Beispiel für die kleine Mundartsammlung von Hornung 

(abgespeichert in der Bilddatenbank zum WBÖ)

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Ein Wörterbuch und sein Belegmaterial

 

Spurensuche am Beispiel von Kals am Großglockner

 

Seit jeher wurden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Nah und Fern vom Kalser Tal in dessen Bann gezogen. Die seit Jahren in Kals stattfindenden "Kalser namenkundlichen Symposien" sind nur ein Beispiel für das rege Forschungsinteresse am Kalser Tal.

 

Auch in der Dialektlexikographie hat Kals durch seine Präsenz im "Wörterbuch der Tiroler Mundarten" von Josef Schatz (1955/56) und im "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich" bleibenden Eindruck hinterlassen. Auf letzteres, das ich kurz WBÖ nenne, werde ich mich im Folgenden beziehen.

 

Seit den Anfängen der Sammeltätigkeit für das WBÖ Anfang des vorigen Jahrhunderts spielte das "eigenartigste unter den Nebentälern der Isel" (Hornung 1964, S.78), das Kalser Tal, eine wichtige Rolle. Im Arbeitsplan für das WBÖ von 1912 wird festgehalten:

"Mit Hilfe dieser Liste [nämlich: der als Sammler in Betracht kommenden Personen] geschieht [...] die Auswahl der Sammler mit Rücksicht auf persönliche Eignung
und besonders auch mit Rücksicht auf die Orte, aus denen Stoff zu holen
wünschenswert erscheint."

Das Interesse an mundartkundlichem "Stoff" aus Kals dürfte dementsprechend immer groß gewesen sein, denn der so genannte Hauptkatalog zum WBÖ, ein mindestens 3,6 Millionen Unikate umfassendes Zettelarchiv, verfügt über zeitlich ideal gestaffelte Dialektbelege aus Kals, die auch einen Einblick in die Vielfalt des Gesamtmaterials geben.

 

Das Belegmaterial aus Kals kann in folgende Gruppen unterteilt werden:

1. Belege aus (literarischen und/oder historischen) Quellen

2. Direkt erhobene Mundartbelege und

3. Indirekt erhobene Mundartbelege

Die meisten Kalser Belege wurden indirekt erhoben.

 

1.)  Kals in Publikationen

 

Bedauerlicherweise sind wenige historische Quellen aus Kals für das WBÖ exzerpiert. Nur vereinzelt finden sich Belege aus Kals in den "Tiroler Weist(h)ümern".

Aus dem vergangenen Jahrhundert können drei Arbeiten hervorgehoben werden, aus denen das WBÖ reichhaltiges Belegmaterial aus Kals schöpft. Allen voran sei das oben bereits erwähnte "Wörterbuch der Tiroler Mundarten" gestellt, in dem Kals hin und wieder explizit als Belegort ausgewiesen ist.

Wenig später, nämlich 1964, erschien Maria Hornungs "Mundartkunde Osttirols". Im Zuge ihrer Habilitationsarbeiten bereiste die Wienerin mehrmals Osttirol und führte Befragungen durch.

Eine bislang unveröffentlichte Arbeit ist jene von Oskar Grunow über Verwandtschaftsbezeichnungen in Österreich. 1959 sammelte er als knapp 60-Jähriger Belegmaterial in Kals.

 

2.) Direkt erhobenes Material

 

Systematisch erhobenes Material

Wir sprechen von "direkt" erhobenem Belegmaterial, wenn die Sammlerin bzw. der Sammler direkt vor Ort ist, um Befragungen durchzuführen und Bedeutungsschattierungen und Aussprachevarianten zu notieren. Auf diese Weise wird von Fachleuten verlässliches Belegmaterial gesammelt.

Es ist nicht selbstverständlich, dass für einen Ort mehrere direkte erhobene Mundartsammlungen nach systematischen Fragebogen zur Verfügung stehen (die auch Vergleichbarkeit mit anderen Orten sichern), wie dies für Kals der Fall ist.

Bereits 1918 machte sich Primus Lessiak, einer der ersten Mitarbeiter des WBÖ, auf den Weg ins entlegene Kalser Tal, um dessen Dialekt zu erkunden.

1938 folgte ihm Eberhard Kranzmayer, der wichtigste Vertreter der Wiener dialektologischen Schule.

Die letzte und umfassendste Erhebung der Kalser Mundart stammt aus dem Jahr 1970 und wurde von Eugen Gabriel, dem Bearbeiter und Herausgeber des "Vorarlberger Sprachatlas (VALTS)", durchgeführt. Seine damaligen Gewährspersonen, die Auskunft über den Ortsdialekt gaben, waren:

Matthias Gliber (Gliberbauer), Theresia und Elisabeth Oberhauser (beim Kerer), Elisabeth und Josef Schnell (Niggler bzw. Nigglerbauer) und der Sohn der letzteren Stephan Schnell.

 

Kleine Mundartsammlungen

Nicht immer waren es Forschungsreisen, die die Sammler und Sammlerinnen nach Kals führten. Das kleine Dorf, das sich verträumt an den Großglockner schmiegt, war verständlicherweise auch für Mundartforscherinnen und Mundartforscher ein beliebtes Urlaubsziel.

So kam es, dass Maria Hornung eine kleine Sammlung von Kalser Pflanzennamen und eine Sammlung über die Themenbereiche "Frau und Haushalt" zusammengetragen hat.
Belege aus dem Jahr 1969, die von Otto Weber, einem Mitarbeiter des "Bayerischen Wörterbuchs", dem WBÖ - Schwesterunternehmen in München, stammen, dürften auf die selbe Weise gesammelt worden sein.

 

3.)  Indirekt erhobenes Material

Voraussetzung für eine wissenschaftliche Behandlung der Mundartbelege im WBÖ war eine systematische Erhebung von vergleichbaren Belegen aus Einzelorten. Die Belegorte sind über Altösterreich verstreut und finden sich nicht nur innerhalb der Grenzen des heutigen Österreich, sondern auch in Südtirol, Böhmen und Mähren, angrenzender Slowakei und angrenzendem Ungarn sowie im deutschsprachigem Slowenien und vorgelagertern Sprachinseln). Da nicht alle dieser Orte bereist werden konnten, war es notwendig, auch indirekt erhobenes Material zu sammeln. Dabei wurden systematisch zusammengestellte Fragebogen an "vertrauenswürdige, der Mundart nahestehende Personen" (Arbeitsplan 1912, S.4) geschickt.

Die Lehrer Constantini und Obbrugger übernahmen diese Aufgabe in den Jahren von 1928 bis 1930 für Kals.

Der gebürtige Sillianer, Karl Constantini, wählte für seine Abfragen zum 1. und 2. Ergänzungsfragebogen (mit insgesamt 71 Einzelwörtern) den Wurlerbauer, Peter Hanser, als seinen Informanten.

Josef Obbrugger, ein gebürtiger Außervillgratner, beantwortete den 3. Ergänzungsfragebogen (50 Einzelwörter) mit Hilfe der gebürtigen Leisacherin Hedwig Weingartner, der Tante des Tiroler Landeshauptmanns Wendelin Weingartner.

 

4.) Abschließende Bemerkungen

Die Materialerhebung für das WBÖ gilt als abgeschlossen. Die Kalser Mundart wird uns jedoch weiterhin von der Digitalisierung der Einzelbelege bis zur wissenschaftlichen Verarbeitung im Wörterbuchartikel immer wieder begleiten und auf diese Weise ihre Spuren in der entstehenden "Datenbank der bairischen Mundarten in Österreich (DBÖ)" hinterlassen, genauso wie im WBÖ.

 

Informationen:

Bitte:

Das Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika versteht sich als Kompetenzzentrum für bairisch-österreichische Dialekte. Es sollen neben den bestehenden Sammlungen ebenso weitere, auch jüngere, Dialektsammlungen und Aufzeichnungen von Mundartausdrücken zusammengetragen werden.

 

Falls Sie eine derartige Zusammenstellung besitzen, wären wir Ihnen vielmals zu Dank verpflichtet, wenn Sie diese dem Institut zur Duplizierung und Archivierung zur Verfügung stellen würden.
Herzlichen Dank.
Kontakt: eveline.wandl-vogt@oeaw.ac.at

 

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