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Die Akademie 1938 bis 1945

Der verstellte Blick zurück

Ein selbstkritischer Blick auf die NS-Verstrickungen der Akademie ließ lange auf sich warten. Wie das offizielle Österreich und viele private und öffentliche Institutionen war auch die ÖAW erst Jahrzehnte später bereit, sich mit ihrer Involvierung in den nationalsozialistischen Herrschaftsapparat auseinanderzusetzen.

Politische Überprüfung der Akademiemitglieder (aus dem Protokoll der Gesamtsitzung vom 9. Jänner 1948). Bild: AÖAW

Die Akademie der Wissenschaften hat sich in den letzten Jahren kritisch mit ihrer Geschichte beschäftigt. Seit 2006 läuft das teils drittmittelfinanzierte ÖAW-Forschungsprojekt „Bruchlinien und Kontinuitäten. Die ÖAW im 20. Jahrhundert“, das sich vor allem auch mit den Jahren 1938 bis 1945 und ihren Nachwirkungen in der Zweiten Republik befasst. Im März 2013, anlässlich des 75. Jahrestags des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, präsentierte die ÖAW die Publikation „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945“. In einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm wurde die Geschichte der Akademie im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit kritisch beleuchtet – das Jahr 1945 war auch an der Akademie der Wissenschaften keine „Stunde Null“.

Beschönigende Darstellungen nach 1945
Heute gilt es als gesichert, dass die Akademie in den Jahren 1938 bis 1945 eindeutig im Sinne des Nationalsozialismus agiert hat. Sie war keineswegs „in ungebrochener Tradition der reinen Forschung verpflichtet“, wie es Ernst Späth als interimistischer Leiter der Akademie gleich nach Kriegsende verlauten ließ, und was auch Präsident Heinrich Ficker bei der Hundertjahrfeier zwei Jahre später bekräftigte.

Tatsächlich hatte sich die Akademie umgehend an den neuen Machtverhältnissen ausgerichtet. Mit Heinrich Srbik wurde ein überzeugter Nationalsozialist als Präsident eingesetzt, Führungsfunktionen – wie die Leitung von Forschungseinrichtungen – wurden „verdienten“ illegalen Nationalsozialisten übertragen. Jüdischen Akademiemitgliedern wurde nahegelegt, selbst ihren „freiwilligen“ Austritt zu erklären, später erfolgte der offizielle Ausschluss. 1997 hat sich der Historiker Herbert Matis erstmals mit den personellen Verstrickungen der Gelehrtengesellschaft in den Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass wissenschaftliche Programme sowohl in den Geistes- als auch in den Naturwissenschaften im nationalsozialistischen Sinn ausgerichtet wurden.

Bundespräsident Renner als Festredner bei der Hundertjahrfeier 1947. Bild: AÖAW

Bundespräsident Renners Appell 1947
Unmittelbar nach Kriegsende ging es der Akademie darum, sich zu rehabilitieren und wieder internationales Ansehen in der Wissenschaft zu erlangen. Die Hundertjahrfeier 1947 wurde dementsprechend groß gefeiert. Für eine kritische Rückschau hatte kaum jemand etwas übrig – ganz im Gegenteil: In den Festreden ging es darum, die internationale Scientific Community davon zu überzeugen, dass die nunmehrige Österreichische Akademie der Wissenschaften (die Umbenennung erfolgte im Mai 1947) mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatte. Richard Meister, 1945 bis 1951 Vizepräsident und 1951 bis 1963 Präsident der Akademie, beschloss seine Rückschau auf 100 Jahre Akademiegeschichte mit den Worten, dass die Akademie „durch alle wechselvollen Zeiten hindurch dem Gesetz, unter dem alle Forschung steht, dem der strengsten Sachlichkeit und Objektivität, nie untreu geworden ist.“ Bundespräsident Renner empfahl den Akademiemitgliedern in der Feierlichen Sitzung, die Vergangenheit ruhen zu lassen: „Stellen Sie sich selbst, meine Herren, ein auf die Zukunft, schließen Sie in sich selbst ab mit der Vergangenheit.“

Ein halbherziger Neubeginn
Auch die spezifische Form der Entnazifizierung in der Akademie der Wissenschaften wurde im Rahmen des Forschungsprojekts untersucht. 1945 hat das neue Präsidium zu verhindern gewusst, dass ehemalige Nationalsozialsten aus der Gelehrtengesellschaft ausgeschlossen wurden – ihre Mitgliedschaft wurde „ruhend“ gestellt. Mit dem Amnestiegesetz von 1948 waren fast alle wieder als Mitglieder rehabilitiert und stellten damit mehr als ein Drittel aller ÖAW-Mitglieder. Manche machten noch eine späte Karriere an der Akademie. Dazu zählt der NS-Rektor der Universität Wien, Fritz Knoll. Knoll wurde 1957 zum Sekretär der Akademie gewählt, von 1959 bis 1964 war er Generalsekretär. 1967 wurde er mit der Medaille "Bene Merito" ausgezeichnet.

 „Ob sich die Akademie bei der Integration ehemaliger Nationalsozialsten im mainstream der österreichischen politischen Kultur positionierte oder darüber hinausgehende Aktivitäten setzte, müssen weitere Forschungsarbeiten analysieren“, resümiert die Historikerin Heidemarie Uhl.

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten lässt sich in der Akademie eine Allianz der Konservativen beobachten: Ehemalige Proponenten des autoritären Ständestaates und ehemalige Nationalsozialisten unterstützten einander wechselseitig. Sie hatten auch weiterhin großen Einfluss innerhalb der Akademie – durch die Wahl des Präsidiums und die Zuwahl neuer Mitglieder wurden Entscheidungen getroffen, die den Charakter der Gelehrtengesellschaft für die kommenden Jahrzehnte prägten.

Weitere offene Fragen
Das mag mit ein Grund dafür sein, dass die Akademie in der Nachkriegszeit wenig Anstrengungen unternahm, sich mit ihrer Geschichte in den Jahren 1938 bis 1945 auseinanderzusetzen. Das Schicksal ihrer Mitglieder und Angehörigen, die nach dem „Anschluss“ verfolgt, vertrieben und ermordet wurden, wurde nicht angesprochen. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im nationalsozialistischen Herrschaftssystem setzte erst Jahrzehnte später ein und ist bis heute nicht abgeschlossen. WN

Literatur:

Kontakt:
Doz. Dr. Heidemarie Uhl
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
T +43 1 51581 / 3310
heidemarie.uhl@oeaw.ac.at