Musikgeschichte
Musikdarstellungen im Gemeindebau
Musikdarstellungen in der Kunst am Wiener Gemeindebau ist Thema der Forschungsarbeit von Björn R. Tammen an der ÖAW-Kommission für Musikforschung.

Von den Sängerknaben bis zum Schrammel-Quartett - in Wien wird viel und gerne musiziert. Es könnte auch gar nicht anders sein, denn mit ihrer angeborenen Gabe zu Heiterkeit und Gemütlichkeit liegt den Wienerinnen und Wienern das Musizieren im Blut.
So will es das Selbstbild der "Musikstadt Wien", dessen Stilisierung bereits im 19. Jahrhundert begann. Im Wien der Nachkriegszeit mit ihrer zutiefst verunsicherten Gesellschaft wurde dieses Selbstbild zum Programm. So schreibt im Jahr 1959 der damalige Baustadtrat Kurt Heller: "Es ist unsere Aufgabe, jene Strenge, welche aus dem Kriegserlebnis geprägt ist, ins wienerisch Heitere abzumildern, während unsere an sich ja stets vorhandene Neigung zum wienerisch Heiteren immer wieder an der Angemessenheit geprüft werden sollte, mit der wir dieser gehetzten, fahrigen Zeit entgegenstehen müssen."
Mehr durch Zufall als durch Planung entdeckte Björn R. Tammen von der ÖAW-Kommission für Musikforschung bei Spaziergängen durch die Wiener Bezirke die Zeugnisse dieser Bemühungen der Wiener Stadtplanung nach 1945. Er fand sie an Hausfassaden und in Innenhöfen, mal auf den ersten Blick ersichtlich, mal hinter Gestrüpp versteckt - Musikdarstellungen in der Kunst am Wiener Gemeindebau. Sein forscherisches Interesse war geweckt. Mittlerweile hat er rund 100 derartiger Visualisierungen zusammengetragen, katalogisiert und einer musikikonographischen Analyse unterzogen.
Heroen der Vergangenheit
Die Darstellungen sind so vielfältig wie das musikalische Selbstbild der Wienerinnen und Wiener. So fand Tammen an einem eher unscheinbaren Wohnhaus im 15. Gemeindebezirk zwei Türsturzreliefs, die einen liegenden Walther von der Vogelweide mit Harfe und liebliche Vögelchen in Verbindung mit den Anfangsversen des wohl bekanntesten mittelalterlichen Minnegedichts zeigen (siehe Abbildungen 1a/b). "Vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, sind derlei Arbeiten wenig originell, ja Mitte der Fünfziger Jahre geradezu als reaktionär zu bezeichnen - hier sollte wohl nicht nur ein früher Heros der 'Musikstadt Wien' und des 'Musiklandes Österreich', sondern auch gleich noch ein heiles, harmonisches Familienidyll suggeriert werden", erklärt der Musik- und Kunsthistoriker.

Dass man im gegebenen Kontext gerade auf Walther von der Vogelweide verfallen konnte, liegt Tammen zufolge schlichtweg an der rein örtlichen Nähe zum Vogelweidplatz: "Diese Form toponomastischer Rückversicherung vermag den Bewohnern vor Ort ein Stück lokaler Identität zu vermitteln, selbst wenn der konkrete Standort mit der 'historischen' Persönlichkeit gar nichts zu tun hat", so Tammen.
Selbst sind die Musikanten
Mehr auf Eigenmusizier-Initiativen der Wienerinnen und Wiener hin ausgerichtet, sind zahlreiche Darstellungen von Musizierenden mit ihren Instrumenten. So regt ein Mandolinspieler, aufgestellt auf einer Grünfläche am Hietzinger Kai, ebenso dazu an, selbst zum Instrument zu greifen, wie der Ziehharmonikerspieler im Ernest-Bevin-Hof in Hernals (siehe Abbildungen 2/3). Tammen: "Hier werden schichtenspezifische Musikvorlieben beziehungsweise Unterhaltungsbedürfnisse bedient - oder besser gesagt dasjenige, was man im Magistrat der Stadt Wien dafür gehalten hat. Beide Horizonte müssen sich nicht decken."

Konfliktlinien
Dass die Horizonte von Auftraggeber und Künstler keineswegs immer deckungsgleich sein müssen, zeigt das Richard-Strauss-Denkmal (alias "Die Lauschenden") von Siegfried Charoux (siehe Abbildung 4). Bereits die Ausgangslage scheint paradox: Angeregt durch Ideen aus dem rechten politischen Lager, Strauss, der ja nicht allein hochgeachteter Komponist, Staatsoperndirektor und Ehrenbürger der Stadt Wien, sondern auch Direktor der NS-Reichsmusikkammer und Komponist der umstrittenen Olympia-Hymne (1936) war, zu seinem 90. Geburtstag zu ehren, wurde gerade ein vor den Nazis nach England geflohener Bildhauer mit der Umsetzung des entsprechenden Denkmals beauftragt. Noch dazu sah sich Charoux mit der Vorgabe konfrontiert, eine Skulptur mit "Rosenkavalier"-Thematik zu gestalten und beklagte sich bitter über diese "Rokoko-Furzerei", zu der ihm partout nichts einfallen würde. "Hier prallten städtische Kunst- und Identitätspolitik, gutbürgerliche Musikvorlieben und ein für die Nachkriegszeit insgesamt charakteristischer Kulturkonservativismus auf eine starke Künstlerpersönlichkeit mit ganz anderen, letztlich im Roten Wien verwurzelten Kunstidealen", erläutert Tammen. Am Ende trägt Charoux den Sieg davon und präsentiert eine Figurengruppe ganz nach seinem Geschmack.
Von der Peripherie ins Zentrum der Forschung
Nicht alle Musikdarstellungen im Gemeindebau der Nachkriegszeit sind so gut dokumentiert wie das Richard-Strauss-Denkmal. Bei den meisten bleiben aufgrund fehlender (oder noch nicht erschlossener) Quellen die genauen Hintergründe ihrer Entstehung im Dunkeln. Doch ihr zahlreiches Auftreten lässt kulturpolitisches Kalkül vermuten. Sie festigen das Bild von der "Musikstadt Wien" und tragen die Kunde hiervon bis an die Peripherie der Stadt. Das holt sie für Tammen wiederum von der Peripherie der Forschung in deren Zentrum: "Die bisherige Forschung hat nicht wahrgenommen, dass neben den großen Komponistendenkmälern auch derartige Kunstobjekte im Gemeindebau als Träger musikalischer Identität fungieren. Der Gemeindebau ist für mich deshalb kein Nebenschauplatz, sondern gerade in der Musik- und Kunstpolitik der Nachkriegszeit ein ganz wesentlicher Schauplatz."
Kontakt:
Mag. Dr. Björn R. Tammen
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T + 43 1 51581-3712
bjoern.tammen@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf
Juli 2012

