Schätze bewahren
„Jede einzelne Scheibe ist wertvoll für die Forschung“
Glasmalerei gehört zur Gattung der Monumentalmalerei. Sie ist durch Umwelteinflüsse im vergangenen Jahrhundert zunehmend in Bedrängnis geraten. Wie im Corpus Vitrearum Medii Aevi diese Kulturschätze bewahrt werden, welche Einflüsse die Kulturgüter bedrohen und wie weit das Projekt gediehen ist, erläutert Projektleiterin Elisabeth Oberhaidacher-Herzig.
Seit 60 Jahren wird in Österreich am Corpus Vitrearum Medii Aevi gearbeitet. Darin werden Glasfenster Österreichs dokumentiert. Was macht die mittelalterliche Glasmalerei so kostbar und schützenswert?
Oberhaidacher-Herzig: Die mittelalterliche Glasmalerei gehört zu den gefährdetsten Kunstgattungen. Der Werkstoff Glas ist ein sehr heikler Stoff: jeder Hagel, jeder Krieg hat von Anfang an die Zahl der Fenster dezimiert. Die Barockzeit richtete großen Schaden an, weil sie das mittelalterliche Glas zerstörte um helle Räume für die barocke Gesamtausstattung zu schaffen. Im vergangenen Jahrhundert führte die Industrialisierung zu einer Verschlechterung des Luftzustandes, was zu Korrosionsschäden an den Glasfenstern führte. Aus all diesen Gründen müssen wir die Glasfenster schützen, damit wir sie für künftige Generationen erhalten können. Zu all diesen Bedrohungen kommt ein kunsthistorisch spannender Aspekt hinzu. Die Glasmalerei deckt ein Spektrum der Malerei im 13. und 14. Jahrhundert ab, wo wir in unserem Kulturraum keine oder fast keine Tafelmalerei haben.
3.500 kostbare Glasmalereien wurden bisher in Österreich identifiziert. Welche Kriterien entscheiden über die Aufnahme in den Corpus?
Oberhaidacher-Herzig: Kostbar sind alle erhaltenen Glasgemälde bei uns, weil sie nicht einmal fünf Prozent des ehemals existenten Bestandes darstellen. In allen mittelalterlichen Kirchen Österreichs gab es selbstverständlich Glasmalereien und von alledem ist nur so wenig erhalten. Deshalb ist jede einzelne Scheibe wertvoll für die Forschung.
Sie betonten, dass Umweltgifte die Glasmalereien massiv bedrohen. Welchen Schaden richten sie an?
Oberhaidacher-Herzig: Schwefel ist der Hauptfeind von Glasfenstern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Industrialisierung enorm zu. Saurer Regen trat auf, der Schwefelgehalt in der Luft stieg, was für die Glasmalerei eine immense Bedrohung darstellt. Das mittelalterliche Glas hat eine andere chemische Zusammensetzung als unser heutiges Glas. Es ist alkalihältig. Diese Alkalien reagieren mit dem Schwefel und in diesem chemischen Prozess bildet sich an der Außenseite des Glasgemäldes eine Kruste. Diese Kruste wächst stetig an. Wird eine gewisse Dichte erreicht, so fällt die äußerste Schicht ab. Danach beginnt der Prozess von Neuem. Das heißt: Das Glas wird immer dünner und Krater fressen sich in die Außenfläche. Deshalb wurde ab dem Zweiten Weltkrieg die Methode der Schutzverglasung entwickelt. Wir nehmen die Glasscheiben aus dem Fenster und bringen sie in eine Restaurierwerkstatt. Währenddessen wird in den originalen Falz ein modernes, verwitterungsresistentes Glas eingesetzt. Sind die Scheiben restauriert kommen sie von innen mit einem gewissen Abstand wieder an ihren Platz – geschützt vor Atmosphärilien und Kondenswasser.
Das Projekt läuft seit nunmehr 60 Jahren in 14 Ländern – auch in den Vereinigten Staaten und Kanada. Wie kam es dazu?
Oberhaidacher-Herzig: Das Projekt ist nach dem Zweiten Krieg geboren worden. Damals waren die mittelalterlichen Glasfenster europaweit vor dem Bombenkrieg in Sicherheit gebracht worden. Als der Krieg zu Ende war, restaurierte, fotografierte und dokumentierte man europaweit die Fenster. Die jeweils zuständigen Kunsthistoriker trafen sich bei einem großen Kongress in Amsterdam und beschlossen, gemeinsame Richtlinien zu erstellen, damit alle Länder die Dokumentation auf die gleiche Art und Weise durchführen. Aus dieser Arbeit heraus entstanden und entstehen die Corpus-Bände. Noch heute katalogisieren Kunsthistoriker von England bis Frankreich, in Deutschland, Österreich und der Schweiz Scheibe für Scheibe in diesen Bänden in einer sehr ähnlichen Weise.
Was wurde bisher erreicht?
Oberhaidacher-Herzig: Europaweit wurden bisher mehr als 120 Bände erarbeitet. In Österreich erschienen von den acht geplanten Bänden bereits vier und der fünfte ist in Arbeit. Somit ist hierzulande bereits mehr als die Hälfte der Kulturdokumente inventarisiert und bearbeitet. Die Publikationen der österreichischen CVMA-Reihe werden gemeinsam von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und vom Bundesdenkmalamt herausgegeben. Frankreich dagegen hat in den französischen Kathedralen so viele Glasmalereien erhalten, dass die Aufarbeitung noch wesentlich länger dauern wird. Dazu kommt, dass sich das Thema im Laufe der Jahrzehnte erweiterte. Der Corpus Vitrearum Medii Aevi wird seinem Namen nicht mehr ganz gerecht, da er nicht mehr nur das Mittelalter behandelt. Die Dokumentation reicht partiell bis ins 19. Jahrhundert, da damals die alte Kunst mit neuen Materialien und Techniken wieder auferstand.
Was ist die größte Herausforderung bei einem so großen, internationalen Projekt?
Oberhaidacher-Herzig: Die größte Herausforderung ist das Ziel. Die wesentliche Zielsetzung des Corpus Vitrearum ist laut Gründerin Professor Eva Frodl-Kraft die Vollständigkeit. Es hat keinen Sinn in der Hälfte der Arbeit stecken zu bleiben. Der gesamte Bestand an mittelalterlicher Glasmalerei soll in den Bänden katalogisiert werden.
Gab es bisher kunsthistorische Überraschungen?
Oberhaidacher-Herzig: Überraschungen gab es viele. Zu Beginn war nicht klar, welche Schäden an den Fenstern wirklich vorhanden sind. Aufgrund der Corpus-Arbeit ergaben sich erst die Fragen der Restaurierung. Welche Schäden treten auf? Mit welchen Methoden sind diese Schäden zu beheben? Was können wir tun? Frodl schrieb sinngemäß: Zu sehen, dass die Materie in unseren Händen schwindet, weil der Erhaltungszustand immer schlechter wird, das war die erste – böse - Überraschung. Kunsthistorisch wurde die Glasmalerei aufgewertet. Lange Jahre wurde sie als Kunstgewerbe betrachtet und in den großen Katalogen in den 60er-Jahren und 70er-Jahren auf den letzten Seiten als Kunstgewerbe abgehandelt. Es war das Verdienst der Pioniere wie Eva Frodl-Kraft, dass diese Glasmalerei einen höheren Stellenwert innerhalb der mittelalterlichen Malerei erhielt. Das war für Kunsthistoriker anderer Sparten durchaus eine Überraschung. Mittlerweile ist es in einer breiteren Forschungsgemeinschaft unbestritten: Die Glasmalerei deckte über weite Strecken im 13. und 14. Jahrhundert stilistische und ikonografische Fragen ab, die in kaum einer anderen Gattung behandelt werden.
Sie dokumentieren in Buchform. Neue Medien sind jedoch digital. Ist es geplant das Projekt dahin überzuführen oder ist das Buch das beste Dokumentationsmedium?
Oberhaidacher-Herzig: Ich glaube, Bücher halten länger. Die Dokumentation ist derzeit in Buchform weiterhin vorgesehen. Selbstverständlich speichern wir seit dem letzten Band alle Daten auch digital. Es wird zu überlegen sein, wieweit die Inventarisation in Hinkunft auch in digitaler Form passieren soll. Wir werden uns sicher nicht verschließen. Einzelne Länder betreten bereits heute den digitalen Weg. Italien etwa dokumentiert Teile bereits auf der Website.
Haben sich die Methoden der Restaurierung in diesen sechs Jahrzehnten geändert?
Oberhaidacher-Herzig: Ja die Methoden ändern sich laufend. Wir sind heute viel vorsichtiger als man es am Anfang war. Nur ein Beispiel: In der Nachkriegszeit verwendete man eine Art Glasfieberpinsel um die Oberflächen zu reinigen, das machen wir schon lange nicht mehr. Außerdem hat sich die Schwerpunktsetzung unserer Arbeit verändert: Heutzutage setzen wir den Schwerpunkt in der Konservierung und weniger in der Restaurierung. Wir versuchen den derzeitigen Zustand zu erhalten.
Was zeichnet die österreichische Arbeit vor den anderen Mitgliedern des Corpus aus?
Oberhaidacher-Herzig: In Österreich ist die Erforschung immer an die Restaurierung und Erhaltung gekoppelt. Wenn wir etwa ein mittelalterliches Fenster in Tirol in Arbeit haben, so wird es ausgebaut und in die Werkstätten des Bundesdenkmalamtes gebracht. Dort haben wir Kunsthistoriker die Möglichkeit die Scheibe in die Hand zu nehmen. Wir können das Schadensbild von vorne und von hinten ansehen, die Farbbeschreibung entsteht im Angesicht der Scheibe. Das ist unser großer Vorteil in Österreich, dass wir jede Scheibe in die Werkstätten des Bundesdenkmalamtes bringen und begutachten. Das gibt es nicht in allen Ländern. In Deutschland arbeiten viele verschiedene Stellen am Corpus und tun sich mit unterschiedlichsten Restauratoren zusammen und bauen nicht jede Scheibe aus. Ein Befund über den Erhaltungszustand wird dann auch manchmal von einem Gerüst aus und mit dem Feldstecher gemacht. Das sind schlechtere Bedingungen.
Was sehen Sie im Zusammenhang mit dem kulturellen Gedächtnis als Hauptaufgabe der Forschung?
Oberhaidacher-Herzig: Bei der Glasmalerei steht eindeutig die Aufgabe der Erhaltung im Vordergrund, denn wenn wir die Glasgemälde nicht erhalten, geht uns das Material für die Forschung verloren. Der zweite wichtige Punkt ist die Fortsetzung der Bände um den Stellenwert der Glasmalerei innerhalb der gesamten Malerei des Mittelalters nach wie vor zu dokumentieren und herauszuheben.
Das Mittelalter hat noch immer den Ruf dunkel zu sein. Trägt der Corpus dazu bei, dass diese Epoche heller wird?
Oberhaidacher-Herzig: Das hoffe ich sehr. Da die mittelalterliche Glasmalerei fast die einzige Kunstgattung ist, die uns noch einen Eindruck von der ursprünglichen Farbigkeit der mittelalterlichen Malerei gibt. Die Wandmalerei der damaligen Zeit ist in der Regel abgewittert und hat ihre oberste Oberfläche verloren. Wenn etwas das Mittelalter erhellen kann, dann ist es die Glasmalerei, die zu Recht auch die ‚Kunst aus Licht und Farbe’ genannt wird.
Zur Person:
Elisabeth Oberhaidacher-Herzig leitet in Österreich die wissenschaftliche Arbeit des Corpus Vitrearum Medii Aevi. Das Projekt ist am Bundesdenkmalamt (BDA) in der Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung beheimatet und an der Kommission für Kunstgeschichte der ÖAW verankert. Die Wienerin studierte Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in ihrer Heimatstadt. Ihre Dissertation beleuchtete „Friedrich Pacher und sein Kreis“. 1974 promovierte Elisabeth Oberhaidacher-Herzig an der Universität Wien und trat in eben diesem Jahr bereits in die Abteilung für Denkmalforschung, die damals Institut für Österreichische Kunstforschung genannt wurde, als freie Mitarbeiterin ein. Sie publizierte in Fachzeitschriften wie der „Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege“ und dem topographischen Denkmälerhandbuch „Dehio“. Seit 1980 ist Elisabeth Oberhaidacher-Herzig Mitglied des Österreichischen Nationalkomitees des Corpus Vitrearum. Außerdem arbeitet sie laufend an verschiedenen wissenschaftlichen Projekten des Bundesdenkmalamtes mit, kuratierte Ausstellungen der österreichischen Glasmalerei des Mittelalters und hält international Vorträge zur mittelalterlichen Kunst Österreichs, zu Konservierung und Restaurierung. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die mittelalterliche Glasmalerei.
Kontakt:
Dr. Elisabeth Oberhaidacher-Herzig
CORPUS VITREARUM MEDII AEVI
c/o Bundesdenkmalamt
Hofburg, Säulenstiege
1010 Wien
corpus.vitrearum@bda.at

