Neue Technologien in der Telekommunikation
Integration von Werten in neue Technologien
Warum Technikentwicklung sich mit Grundwerten wie Autonomie und Menschenwürde auseinandersetzen muss und welche Rolle die Forschung einnimmt, erläutert Walter Peissl vom ÖAW-Institut für Technikfolgen-Abschätzung.
Das Marie Curie Projekt „Value Ageing“ ist ein mehrjähriges, europäisches Forschungsprojekt, das die Integration der europäischen Grundwerte in Informations- und Kommunikationstechnologien für ältere und alte Menschen untersucht. Warum wurde das Projekt ins Leben gerufen?
Walter Peissl: Die Gesellschaften in Europa altern. Zugleich wird unsere Welt immer technischer. In der „Ko-Evolution“ von Technik und alternder Gesellschaft liegen mehrere Probleme. Die Schwierigkeiten älterer Menschen mit Technik beginnen bei zu kleiner Schrift am Display und reichen bis hin zu zu vielen Funktionen. Unbestreitbare Vorteile liegen in Sicherheitstechnologien, die im Ernstfall erkennen, dass der alte Mensch Hilfe braucht. Die Technologien sind hoch entwickelt und doch kommt es zu Akzeptanzproblemen. Ein Beispiel sind etwa Sensoren im Boden, die als Sicherheitsmaßnahme bei Stürzen gedacht sind, die aber auch erkennen, wie viele Menschen sich im Raum aufhalten, und so die Autonomie, Identität und Menschenwürde älterer Menschen verletzen können.
Im Projekt „Value Ageing“ befassen sich Wissenschaftler und Industriepartner aus acht verschiedenen Ländern mit der Frage der Integration der europäischen Grundwerte in Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung älterer Menschen. Ziel ist, dass „gute“ Technologien nicht nur die Welt für ältere Menschen technisch besser, einfacher machen sollen, sondern es geht auch darum zu verstehen, wie Werte und Technologie sich wechselweise beeinflussen. Europäische Grundwerte sind dabei Menschenwürde, Autonomie, Privacy – ein Begriff der im deutschen mit Privatheit übersetzt werden kann und mehr als Datenschutz bedeutet –, Familienlieben, Datenschutz und Nichtdiskriminierung. Das Projekt ist eine vierjährige Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und als Marie Curie Industry Academia Partnerships and Pahtways (IAPP) konzipiert.
Gab es bisher Überraschungen für Sie?
Peissl: Inhaltlich noch nicht. Aber ein sehr spannender Punkt ist der Wissensaustausch zwischen Forschung und Industrie, wie es das Marie Curie IAPP-Projekt konzeptiv vorgibt. Dabei kommt es zu einer engen Zusammenarbeit innerhalb des Konsortiums, das sich aus Forschungsinstituten und Unternehmen zusammensetzt. Zum Konsortium gehören neben dem Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das italienische Centre for Science, Society and Citzienship, die spanische Tecnalia und die Freie Universität in Brüssel, sowie Frontida Zois aus Griechenland, die italienische Beratungsfirma Innova, das Netwell Center des Dundalk Institute of Technology in Irland, die Queens University of Belfast und der italienische High-Tech-Entwickler Vegan Solutions. Der Wissensaustausch findet im Rahmen von mehrmonatigen gegenseitigen Besuchen statt, sodass die Industrie in die Methoden, Ansätze und Werte der Wissenschaft Einblick erhält und umgekehrt. So kam ein Mitarbeiter der Beratungsfirma Innova an das ITA, um mit uns gemeinsam eine Problembeschreibung unseres Work Packages zu erarbeiten. Mit den so gewonnenen Erkenntnissen wird dann an der Umsetzung der Projetinhalte gearbeitet. KollegInnen aus dem ITA werden in weiterer Folge zu Industriepartnern fahren, um deren Arbeitsweise kennenzulernen.
Es sind acht europäische Partner an dem Projekt beteiligt. Was ist die konkrete Aufgabenstellung am Institut für Technikfolgen-Abschätzung?
Peissl: Wir arbeiten am Workpackage Nummer 6: Best Practices - Identifikation, Analyse und Sammlung. Bis Ende September fassen wir die regulativen und gesetzlichen Grundlagen für Best Practice Fälle zusammen. Im Oktober startet die Suche nach Best Practice Beispielen in den drei Bereichen E-Accessibility, ICT Training für Social Web sowie Homecare – die Pflege zu Hause mit Technologieunterstützung. Die Beispiele werden später in einer Datenbank verfügbar sein. Läuft alles nach Plan, liegen im Juni 2014 die Ergebnisse vor. Das übergeordnete Ziel des Projekts „Value Ageing“ ist die Erarbeitung von Richtlinien zur Gestaltung assistiver Technologien im Bereich der Untersützung des Lebens älterer Menschen, die im Einklang mit europäischen Grundwerten stehen.
Unser Anspruch als interdisziplinäres Forschungsinstitut ist es auf das Lebensumfeld älterer Menschen zu blicken und nicht nur eine Dimension zu analysieren. Wenn Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt werden um würdiges Altern mit Hilfe von Technologien zu ermöglichen, müssen diese so gestaltet werden, dass sie den Grundwerten entsprechen und nicht mit ihnen in Konflikt geraten. Denn die meisten Funktionen können ohne negative Nebenwirkungen realisiert werden. Der springende Punkt ist, früh genug über die potenziellen negativen Nebenwirkungen nachzudenken, um sie vermeiden zu können. Die Grundfrage heißt: Wieviel Technologie benötigt Heimpflege, um einen bestimmten Pflegestandard zu erreichen und gleichzeitig Privatheit, Menschenwürde und Individualität nicht zu gefährden.
Was kann die Wissenschaft konkret leisten?
Peissl: Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Erkenntnisse an Politik und Industrie weiterzugeben. Für die Technikfolgenabschätzung ist es enorm wichtig, nicht nur einen Stempel „ethisch“ oder „sozialverträglich“ aufzudrücken. Ein proaktiver Ansatz ist nötig, damit sich die Industrie möglichst früh mit den Fragen der Sozialverträglichkeit und der ethischen Akzeptabilität beschäftigt. Der Ansatz „privacy by design“ setzt auf Grundsätze in der Datenverarbeitung wie Datensparsamkeit, Zweckbindung, Verantwortlichkeit, Proportionalität und Zweckmäßigkeit. Wenn diese Grundregeln beherzigt werden, muss die Industrie das Endprodukt nicht mehr kostspielig umgestalten. Daten zu sammeln ist keine böse Sache an sich. Das Problem beginnt, wenn riesige Datenpools entstehen, aus denen sehr viele Informationen, Profile und Verhaltensweisen von Menschen herausgelesen werden können. Dann entsteht ein Risiko für Missbrauch, wie es etwa bei den E-Book-Readern zu beobachten ist. Wenn ein Leser ein Abonnement für Books on Demand kauft, rechnet er nicht damit, dass ihm elektronisch über die Schulter geblickt wird. Doch in Wirklichkeit werden alle Daten gesammelt: Was liest der Leser? Was liest er doppelt? Wo bricht er die Lektüre ab? Wo macht er sich Notizen? Es ist legitim, dass der Kunde sagt: Das will ich nicht, das verletzt meine Privatsphäre.
Sie sind seit 1988 am ÖAW-Institut für Technikfolgen-Abschätzung. Die Technik hat sich in dieser Zeit rasant weiterentwickelt. Haben sich die Werte der Kommunikations- und Informationswelt seit damals gewandelt?
Peissl: Bereits bei den ersten Studien haben Grundwerte wie Schutz der Privatsphäre, Autonomie oder auch Fragen der Identität schon eine Rolle gespielt. Doch die Bedrohung dieser Grundwerte hat eminent zugenommen. Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind durch die Anschläge in New York am 11. September 2001 enorm unter Druck geraten. Damals entstand im Eiltempo eine technologiezentrierte Sicherheitsforschung, die auf technische Innovationen wie flächendeckende Videoüberwachung fokussierte. Dieser Zugang blendet nicht nur die Ursachen der Probleme zu sehr aus, sondern übersieht auch, dass wir alle ein Stück Freiraum, Autonomie und Identität brauchen, um als Bürger ein demokratisches Gemeinwesen mitgestalten zu können.
Zur Person
Walter Peissl ist stellvertretender Direktor des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er studierte Betriebswirtschaftslehre und Soziologie an der Universität Graz. Schon früh beschäftigte er sich mit konsumentenpolitischen Fragen im Bundesministerium für Familie, Jugend und Konsumentenschutz sowie im Verein für Konsumenteninformation. Das Thema seiner Dissertation war die Soziologie der Angestellten. Seit 1988 forscht und wirkt Walter Peissl am Institut für Technikfolgen-Abschätzung. Seine Schwerpunkte liegen bei neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, Privacy und bei methodischen Fragen der Technikfolgenabschätzung.
Kontakt:
Mag. Dr. Walter Peissl
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Strohgasse 45/5
1030 Wien
T +43 1 51581 - 6584
wpeissl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ita

