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Das Akademiegebäude (1935), Dienstsiegel 1938 - 1945. Bild: ÖNB und AÖAW

Die Akademie 1938 bis 1945

Die Akademie im wissenschaftlichen Umfeld

Im März 2013 stellt sich die ÖAW ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit mit einem umfangreichen Gedenkprogramm. Bei der Aufarbeitung der Akademiegeschichte rund um den „Anschluss“ 1938 darf die enge Verbindung mit der Wiener Universität in der Ersten Republik nicht vernachlässigt werden. Antisemitismus und überzogenes Deutschtum wurden von Wissenschaftlern vorangetrieben, die in beiden Institutionen etabliert waren.

Die „Geschichten aus der Geschichte“ waren seit 2010 eine kleine Serie von Ausstellungen für Mitarbeiter(innen) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der leitende Archivar der ÖAW, Stefan Sienell, wollte seinen Kolleg(innen) an der ÖAW einen Einblick in das reiche Archiv der ÖAW geben, wobei er auch immer Wert darauf legte, die Zeit von 1938 bis 1945 zu berücksichtigen. Es zeigte sich bald, dass es einer selbstkritischen Aufarbeitung jener Zeit in einem weit größeren Rahmen bedurfte. Deshalb nahm die ÖAW den 75. Jahrestag des „Anschlusses“ von 1938 zum Anlass, um sich in einem umfassenden Gedenkprogramm von beschönigenden Darstellungen aus der Nachkriegszeit zu distanzieren. Sie gestaltete einige für die Öffentlichkeit zugängliche Gedenkveranstaltungen am 11. März 2013: Eine thematische Ausstellung samt entsprechendem Katalog, eine Gedenktafel-Enthüllung, ein Symposium mit dem Titel „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 – 1945“ und eine Podiumsdiskussion. Die Themenfelder wurden von ÖAW-Mitarbeiter(inne)n und externen Expert(inn)en bearbeitet und behandeln rechtlich-organisatorische Aspekte, persönliche Schicksale sowie den Umgang mit der NS-Zeit nach dem Krieg. Mit diesem Katalog verschließt sich die ÖAW nicht der berechtigten Kritik am Verhalten nach dem „Anschluss“, dem halbherzigen Neubeginn nach 1945 bis hin zur sträflich vernachlässigten Rehabilitierung der Opfer.

Die historische Akademie in der Zwischenkriegszeit
Um das Verhalten der „Akademie der Wissenschaften in Wien“ (so der seinerzeitige Namen der heutigen „Österreichischen Akademie der Wissenschaften“) zwischen 1938 bis 1945 richtig bewerten zu können, ist es notwendig, ihr historisches Umfeld zu kennen. Das betont auch Archivar Sienell: „Nicht zuletzt wegen der personellen Verflechtungen auf Mitglieder- und Mitarbeiter(innen)-Ebene ist es für mich im Zuge der Arbeiten am Katalog und an der Ausstellung immer klarer geworden, dass man die Akademie stets im Kontext mit den österreichischen Universitäten und insbesondere der Wiener betrachten muss.“

Die Akademie war noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kaum als Trägerin größerer Forschungsinstitute oder Personal führender Kommissionen aktiv. Zumeist waren es die Mitglieder, die für einzelne Kommissionen tätig waren. Sie und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter(innen) standen meist in einem Dienstverhältnis zur Universität und widmeten sich an der Akademie vertiefenden oder ergänzenden Forschungsfragen. In der Person des Akademiemitglieds durchwirkten sich die Arbeitsbereiche der Akademie und der Universität.

Verbunden im Kartell deutscher Akademien
Die Akademie der Wissenschaften in Wien war seit der Gründung des Kartells deutscher Akademien im Jahr 1893 Mitglied und betonte ihre Verbundenheit mit dem deutschen Kultur- und Wissenschaftsraum während der gesamten Zwischenkriegszeit. Die vormals Kaiserlich-Königliche Akademie der Wissenschaften von 1847 bezog sich als nationale Akademie der Ersten Republik in ihrem neuen Namen nicht auf Österreich, sondern nur auf ihre Stadt, hier Wien. Diese Verbundenheit mündete spätestens 1938 in eine extreme Verengung des Blicks auf „Wissenschaft im Dienste des deutschen Volkes“.

Das akademische Klima in Wien verschärft sich
Einige der Mitglieder, angesehene Professoren an der Universität, erschwerten spätestens ab den frühen 1920er Jahren jüdischen Wissenschaftler(inne)n eine Karriere an der Universität. Sie verzögerten Habilitationsverfahren oder verwehrten den Juden eine Professur mit fadenscheinigen Begründungen. Deshalb wurden schon von vornherein weniger Juden als Mitglied in die Akademie aufgenommen.

Ab 1938 dominiert NS-Ideologie die Wissenschaft
Das Auswechseln der Führungspositionen für eine loyale, nationalsozialistische Institution ging an der Universität Wien im März 1938 innerhalb weniger Tage vor sich. An der Akademie vollzog sich der grundlegende Wandel mit einiger Verzögerung. Da die Mitglieder nicht in einem Dienstverhältnis mit der Akademie standen, konnten sie formal nicht entlassen werden. 21 Mitglieder wurden zum Austritt aus der Gelehrtengesellschaft gedrängt. Ab dem Spätherbst gab es keine unabhängigen Akademiewahlen mehr und mit Februar 1940 war die Akademie dem Reichserziehungsminister in Berlin unterstellt, der die Wahlen bestätigen musste.

Alle jüdischen oder politisch „unzuverlässigen“ Mitarbeiter(innen) aus Instituten, die von der Akademie als Forschungsträgerin verwaltet wurden, wurden noch im April 1938 fristlos entlassen (Forschung unter dem Primat der NS-Politik). Die Vertriebenen hinterließen Lücken im Wissenschaftssystem, die meist umgehend von karrierebewussten Nationalsozialisten oder Opportunisten eingenommen wurden. Die Wissenschaft richtete sich fortan an politisch beglaubigten Forschungsthemen aus. Internationale Qualitätssicherungskriterien und offene Grundlagenforschung wurden auch in Wien zugunsten einer unbedingten Bevorzugung alles Deutschen sowie der politischen Unterordnung aufgegeben. Beliebte Themen waren Sprache, Rassenkunde und für die Kriegsführung interessante Fachgebiete wie etwa die Kernphysik. Ab 1942 aber wurden – auch kriegsbedingt – an der Akademie kaum noch qualitativ hochwertige Arbeiten publiziert. WN

Literatur:

  • J. Feichtinger, H. Matis, S. Sienell, H. Uhl (Hgg.): „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945“ (2013, Katalog zur Ausstellung)
  • M. Wahlmüller: „Die Akademie der Wissenschaften in Wien. Kontinuitäten und Diskontinuitäten 1938-1945“ (2010, Diplomarbeit)


Kontakt:

Dr. Stefan Sienell
Leiter des Archivs
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Bibliothek und Archiv

1010 Wien, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2
T +43 1 51581 1640

stefan.sienell@oeaw.ac.at