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Können Einwanderer Geburten ersetzen?

Ein Beitrag der Wissenschaft zur aktuellen Diskussion ...



Aus rein demographischer Sicht ist die Sache klar: Berücksichtigt man nur die Zahl der
Menschen nach Alter und Geschlecht, so können junge Erwachsene und somit Beitragszahler
zur Sozialversicherung entweder von Geburten im eigenen Land oder aus Einwanderung stammen.
Menschen haben aber außer Alter und Geschlecht noch zahlreiche andere relevante Eigen-
schaften wie Sprache, Bildung und Kultur, mit denen sich die im eigenen Land sozialisierten
Kinder oft deutlich von den Einwanderern und Einwandererinnen unterscheiden. Auch wenn
Einwanderer und Einwandererinnen zahlenmäßig in gewissem Ausmaß (siehe unten) Geburten
ersetzen können, bewirken sie doch eine Veränderung der Struktur der Bevölkerung in Hinblick
auf diese anderen Charakteristika. Wie weit dies erwünscht ist, ist eine Frage der Politik
und nicht der Demographie.

Was die Entwicklung der Beitragszahlungen zur Sozialversicherung betrifft, so muss
betont werden, dass neben der Altersstruktur der Bevölkerung auch die Erwerbsquoten
nach Alter und Geschlecht und die Bildung (Produktivität) einen entscheidenden Einfluss
haben. Geburtenraten, Migration, Erwerbsbeteiligung und Bildung müssen hier gemeinsam
betrachtet werden, was z. B. auch bedeutet, dass die Bildungs- und Erwerbsstruktur der
Migranten und Migrantinnen relevant ist. Auch ist die unterschiedliche zeitliche Dynamik
zu beachten: Steigen die Geburtenraten, so dauert es etwa 20 Jahre bis die Zahl der
Erwerbstätigen steigt; Einwanderer können theoretisch sofort zu arbeiten beginnen.

Die Demographen Wolfgang Lutz und Sergei Scherbov vom Institut für Demographie der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) haben vor kurzen für die Europäische
Kommission folgende Berechnungen erstellt: Wie wirkt sich die Kombination von unterschiedlich
angenommenen Geburtenraten und Einwanderungsvolumina auf die Bevölkerungszahl und auf die
Altenbelastungsquote in den 15 Ländern der EU bis zum Jahr 2050 aus? Die Ergebnisse sind
in den beiden Graphiken dargestellt: Auf der horizontalen Achse ist ein weites Spektrum
von Geburtenraten dargestellt, von extrem niedrigen 1,0 Kindern pro Frau bis zu unrealistisch
hohen 2,2 Kindern; gegenwärtig liegt der EU Durchschnitt bei 1,5 Kindern. Die Balken stellen
vier unterschiedliche, angenommene Einwanderungsszenarien dar: Von einer unwahrscheinlichen
Nullwanderung bis zum extrem hohen Wert von netto 1,2 Millionen Zuwanderung pro Jahr; in
den letzten Jahren hatte die EU einen Wanderungsgewinn von rund 700.000 Personen.

Die Ergebnisse für das Jahr 2050 zeigen, dass nur die Kombination von hoher Fertilität
und hoher Zuwanderung ein Schrumpfen der Bevölkerung der EU verhindert (die schwarze
Linie zeigt die derzeitige EU-Bevölkerung von rund 380 Millionen). Je niedriger die
Geburtenrate und je niedriger der Wanderungsgewinn, umso stärker ist das Schrumpfen
der Bevölkerung.

Bei der Altenbelastungsquote (Bevölkerung über 65 Jahren dividiert durch die Bevölke-
rung von 15 bis 64 Jahren) zeigt sich, dass auch die Kombination von höchster Fertilität
mit höchster Zuwanderung einen dramatischen Anstieg nicht verhindern, sondern nur mildern
kann. Die Belastungsquote steigt durch das bereits in der jetzigen Altersstruktur
vorprogrammierte Alter von derzeit rund 0,25 in allen Szenarien auf über 0,40. Bei
einer Kombination von niedriger Fertilität mit niedriger Zuwanderung steigt diese demo-
graphische Belastungsquote infolge der stärkeren Alterung auf mehr als das Doppelte an,
im Extremfall sogar auf 0,62.

Versucht man den in den Graphiken dargestellten kompensatorischen Zusammenhang zwischen
Geburtenrate und Migration zu verallgemeinern, so zeigt sich ein überraschend einfacher
Zusammenhang: Sowohl bei der Bevölkerungszahl als auch bei der Altenbelastungsquote haben
in der gesamten EU eine Million Einwanderer und Einwandererinnen netto pro Jahr den gleichen
Effekt wie im Durchschnitt ein zusätzliches Kind pro Frau übers ganze Leben gerechnet.
In realistischeren Zahlen ausgedrückt heißt dies (wenn man durch zehn dividiert),
dass 100.000 zusätzliche Zuwanderer pro Jahr den gleichen demographischen Effekt haben
wie ein nachhaltiger Anstieg der Geburtenrate z. B. von 1.5 auf 1.6 Kinder pro Frau.

(Diese Berechnungen sind im Artikel "Can Immigration Compensate for Europe's Low Fertility"
erschienen in der Reihe der European Demographic Research Papers (siehe Publikationen auf
Institutswebsite) ausführlicher dargestellt. Sie sind auch im Bericht der Europäischen
Kommission "Die soziale Lage in der Europäischen Union 2002" auf S. 25 beschrieben).

Graphik 1: Gesamtbevölkerung der EU (auf Basis der jetzigen 15 Mitgliedsländer) im Jahr 2050
bei unterschiedlichen Annahmen zur Geburtenrate (Total Fertility Rate) sowie zum Niveau des
jährlichen Wanderungsgewinns (MIG) zwischen 2000 und 2050. Die gegenwärtige Bevölkerungszahl
ist als schwarze Linie dargestellt.



Graphik 2: "Altenbelastungsquote" (Old age dependency ratio) der EU (auf Basis der jetzigen
15 Mitgliedsländer) im Jahr 2050 bei unterschiedlichen Annahmen zur Geburtenrate (Total
Fertility Rate) sowie zum Niveau des jährlichen Wanderungsgewinns (MIG) zwischen 2000 und
2050. Die gegenwärtige Quote ist als schwarze Linie dargestellt.



Vienna Institute of Demography

Weitere Informationen:
Dr. Marianne Baumgart
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
Tel.: (+ 43 1) 51581/1219, Fax: (+ 43 1) 51581/1275
E-Mail: Marianne.Baumgart@oeaw.ac.at

Kontakt: Vienna Institute of Demography
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