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Musikgeschichte

Wien zur Zeit der frühen Habsburger


Die Konstituierung Wiens als Wissenszentrum, als intellektueller Transferknoten mitteleuropäischer Bildungszentren und als Enklave unterschiedlicher kultureller Praktiken zur Zeit der frühen Habsburger steht im Mittelpunkt eines von Susana Zapke geleiteten Forschungsprojektes.

Mit der Unterzeichnung der Gründungsurkunde von Herzog Rudolf IV. und seinen Brüdern Albrecht III. und Leopold III. begann 1365 die wechselvolle Geschichte der Universität Wien. Wie reagierte Wien auf den zunehmenden Einfluss gelehrter und humanistischer Strömungen im ausgehenden 14. und im 15. Jahrhundert? Wie manifestierte sich diese intellektuelle Verdichtung im Musikverständnis und der musikalischen Praxis jener Zeit? Welchen sozialen und kulturellen Stellenwert hatte die Musik in Wien und insbesondere an der damals neu gegründeten Artistenfakultät? Diesen Fragen ging Susana Zapke in ihrem Forschungsprojekt "Wien: Urbane Musik und Stadtdesign zur Zeit der frühen Habsburger" nach, welches sie im Rahmen des Lise-Meitner-Programms des FWF (Projektnr. M1161-G21) an der ÖAW-Kommission für Musikforschung durchgeführt hat.

Kulturhistorisches Bild der Stadt

Dabei begab sich die Musikhistorikerin auf bisher unerforschtes Terrain. Ziel war, die Musik der damaligen Zeit erstmals vor einem kulturhistorischen Hintergrund zu stellen und aus der Perspektive der Musik eine Kulturgeschichte der Stadt Wien zu zeichnen. Dafür durchforstete Zapke bis dato unberücksichtigte geistliche wie weltliche Quellenbestände.

Der erste Befund zeichnete ein ernüchterndes Bild. "Der Stellenwert der Musik an der Wiener Universität hielt sich in Grenzen und war - ähnlich wie an den anderen Universität der Zeit wie Prag, Krakau oder Leipzig - überzogen von einer spätscholastischen Patina", sagt Zapke. Die Angaben der Acta Facultatis Artium decken sich jedoch nur fragmentarisch mit der Gelehrten-Realität. Einerseits war die Universität, collegium ducale, in ihren Anfängen eng mit der Bürgerschule zu St. Stephan, collegium civium, verbunden und in deren religiösen Zeremonien und Ritualen involviert. Andererseits verweisen die Quellen im Umfeld der Universität auf ein komplexes Transfernetzwerk von Wissen und Praktiken, das die signifikantesten kulturellen Zentren der damaligen Zeit umfasst.

Aufschlussreiche Funde

Dieses rückwärtsgewandte Musikverständnis in der universitären Aula bedeutet jedoch nicht, dass Musik im damaligen Wien keine Rolle spielte. "Es lässt sich eine sehr große Präsenz der Musik und vor allem der frühen Polyphonie in der Alltags- und Liturgie-Praxis finden", so Zapke. Und auch von den musikalischen Strömen der damaligen Zeit war Wien keineswegs abgeschottet. Im Erzbischöflichen Diözesanarchiv Wien identifizierte die Musikhistorikerin gemeinsam mit ihrem Kollegen und ebenfalls Musikhistoriker Peter Wright (Universität Nottingham) auf den abgelösten Spiegelseiten des Vorder- und Rückendeckels einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert bisher unbekanntes, polyphones Repertoire zur Fronleichnamsprozession, das teilweise mit einem Trientiner Codex (Trient 88) konkordiert. "Das zeigt nicht nur, dass das polyphone Repertoire im 15. Jahrhundert zirkulierte, sondern auch, dass Wien mitten in der Entwicklung der Vokalpolyphonie stand und mit den europäischen Zentren eng verbunden war - ein erneuter Beweis für die Verbindung zwischen Wien und den Tridentiner Codices", betont die Musikhistorikern.

Auch in der Österreichischen Nationalbibliothek entdeckte Zapke Erstaunliches, u.a. eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert zur Fronleichnams-Prozession - wer daran beteiligt war und wo sie verlaufen ist. "Durch diese genaue Beschreibung erhalten wir eine fast vollständige Topographie der Stadt Wien Ende des 14. Jahrhunderts", unterstreicht Zapke die Bedeutung des Fundes, der auch viele Fragen aufwirft: "Wien war zu dieser Zeit noch kein Bistum, St. Stephan nur eine Kollegiatskirche. Trotzdem waren an der Prozession Prälaten und Bischöfe beteiligt - wer waren sie und was hatte ihre Anwesenheit zu bedeuten? Welche politische und welche soziale Funktion verbirgt sich hinter dieser Prozession?"

Spurensuche weit über die Stadtgrenze hinaus

Trotz spärlicher Quellenlage konnte Zapke im Zuge ihres Projekts etwa 200 Handschriften sowie eine Vielzahl von Inkunabeln, Urkunden und Dokumenten in direktem Zusammenhang mit den Gelehrtenmilieus und der Alltagsgeschichte der Stadt Wien selektieren. Ihre Spurensuche führte sie weit über die Wiener Stadtgrenzen hinaus etwa bis Salzburg, Melk, Mondsee und ins niederösterreichische Weitra. Damals war Weitra Heimstadt vieler bedeutender Gelehrter mit einem Naheverhältnis zur Universität Wien. So war Andreas von Weitra 1426 Dekan, später Rektor der Artisten- und danach (1443) Dekan der theologischen Fakultät. Nur in diesem Kontext lässt sich auch ein Fragment verstehen, welches Zapke im örtlichen Pfarrarchiv aufgespürt hat. "Es handelt sich um ein wunderschönes polyphones Offiziumsfragment zur Dedicatio ecclesiae ", schwärmt Zapke. Im Umfeld von Weitra lässt sich das Fragment nur schwer verorten, naheliegender scheint der Musikhistorikerin eine Zuordnung zum Umfeld der Universität Wien: "Wahrscheinlich wurde die theologische Gebrauchshandschrift, an der das Musikfragment als Makulatur verwendet wurde, nach Weitra mitgenommen und nicht mehr zurückgebracht", vermutet Zapke. Genauere Untersuchungen werden folgen, um hier Klarheit zu erlangen.

Schon jetzt ist klar, dass Wien bereits im Mittelalter eine Musikstadt war - also weit bevor Vivaldi, Haydn oder Mozart die Bühne der Stadt betraten. Umso erstaunlicher findet es Zapke, dass die Erforschung der Musik im mittelalterlichen Wien vergleichsweise wenig beachtet wurde. Ihr Projekt verweist auf zahlreiche Schätze, die darauf warten, gehoben zu werden. Mehrere Aufsätze in Fachpublikationen sind hierzu bereits erschienen, ein Buch sowie zwei Faksimile-Ausgaben sind in Planung, ebenso wie eine Website, über die Interessierte detailliert in diese bislang so unbekannte, aber dafür umso faszinierendere Musikstadt Wien eintauchen können.



Kontakt:
Univ. Prof. Dr. Susana Zapke
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
susana.zapke@assoc.oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf


Juli 2012