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Schätze bewahren

Wertvolle Kunstschätze aus Glas


Weniger als fünf Prozent des ursprünglich vorhandenen Schatzes an monumentalen Glasmalereien sind in unserem Kulturraum erhalten geblieben. Jedes einzelne Stück ist daher aus heutiger Sicht schützenswert und Gegenstand detaillierter Analysen durch das Team des österreichischen Corpus Vitrearum. Für die Erforschung und Erhaltung der Glasgemälde pendeln die drei Spezialisten Elisabeth Oberhaidacher-Herzig, Christina Wais-Wolf und Günther Buchinger zwischen den über ganz Österreich verstreuten Standorten und Archiven sowie der Restaurierwerkstatt des Bundesdenkmalamtes in Wien und ihrer Arbeitsstelle in der Wiener Hofburg. Von hier aus werden die einzelnen Schritte koordiniert.

Feldforschung und Denkmalpflege vor Ort
Zunächst werden die Bestände in den Kirchen und Kapellen erfasst, die Baugeschichten erforscht und die Maße der Fenster ermittelt. In den Archiven der Pfarren und Diözesen suchen die Forscher nach wertvollen Hinweisen für die Geschichte der Verglasung, in erster Linie Rechnungen von Glasern, die seit dem 16. Jahrhundert die kontinuierlich schrumpfenden Bestände immer wieder in Stand setzten. Mit diesen Angaben kann der ursprüngliche Bestand rekonstruiert werden. Doch wie können die heute noch erhaltenen Glasgemälde langfristig gesichert werden? Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts initiiert das Corpus-Team Außenschutzverglasungen, mit denen sowohl die außenseitige Bewitterung als auch die schädliche Kondenswasserbildung an der Innenseite von den mittelalterlichen Gläsern ferngehalten werden. Während des Einbaus dieser Vorrichtung gelangen die mittelalterlichen Scheiben in die Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes.

Schadensanalyse und Konservierung im Bundesdenkmalamt
In den Werkstätten wird zunächst das Schadensbild jedes einzelnen Glasgemäldes genauestens festgehalten. Wie etwa ein Vergleich zweier Scheiben aus dem niederösterreichischen Weiten zeigt, muss hier nach unterschiedlichen Kriterien differenziert werden: In den beiden Erhaltungsschemata werden Ergänzungen aus dem späten 19. Jahrhundert und spätere Flickungen mit mittelalterlichen Stücken (mit einem “x” gekennzeichnet) strichliert ausgewiesen. Die Erhaltungsschemata machen somit deutlich, dass die Weitener Achatiusscheibe in ihrer Glassubstanz wesentlich besser erhalten ist als das Stifterbild aus derselben Kirche. Für das Erscheinungsbild der Malerei ist die Situation allerdings genau umgekehrt: Durch Verwitterung sind große Teile der Schwarzlotschichten an der Achatiusscheibe abgeplatzt, und die Komposition wurde damit stark verunklärt. Die Malerei der Stifterscheibe ist an den mittelalterlichen Stücken dagegen sehr gut erhalten. Mit dem Einbau einer Außenschutzverglasung kann dieser Prozess zwar nicht mehr rückgängig gemacht, doch gestoppt werden.

Stifter Bartholomäus Schratt zu Streitwiesen, 1506, Pfarrkirche Weiten, Fenster nord II, 3a; Aufforderung an den hl. Achatius und die 10.000 Märtyrer zum Abschwören, um 1420, Pfarrkirche Weiten, Fenster süd III, 3b. Durchlichtaufnahmen und Erhaltungsschemata. Bild: Bundesdenkmalamt Wien
Eggenburg: Fein gezeichnete Details: Ein Maler der Donauschule schuf um 1520 das Glasgemälde des hl. Stephanus. Bild: Bundesdenkmalamt Wien

 

Stilbild und künstlerische Qualität
Mithilfe des großen Fundus an Detailfotos im Archiv des Corpus in der Wiener Hofburg erfolgt eine kritische Analyse des Stils jedes Glasgemäldes. Ein künstlerisch bedeutendes Werk ist etwa das um 1520 entstandene Glasgemälde des heiligen Stephanus aus der Stadtpfarrkirche von Eggenburg im niederösterreichischen Waldviertel.

Dabei handelt es sich um ein seltenes Beispiel eines Glasgemäldes, das von einer bedeutenden Werkstatt des so genannten Donaustils geschaffen worden ist, von dem sonst hauptsächlich Altäre des frühen 16. Jahrhunderts im Donauraum bekannt sind.

Ein Maler, der eigentlich auf Altartafeln spezialisiert war, hat hier ein Glasgemälde mit sehr fein gezeichneten Details im Gesicht, Gewand und in den Ornamenten geschaffen, obwohl es nur von der Ferne in einem hochgelegenen Kirchenfenster gesehen werden konnte. Heute befindet sich das 73 Zentimeter hohe und 57 Zentimeter breite Kunstwerk im Diözesanmuseum von Sankt Pölten.

Waidhofen: Stifter und Stiftungsgut: das Wappen der Messererzunft und die Monstranz mit dem heilsbringenden Leib Christi für die Kranken der ehemaligen Bürgerspitalskirche in Waidhofen an der Ybbs. Bild: Bundesdenkmalamt Wien

 

Ikonographie und Ausstattungskonzepte
Neben dem Stilbild müssen das Thema des Glasgemäldes und kompositorische Besonderheiten der Darstellung bestimmt werden. Aus den aktuellen Forschungsbereichen ist hier die Verglasung der ehemaligen Bürgerspitalskirche in Waidhofen an der Ybbs zu nennen.

Die Gottesleichnamszeche der Messererzunft aus Waidhofen stiftete für die dortige Pfarrkirche eine Monstranz, während sie in der Spitalskirche ihre Jahrtage abhielt. Um auch hier die bedeutende Stiftung sichtbar zu machen, wurde für die Spitalskirche das Glasgemälde mit dem Abbild der Monstranz und dem Wappen der Messerer gestiftet.

Die Glasgemälde sind weiters in einen Wandmalereizyklus mit der Marter der hl. Barbara, der Patronin der Zunft, und einer Kreuztragung Christi eingebettet, wobei auf die Darstellung des Todes der Heiligen und die Kreuzigung Christi bewusst verzichtet wurde.

In einer Spitalskirche sollten also das Leiden Christi und der hl. Barbara sowie der heilsbringende Leib Christi in der Monstranz im Blickfeld der Kranken stehen.

Weitau in Tirol: Technische Variationen: Die Inschriften des Stiftergemäldes in St. Nikolaus in der Weitau in Tirol zeigen zwei Techniken der Schwarzlotmalerei. Bild: Bundesdenkmalamt Wien

 

Inschriften als Informationsträger
Neben den archivalischen Informationen dienen auch Inschriften auf den Glasgemälden selbst als wichtige Informationen über den Bildgegenstand. In Kooperation mit Dr. Renate Kohn, Leiterin der Arbeitsgruppe Inschriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW, wird jede einzelne Inschrift analysiert, die inhaltlich und formal für Überraschungen sorgen können.

Dabei ist etwa auf die Darstellung des Stifters und Wohltäters der Filialkirche von St. Nikolaus in der Weitau (Tirol) Ulrich von Velben zu verweisen, der um 1470 durch ein Glasgemälde laut Inschrift etwa 150 Jahre nach seinem Tod geehrt wurde.

Dabei erstaunt auch die Differenzierung der Inschriften: Das Band mit dem Gebet, das Ulrich selbst spricht, ist mit Schwarzlot auf weißem Glas gemalt; der gelbe Inschriftensockel, der quasi einen gemeißelten Steinsockel imitieren soll, wurde mit Schwarzlot flächig überzogen und die Schrift herausgewischt. Mit diesen technischen Finessen konnten unterschiedliche Wirkungen in der Imitation der Wirklichkeit erzielt werden.

 

Kontakt:
Dr. Elisabeth Oberhaidacher-Herzig
CORPUS VITREARUM MEDII AEVI
c/o Bundesdenkmalamt
Hofburg, Säulenstiege
1010 Wien
corpus.vitrearum@bda.at

Mag. Dr. Günther Buchinger
Kommission für Kunstgeschichte
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 53415-122
guenther.buchinger@oeaw.ac.at

Mag. Dr. Christina Wais-Wolf, MAS
Kommission für Kunstgeschichte
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T + 43 1 53415-128
christina.wolf@oeaw.ac.at