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Musikgeschichte

Musik und Revolution


An der Kommission für Musikforschung der ÖAW widmet sich Barbara Boisits im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Musik - Identität - Raum" der Bedeutung der Revolutionsmusik beziehungsweise den Einfluss der Revolution 1848/49 auf die Musikentwicklung.

Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche schlagen sich auch in der Musik nieder. Für die Revolution von 1848/49 innerhalb der Habsburgermonarchie sind die musikgeschichtlichen Zusammenhänge noch kaum erforscht. Barbara Boisits von der Kommission für Musikforschung widmet sich deshalb dieser Epoche und stellt ihre musikhistorischen Forschungen in den Kontext von Identitätsbildung der beteiligten Gruppen - vor allem in Wien. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kämpften hier Bürgertum, Studenten und die Arbeiter aus den Vorstädten - zunächst gemeinsam - um politische Rechte, gegen die Zensur und für verbesserte Arbeitsbedingungen. Bei der Verbreitung revolutionärer Ideen spielte Musik eine wichtige Rolle. Die Werte der Revolution beeinflussten aber auch die Musik und die Musizierpraxis der kommenden Jahrzehnte.

Fuchslied versus Volkshymne

Befürworter wie Gegner der Revolution bedienten sich zur Verbreitung ihrer Anliegen allgemein bekannter Melodien, die sie mit entsprechenden neuen Texten versahen. Diese als Kontrafaktur bezeichnete Methode war effizient und billig. Volkslieder, Hymnen und Kirchenlieder wurden umgedichtet. Eines der beliebtesten Revolutionslieder war das "Fuchslied", benannt nach den als "Füchse" bezeichneten Studenten im ersten Semester. Auch die Marseillaise wurde häufig für österreichische Zwecke adaptiert. Die Gegner der Revolution hingegen machten beispielsweise von der von Joseph Haydn stammenden Melodie der Volkshymne für ihre Anliegen Gebrauch.

Politische Instrumentalisierung

Der Stellenwert der Musik im gesellschaftlichen Leben war um die Mitte des 19. Jahrhunderts wichtiger als heute. Sie konnte auch politisch konnotiert sein und zur Durchsetzung politischer Ideen instrumentalisiert werden. "Nicht zuletzt deshalb waren Musikkritiker wie etwa der angesehene Alfred Julius Becher, weit über musikalische Kreise hinaus bekannt", erklärt Barbara Boisits. Mit seinem Wirken, das eng mit der Revolution von 1848 in Wien verknüpft ist, hat sich die Musikhistorikerin beschäftigt. Wie viele von seinen Kollegen wollte auch Becher das Publikum zu mehr Ernsthaftigkeit erziehen. Er kritisierte die bei Adel und Publikum beliebten italienischen Opern sowie die Überbetonung von Virtuosität und drängte auf qualitätsvollere Musikprogramme sowie eine verbesserte Ausbildung der Musiker. Scharf kritisierte er die Zensur, die u.a. die leiseste Kritik am Hof oder an den politischen Zuständen streng ahndete. Becher schloss sich der Revolution an und bezahlte das schließlich mit seinem Leben. Musikkritiker, vor allem aber auch Musiker, die die Revolution mit Kompositionen unterstützt hatten, sahen sich nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution gezwungen, sich fortan einem rigiden politischen Geist unterzuordnen - vor allem dann, wenn sie noch Karriere machen wollten.

Erwachender Nationalismus

Der erwachende Nationalismus in der Habsburgermonarchie äußerte sich musikalisch in einer Aufwertung der Volksmusik und der Vertonung einschlägiger Texte, wie des Gedichts "Des Deutschen Vaterland" von Ernst Moritz Arndt, 1825 komponiert von Gustav Reinhardt. Es wurde im Revolutionsjahr auch gern in Wien gesungen wurde. In einer der zahlreichen Strophen (in deren Abfolge alle deutschsprachigen Gebieten genannt werden) heißt es: "Was ist des Deutschen Vaterland? / So nenne mir das große Land. / Gewiss, es ist das Österreich an Ehren und an Siegen reich? / O nein! nein! nein! Sein Vaterland muss größer sein!" Dazu erläutert Barbara Boisists: "Wenn wir unsere Forschungsergebnisse im nächsten Jahr in einem umfangreichen Sammelband sowie einer Notenausgabe publizieren, wird dies als forschungsbasierter Kommentar zum revolutionären Liedgut für unser heutiges Verständnis der damaligen Verhältnisse eine wichtige Rolle haben."



Kontakt:
Univ. Doz. Dr. Barbara Boisits
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T + 43 1 51581-3705
barbara.boisits@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf


Juli 2012