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Neue Technologien in der Telekommunikation

Die Ideologie der Informationstechnologie

Das Internet ist mittlerweile nicht mehr der Ort des freien Informationsflusses. Heute lenkt das Kapital Suchmaschinentechnologien. Doch das ist vielen Akteuren nicht bewusst, warnt die Sozialwissenschaftlerin Astrid Mager und erforscht, wo es noch Handlungsspielräume gibt.

Es ist wirklich sehr bequem. Die Suchmaschine wirft in Sekundenschnelle alles aus, was man so braucht: den nächsten Pizzalieferanten, den in der Nähe gelegenen Wohnungsmakler oder den Elektrohändler ums Eck. Alles ist nur einen Mausklick entfernt. Nur: dass es sich bei unzähligen Links um gesponserte Suchmaschinenergebnisse handelt, das ist zwar an der Farbe zart erkennbar, vielen Nutzer(innen) aber nicht bewusst. Suchmaschinen wie Google, Bing & Co haben eine Marketingstrategie entwickelt und perfektioniert, die Privatsphäre, Datenschutz und Identität immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.

„Durch ausgeklügelte Geschäftsmodelle und zielgruppenspezifische Werbung schreibt sich die kapitalistische Ideologie in Suchtechnologien ein und wird damit weiter in der Gesellschaft verfestigt“, sagt Astrid Mager. Die Sozialwissenschaftlerin erforscht am ÖAW-Institut für Technikfolgen-Abschätzung das glokale Spannungsfeld, in dem Suchmaschinentechnologie agiert. „Glokal“ ist ein Kunstwort, das ursprünglich das Adaptieren von globalen Landwirtschaftstechnologien an japanische Begebenheiten bezeichnet hat, und für Mager das Verhältnis von globaler Technologieentwicklung und lokalem Kontext treffend beschreibt. Die globale Technologie wirkt sich auf lokaler Ebene aus und bringt Spannungen und Widersprüche mit sich. Welche, das ist Gegenstand der Forschung.

Die (Ohn)Macht der Akteure
Zufällig startete das Projekt am ersten März 2012, an einem sehr markanten Tag. Der Suchmaschinengigant Google deklarierte an diesem Tag die Zusammenführung aller Userdaten aus seinen unterschiedlichen Diensten. Alle gesammelten Daten von Google+, Gmail, Youtube und anderen Services, werden seit März offiziell in so genannte Userprofile, Einzel- oder Gruppenprofile, zusammengeführt. Somit sind User über ihre Vorlieben, ihre geografische Lage oder ihr Freundesnetzwerk noch besser einschätzbar und identifizierbar.

Ist das bedenklich? Ja, meint Mager, dessen sollte sich der Suchmaschinenbenutzer bewusst sein. Denn während bei Sozialen Netzwerken wie Facebook & Co die Zustimmung zumindest formal gegeben wird, passiert dies bei Suchmaschinen ungefragt. Es ist möglich, sich diesem Missbrauch zu entziehen, doch dafür müssen Nachteile in Kauf genommen werden. Durch Löschen der Cookies und der Suchhistorie, zum Beispiel, können Webseiten z.T. nicht mehr vollständig angezeigt werden, die Suchdienste werden ein Stück weit unbequemer, und die Ergebnisse werden weniger „maßgeschneidert“ angezeigt.

Den Datenschutz durchsetzen
Doch es liegt nicht allein in der Verantwortung der User sich dieser Kommerzialisierung zu entziehen. Auf rechtlicher, wirtschaftlicher und kultureller Ebene haben auch Interessensvertreter, Staaten und Netzaktivisten ihren Teil dazu beizutragen. Vieles ist schon passiert. Europaweite Datenschutzrichtlinien versuchen dem amerikanischen, freizügigeren System die Stirn zu bieten. Nationale Gesetzgebungen stellen sich vor die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger. „Es braucht nicht unbedingt neue Gesetze, sondern es würde zunächst schon einmal genügen, die bestehenden Gesetze durchzusetzen. Dafür ist es notwendig zu wissen, wo die Userdaten eigentlich liegen und wo Geschäftstransaktionen stattfinden. Doch da hinkt das Wissen politischer Akteure der Technik oftmals hinterher“, sagt Astrid Mager. Denn Technologie entwickelt sich rasant. Für gesellschaftspolitische Entscheidungsträger zumeist zu rasant.

Glokale Spannungen und Widersprüche
Um Spannungsfelder zwischen globaler Informationsökonomie und lokaler Gesellschaftspolitik analysieren zu können, sammelt die Wissenschaftlerin unterschiedliche empirische Daten. Mittels Medien- und Policyanalysen sowie Experteninterviews mit Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft, und Rechtswissenschaft, aber auch mit Datenschützern, Netzaktivisten und Vertretern aus der breiteren Zivilgesellschaft werden „glokale“ Spannungen und Widersprüche im speziellen österreichischen Kontext untersucht, nicht zuletzt um Handlungsanleitungen für InteressensvertreterInnen zu formulieren.

Wie können globale Suchmaschinenriesen reguliert werden? Wie ist das nationale Recht auf Datenschutz durchzusetzen? Was kann und muss dafür getan werden? Diese und andere brennende Fragen werden Teil des Projekts sein. Ein Lösungsansatz, so Mager, könnten hybride politische Plattformen sein, in denen Politiker, Netzaktivisten, Techniker, und andere Interessensvertreter Seite an Seite Entwicklungen beobachten, diskutieren und Aktionspläne erarbeiten. Deutschland ist in der Diskussion, sowie auch in diesem Punkt bereits weiter: Hier arbeiten in der „Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft“ im Bundestag politische Parteien aber auch Aktivisten, wie jene vom Chaos Computer Club, zusammen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Das Forschungsprojekt „Glokale Suche. Suchtechnologie an der Schnittstelle von globalem Kapitalismus und lokalen sozio-politischen Kulturen“ wird vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank unterstützt (Projektnummer 14702). Das Projekt basiert auf Theorieansätzen der Wissenschafts- und Technikforschung, der kritischen Theorie sowie der Technikfolgenabschätzung.

Kontakt:
Dr. Astrid Mager
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Strohgasse 45/5
1030 Wien
T +43 1 51581-6598
Astrid.mager@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ita
www.astridmager.net