Musikgeschichte
Die Suche nach der Nachkriegsidentität
An der ÖAW-Kommission für Musikforschung untersucht Stefan Schmidl im Zuge des Forschungsschwerpunkts "Musik - Identität - Raum" die Suche nach einer nationalen Identität im Österreich der Nachkriegszeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Österreich nicht nur politisch und wirtschaftlich wiederaufbauen. Die Nachkriegszeit war auch geprägt von der Suche nach einer österreichischen Identität, die der von Krieg und Zerstörung zutiefst irritierten Gesellschaft neuen Halt geben konnte. Der Musik kam dabei, in einem Land, das sich selbst bereits seit dem 19. Jahrhundert als "Musikland" präsentierte, eine große Bedeutung zu. Wie positionierte sie sich der Nachkriegszeit? Was trug sie zur Gestaltung einer österreichischen Identität bei? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Stefan Schmidl mit Fokus auf die Zeit von 1945 bis etwa 1960 im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Musik - Identität - Raum" an der ÖAW-Kommission für Musikforschung.
Sein erster und für die Zeit typischer Befund: Eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit fand kaum statt. "Nur vereinzelt sind Beispiele zu finden, die auf die Ursachen der jetzt zu durchlebenden Zerstörung, also auf die nationalsozialistische Herrschaft und den Weltkrieg, Bezug nehmen - und selbst in diesen ist der generelle Tenor 'schlimm ist es gewesen, aber jetzt sprechen wir nicht mehr darüber'", sagt Schmidl.
Die Wiener Klassik als Leitästhetik
Ein für die Zeit typischer Diskurs, der sich auch in den Medien findet. Man suchte die Identität lieber in einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. "Die Wiener Klassik wurde als Leitästhetik stilisiert", so Schmidl, "nach außen über den Tourismus - der ja auch damals ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war - vermarktet und Innen geglaubt."
Von vielen zeitgenössischen Komponisten wurden die Ästhetik, aber auch die Stilmittel der Klassik ebenso wieder aufgegriffen. "Dieses beständige Wiederaufgreifen des Althergebrachten, ohne etwas Neues zu schaffen, ist typisch für das musikalische Nachkriegs-Österreich", betont Schmidl. In der Beschwörung einer Heimatfilm-Idylle schwang die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus weiter, während die im Dritten Reich verpönte, "entartete Kunst" der musikalischen Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts, einer dessen Zentren Wien mit bedeutenden Komponisten wie Arnold Schönberg war, nicht wieder Fuß fassen konnte.
Kalter Krieg kein Thema
Darüber hinaus schien die österreichische Musik der Nachkriegszeit nicht nur die jüngste Vergangenheit, sondern auch wichtige Diskurse der Gegenwart zu ignorieren. So spielte der Kalte Krieg als Thema so gut wie keine Rolle. Auch nicht zu der Zeit, als noch offen war, ob Österreich nicht ebenso wie Deutschland geteilt wird. Schmidl: "Man fuhr bei diesem Thema einen Konsenskurs - es gab sehr wenige Protagonisten, die hier eine klare Position bezogen, die als überzeugte Kommunisten oder als Verfechter der westlichen Demokratie auftraten." Ganz anders als in den Nachbarländern Österreichs, die in einer ähnlichen Situation waren, wie zum Beispiel in Ungarn, wo sich noch vor der Machtergreifung des Kommunismus Komponisten aus Überzeugung zur Leitästhetik des Sozialistischen Realismus bekannten.
Gesucht, aber nicht gefunden
Über die Analyse der Musik der damaligen Zeit zeichnete sich für Schmidl das Bild einer österreichischen Nachkriegsgesellschaft, die sich gesucht, aber nicht gefunden hat. Die versuchte, sich über den Rückbezug auf eine ferne, glorifizierte Vergangenheit zu stabilisieren, ohne sich grundlegend zu transformieren und mit neuen Impulsen in die Zukunft zu gehen.
Kontakt:
Mag. Dr. Stefan Schmidl
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T +43 1 51581-3715
stefan.schmidl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf
Juli 2012

