
- Bild: Institut für Osteuropäische Geschichte, Uni Wien
Die Akademie 1938 bis 1945
Arnold Suppan: Die ÖAW stellt sich ihrer Geschichte
Im März 2013 jährte sich der 75. Jahrestag des „Anschlusses“. Aus diesem Anlass stellte sich die ÖAW ihrer Vergangenheit mit einem umfangreichen Gedenkprogramm. Der Historiker und Vizepräsident der ÖAW, Arnold Suppan, bekräftigt im Interview mit Waltraud Niel die Wichtigkeit einer umfassenden Aufarbeitung der NS-Zeit und ortet weiteren Forschungsbedarf.
Was unternimmt die ÖAW, um ihre dunklen Kapitel aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten?
Arnold Suppan: Die ÖAW ist eine der ersten Bundesinstitutionen, die die NS-Verstrickungen ihrer Mitglieder wissenschaftlich aufarbeitet und die Ergebnisse öffentlich macht. Im März 2013 veranstaltete sie ein Symposium und wandte sich zusätzlich mit einer Ausstellung, einem umfassenden Katalog und einer Podiumsdiskussion an die breite Öffentlichkeit. Und schließlich möchte sie mit der Enthüllung einer Gedenktafel jener Mitglieder und Mitarbeiter(innen) gedenken, an deren Verfolgung auch die Akademie der Wissenschaften in Wien beteiligt war.
Gelingt der selbstkritische Blick zurück an der ÖAW jetzt besser als in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten?
Arnold Suppan: Ich denke, ja. Das gilt aber nur für jene, die sich wirklich damit beschäftigen wollen. Ich befürchte, dass die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus – nicht zuletzt wegen der Finanzkrise – im Abnehmen begriffen ist. Es ist deshalb eine Verpflichtung der Akademie, sich jetzt dieser Geschichte zu stellen, solange wir noch die Eltern und Großeltern in Erinnerung haben, die diese Zeit erlebt haben.
Was machte die Österreicher(innen) quer durch alle Bildungsschichten für „Anschluss“ und Nationalsozialismus so empfänglich?
Arnold Suppan: Ich möchte zwischen „Anschluss“-Befürwortern und NS-Aktivisten differenzieren. Die Befürwortung des „Anschlusses“ hängt sicher zum Teil mit den Friedensbedingungen von Saint-Germain, zum Teil mit den wirtschaftlichen Problemen nach dem Ersten Weltkrieg zusammen. Die Hyperinflation von 1922 hatte die großen, aber auch sehr viele kleine Vermögen vernichtet. Auch vielen Akademikern erschien der „Anschluss“ an Deutschland als gangbarer Ausweg, beflügelt durch das Denken in ethnisch-nationalen Kategorien, das im damaligen Europa vorherrschte. Dass dabei die Juden besonders betroffen sein würden, war vielen egal oder sogar recht, weil es ihre eigenen Karrierechancen erhöhte.
Die effektive NS-Propaganda verfehlte zusätzlich ihre Wirkung nicht, aber wir müssen die Gründe auch im psychologischen Bereich suchen: Die (Deutsch-)Österreicher haben darunter gelitten, nicht mehr eine (einflussreiche) Gruppe eines großen Reiches zu sein. Und schließlich war ja die „Anschluss“-Debatte nicht neu. Schon ab 1848 befürworteten viele einen gemeinsamen Staat aller Deutschsprachigen. Eine große „Anschluss“-Manifestation in Wien fand übrigens beim großen Deutschen Sängerbund-Fest im Juli 1928 statt. Die Verbindungen zu Deutschland waren im akademischen Bereich besonders stark. Viele Studenten studierten eine Zeitlang in Deutschland, und viele Österreicher publizierten in deutschen Verlagen.
Gibt es hier noch offene Forschungsfragen?
Arnold Suppan: Ja, zweifellos sind die Gründe für die politische Blindheit der Akademiker gegenüber dem totalitären Regime, das Hitler in Deutschland bereits bis August 1934 aufbaute, eine offene Forschungsfrage. Nach 1933 kam in Deutschland eine dramatische Militarisierung der Gesellschaft in Gang, vorangetrieben durch eine enorme Umschichtung von Budgets. Es ist eigentlich unerklärlich, dass hoch gebildete Menschen, wie etwa der fachlich anerkannte Historiker Heinrich Srbik (Akademiepräsident von 1938 – 1945), in einem historischen Vergleich nicht erkannt hat, dass es hier um ein nie dagewesenes Ausmaß von Machtanspruch und Willkür ging.
Eine weitere Forschungsfrage betrifft die Instrumentalisierung der Wissenschaft als Waffe. Die Deutschen wollten nach der als beschämend empfundenen Niederlage im Ersten Weltkrieg und deren Konsequenzen zumindest im internationalen Wettkampf in der Wissenschaft führend sein. Warum sie ab 1933 so viele exzellente Wissenschaftler, vor allem die deutschen Juden, bewusst ausgeschlossen und vertrieben haben, erscheint in diesem Zusammenhang gänzlich unlogisch.
Es fehlt auch noch eine gründliche Aufarbeitung der NS-Naturwissenschaften. Aus der letzten Kriegszeit gibt es kaum überlieferte Aufzeichnungen. Es ist anzunehmen, dass viele davon vernichtet wurden, vor allem, wenn sie Menschenversuche oder den Umgang mit radioaktiven Substanzen betrafen.
Schließlich gibt es in Österreich so gut wie keine Auseinandersetzung mit der Person Hitlers, die immerhin über sieben Jahre auch die Österreicher beherrschte.
Warum blieb die Entnazifizierung an der ÖAW unvollständig?
Arnold Suppan: Das Problem, dass die politische Überprüfung der Mitglieder an der Akademie nur halbherzig durchgeführt wurde, war eine gesamtösterreichische Vorgangsweise. Mit dem Amnestiegesetz 1948 wurden viele „Minderbelastete“ im Hinblick auf die Nationalratswahlen 1949 pardoniert. Tatsächlich hielt sich dadurch aber der Einfluss jener, die der nationalsozialistischen Ideologie noch nicht gänzlich abgeschworen hatten, noch über Jahrzehnte. Das hat die Aufarbeitung verzögert und eine angemessene Rehabilitierung der Opfer erschwert.
Wie kann die ÖAW die in der NS-Zeit Ausgeschlossenen, Vertriebenen und Ermordeten aus ihren Reihen würdigen?
Arnold Suppan: Zunächst müssen in weiteren Forschungsarbeiten alle Personen mit Namen erfasst werden, denen an der Akademie in jener Zeit Unrecht geschehen ist. Als ersten Schritt wird die ÖAW ein virtuelles Gedenkbuch anlegen, auf lange Sicht sollten jene Menschen mit ihrem Namen auf einer Gedenktafel aus Stein in Erinnerung gehalten werden. WN
Zur Person:
Arnold Suppan, Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, arbeitet an Länder- und Regionen übergreifenden Zusammenhängen des 19. und 20. Jahrhundert. Suppan geht ihnen etwa im Rahmen der Erforschung von Nationalitäten- und Minderheitenfragen in Ostmittel- und Südosteuropa nach. Sein derzeitiger Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Tschechoslowakei und Jugoslawiens unter NS-Besatzung.
Arnold Suppan hatte Gastprofessuren in Leiden, Fribourg, Stanford und Budapest inne. Er war Vorstand des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, leitete das Österreichische Ost- und Südosteuropa-Institut in Wien, war Obmann der Historischen Kommission der ÖAW und ist derzeit Vizepräsident der ÖAW. Mehr zu Arnold Suppan finden Sie hier.
Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Arnold Suppan
Vizepräsident der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
arnold.suppan@oeaw.ac.at

