türkei und den USA. In jedem Land wurden dabei insgesamt 100 Journalisten zu ihrer professionellen Selbstwahrnehmung befragt. Die österreichische Teilstudie steht unter der Leitung von Dr. Josef Seethaler von der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


Projekt-Website


Kontakt:
Dr. Josef Seethaler
Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7, 1010 Wien
T +43 1 51581-3116
josef.seethaler@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/cmc


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