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25.10.2007

ÖAW-Konferenz über Biomasse

Falsche Klimaschutz-Hoffnungen in den Industrieländern, leere  Teller im Süden



"Bioschmähthanol" statt Bioethanol - das aktuelle Fazit des hochkarätigen wissenschaftlichen Podiums bei der ÖAW-Konferenz "Vom Waldessen und Waldbrennen" über die angebliche Klimaschutzwirksamkeit und Nachhaltigkeit von Energiepflanzen fiel deutlich aus. Während der verstärkte Einsatz von Biomasse zur Energiegewinnung von vielen Protagonisten aus Politik und Wirtschaft als nachhaltige Lösung der Energieprobleme gesehen und stark gefördert wird, sind die Einschätzungen von Wissenschafter(inn)en erheblich nüchterner und differenzierter.

Gerhard Glatzel, Professor für Waldökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU), widmete sich aus historischer und aktueller Perspektive dem Druck auf die Wälder: "Nur elf Prozent der Planetenfläche weltweit sind für Ackerbau geeignet, was für die Produktion von Nahrungsmitteln und Energiepflanzen einfach zu wenig ist", stellte Glatzel fest. Deshalb erhöhe sich der Druck auf die Wälder. Glatzel erinnerte daran, dass die Wälder Europas durch den starken Rohstoffbedarf der Industrialisierung schon im 19. Jahrhundert regelrecht verwüstet und durch Biomasseentzug von Bodenverarmung bedroht waren, was nur durch ein strenges Forstgesetz in den Griff zu bekommen war . Als Wissenschafter mit langjähriger Erfahrung in Europa und zahlreichen Entwicklungsländern mahnte Glatzel zur Vorsicht: Große Energieholzplantagen für den Export von Biomasse-Rohstoffen stünden sowohl in Europa als auch in Ländern des Südens oft in Konflikt mit dem ökologischen Gesamtgefüge, weil ohnehin seltene Lebensräume wie Feuchtgebiete nun in Gefahr gerieten, zu Gunsten der Plantagen zerstört zu werden. "Allein in Hinsicht auf die Biodiversität müssen wir uns die Frage stellen, was wir riskieren für den Energiepflanzenboom zu opfern", so Glatzel.

Verena Winiwarter, Professorin für Umweltgeschichte an der Universität Klagenfurt, umriss die lange Geschichte der menschlichen Transformation von Natur und Landschaft und deren Auswirkungen auf Ökosysteme und menschliche Gesellschaften selbst: "Wir befinden uns mitten in einem der größten Transformationsprozesse der Gesellschaft seit dem Neolithikum, dem Ausstieg aus dem Fossilenergiesystem, das eine extreme Bevölkerungsentwicklung mit sich gebracht hat. Die Menschheit verbraucht derzeit 25 Prozent der Nettoenergie, die von Pflanzen weltweit in das terrestrische System eingebracht wird. Dass das nicht ohne Folgen für andere Spezies bleibt, ist klar", so Winiwarter. Man müsse sich an harten historischen Daten orientieren, um über die Zukunft nachzudenken, so Winiwarter. Es sei keine Option, zur Energiegewinnung auf die gleichen begrenzten Flächen zuzugreifen wie im 19. Jahrhundert.

Prof. Hans Papen (IMK-IFU, Garmisch-Partenkirchen) stellte klar, dass die großen Hoffnungen, die auf Biomasse in Hinsicht auf die Reduktion von klimaschädlichen Emissionen gesetzt werden, verfehlt sind: "Es besteht noch erheblicher Forschungsbedarf hinsichtlich eines effektiven Beitrags des Einsatzes von Biomasse zum Klimaschutz. Die komplexen Wechselwirkungen von großflächiger Bioenergieproduktion mit ihren klimatischen, ökologischen, ökonomischen, politischen, sozialen und technologischen Aspekten sind nur wenig verstanden", so Papen. Die Entstehung von stark wirksamen Treibhausgasen wie Methan und Lachgas aus dem Biomasseanbau werde unterschätzt, es sei falsch, nur auf die CO2-Emissionen zu achten.

Prof. Rudy Rabbinge von der Universität Wageningen (Niederlande), Vorsitzender des Science Council der CGIAR (Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung) ging schließlich der brisanten Frage nach, inwieweit die stark gestiegenen Exporte von so genannten Energiepflanzen aus tropischen Ländern die verbreitete Armut in diesen Ländern - sprich: den Hunger - lindern können oder im Gegenteil noch verstärken: Der boomende Plantagenanbau von Ölpalmen in Indonesien und Soja in Brasilien könne die Versorgung der breiten Bevölkerung der tropischen Exportländer mit erschwinglichen Grundnahrungsmitteln dramatisch verschlechtern, denn es kann dazu kommen, dass Energiepflanzen auf Land angebaut wird, das für die Nahrungsmittelproduktion dann fehle. Der Anbau von Energiepflanzen sei keine wirkliche Alternative zu anderen Energieträgern: "Es ist eine Illusion, zu glauben, dass eine sichere Energieversorgung weltweit mit Biomasse möglich ist", so Rabbinge.

Langfristig müsse auf Solarenergie gesetzt werden "Biomasse kann nur lokal und regional in der technischen Übergangsphase eine Rolle spielen, aber nicht mehr", so das Podium. Man müsse aufpassen, durch Biomasse-Anbau nicht weit mehr zu zerstören, als sie jemals an Nutzen bringen kann.

Kernaussagen

Die Wälder der Erde sind keinesfalls in der Lage wesentlich zum steigenden Bedarf an KFZ-Kraftstoffen beizutragen.

In ländlichen Räumen ist der Einsatz von Biomasse aus Wäldern für Heizung und Stromerzeugung sinnvoll. Ernte von Reisig und Nadelbiomasse bedeutet aber auch Nährstoffaustrag der zu Düngungs- und Kalkungsbedarf führt.

Die Klimaschutzargumentation über Kohlenstoffbilanzen greift zu kurz weil besonders wirksame Treibhausgase wie Lachgas oder flüchtige organische Verbindungen nicht berücksichtigt werden. Produktionssteigerung durch Stickstoffdüngung kann daher in der Gesamtbilanz negative Wirkungen hinsichtlich Klimaschutz haben.

Österreich sollte in seinen Wäldern weiterhin Nutz- und Wertholz produzieren, weil durch die innerbetriebliche Wertschöpfung mehr ökonomischer Nutzen und aus der Weiterverarbeitung mehr Arbeitsplätze entstehen, als aus der reinen energetischen Verwertung der Biomasse von Wäldern.

Die Erhaltung und Pflege der Böden für die Sicherung des sowohl hinsichtlich der Menge als auch der Qualität weiterhin steigenden Nahrungsbedarf der Menschen muss höchste Priorität haben. Eine Ausbeutung der Böden, insbesondere durch Kultivierung von bisher nicht für Ackerbau oder Energieplantagen genutzten Böden zur Deckung des Energiebedarfs des Kraftfahrzeugverkehrs wäre Raubbau an der Zukunft und würde auch andere lebenswichtige Ressourcen wie reines Wasser, Luft und Biodiversität gefährden.

Die Expert(inn)en waren sich einig, dass längerfristig nur die thermische und photovoltaische sowie organische photovoltaische Nutzung der Solarenergie die Energieprobleme lösen wird können.

Entscheidungen über zukünftige Landnutzung dürfen nicht aufgrund von noch so wohl begründeten Argumenten einzelner Interessengruppen gefällt werden, sondern müssen die komplexen Wirkungsgeflechte aller Einflussfaktoren berücksichtigen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften ist hervorragend qualifiziert als Stimme der Wissenschaft Synthesen zu liefern. In ihr ist ein breites Spektrum von Wissenschaften, von den Natur- zu den Sozial- und Geisteswissenschaften vertreten, die inter- und transdisziplinär zu diesen fachübergreifenden Themen diskutieren können.


Pressetext vom 18.10.2007


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