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Nicht so sehr Frage des Mangels als Frage der Ethik

Zusammenfassung der ÖAW-Tagung "Vom Umgang mit den Ressourcen"



Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in der Ressourcennutzung: Ein Thema, das Gesellschaft und Wissenschaft schon lange beschäftigt, das aber immer wieder neu aufgegriffen und verhandelt werden muss, stand im Mittelpunkt der jüngsten ÖAW-Tagung "Vom Umgang mit den Ressourcen". Veranstaltet wurde die Tagung von der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) und der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien (KIÖS). Das interdisziplinäre Podium widmete sich den Ursachen von knappen Ressourcen, aber auch der Definition und dem politischen Gebrauch von "Knappheit". Klar wurde, dass der Umgang mit und die Verteilung von Ressourcen vor allem eine ethische Frage ist.

"Wird der Boden ausreichen?" Diese Frage behandelte Reinhard Hüttl, Professor für Bodenschutz und Rekultivierung an der Universität für Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus und Vorstand des GeoForschungsZentrums Potsdam, differenziert: "Die Bodenverschlechterung durch Degradation, Erosion und Versiegelung hat enorm zugenommen: Weltweit gehen derzeit pro Jahr ein Prozent an landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren, allein in China sind es 3,5 Millionen ha seit 2002", so Hüttl. Dies sei ein massives Problem für die Nahrungs- und Daseinsvorsorge der Menschheit. Zwar könnten die Bodenfunktionen durch Rekultivierung, Renaturierung, dem Einsatz von Bodenhilfsstoffen und Sanierung prinzipiell teilweise wieder hergestellt werden, aber das zunehmende Problem der Wasservorsorgung, die neue Herausforderung Biomasse vs. Nahrungsmittelerzeugung ("Topf oder Tank") und die Tatsache, dass immer mehr beste Ackerböden versiegelt würden, stelle die Verteilungsfrage immer mehr in den Vordergrund. Auch der Globale Fußabdruck, also die ungleiche globale Ressourcen-Inanspruchnahme durch Staaten und deren EinwohnerInnen, müsse viel stärker berücksichtigt werden. Diese und die daraus resultierende Armut sei ein zentrales globales Problem, ohne dessen Lösung auch Umweltprobleme kaum gelöst werden könnten.

Sten Nilsson, Acting Director des International Institute for Applied System Analysis (IIASA), widmete sich der möglichen Verknappung von erneuerbaren Ressourcen, die tatsächlich nicht unendlich verfügbar sind: Letztendlich hingen sie von der Verfügbarkeit von produktivem Land ab, und angesichts des Bevölkerungswachstums, der veränderten, fleischintensiveren Ernährungsgewohnheiten und des Klimawandels würde der Biomasse-Boom an physische Grenzen stoßen. Nilsson präsentierte globale Landnutzungskarten, nach denen im Jahr 2030 zirka 200 Millionen Hektar an Landbedarf für die menschliche Ernährung 290 Millionen Hektar an Landbedarf für Bioenergie und weiter 25 Millionen Hektar für Forstwirtschaft gegenüberstehen, bei insgesamt verfügbaren 250 bis 300 Millionen Hektar. Weitere Nutzungen, zum Beispiel für Heizung und chemische Industrie seien noch nicht berücksichtigt. Fazit: Die Grundlagen für den derzeitigen Bedarf an erneuerbaren Ressourcen seien nicht gegeben.

Der START-Preisträger Clemens Sedmak, Professor of Moral and Social Theology des King's College London, referierte über die Voraussetzung der gerechten Verteilung von Ressourcen: Er unterschied zwischen Ressourcen 1. und 2. Ordnung, wobei mit 2. Ordnung die Einstellungsfaktoren und Fähigkeiten gemeint waren, die Ressourcen nach Amartya Sen erst wertvoll machen. "Fähigkeit transformiert etwas, das potenziell vorhanden ist, in etwas, das tatsächlich vorhanden ist", so Sedmak. Verfüge eine Gesellschaft über mehr Ressourcen 2. Ordnung, könne sie sich auch mehr Ressourcen 1. Ordnung aneignen, was ständig geschehe - daher sei die Frage nicht, ob Ungleichheiten bestehen, sondern wie man global damit umgehen soll. "Das Proximitätsargument, wonach nur Nahestehenden solidarisch geholfen werde, ist in einem globalen Kontext problematisch", erinnerte Sedmak. Angesichts der Verknappung von Ressourcen 1. Ordnung müssten Ressourcen 2. Ordnung an Wichtigkeit gewinnen und global gerechter geteilt werden.

Die Soziologin Lyla Mehta, Research Fellow am Institute for Development Studies der Universität Sussex, widmete sich anhand des Beispiels der Wasserknappheit der problematischen politisch-wirtschaftlichen Tendenz, "Verknappung" abseits von tatsächlicher physischer Knappheit auch zu konstruieren und instrumentalisieren. "Politisch wird viel häufiger von 'effizienter Nutzung' als von 'gerechter Nutzung' oder 'Nutzungszugang' gesprochen", so Mehta. Die Feststellung von "Knappheit" sei meist keine neutrale Analyse, sondern würde oft sogar als Ausrede für die Aneignung von Ressourcen durch mächtige wirtschaftliche Player verwendet.

ÖAW-Mitglied Erich Streissler, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Ökonometrie und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Wien, sprach über Prognosen der Ressourcenentwicklung und den ökonomischen Konsequenzen. Ein Fazit: Für den Verbrauch neuer Energiequellen sei der dafür gesetzte Preis ein regulierender Faktor, der allerdings erst in der Zukunft Wirkung entfalten würde. Die Nahrungspreise würden bereits in der nahen Zukunft weiter steigen. Die Festsetzung von Preisen sei nur eine Hilfslösung, wenn es um unlösbare Ressourcenmängel geht. Für lebenswichtige Güter wie Wasser könne der Bedarf nicht über Preise reguliert werden, auch für den menschlichen Bedarf an Nahrungsmittel sei das dauerhaft keine Lösung.

Die abschließende Podiumsdiskussion zog unter anderem den Schluss, dass die Konsumhaltung der globalen Mittelschicht nicht nur in den Industriestaaten problematisch sei. "Konsumrausch können wir uns alle nicht mehr leisten, das widerspricht allen Ressourcen-Grundlagen. Die Politik sollte die Lage nicht noch schlimmer machen, indem sie die Menschen dazu animiert, immer mehr zu konsumieren", appellierte Erich Streissler.


Pressetext vom 03.12.2008


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