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Musikgeschichte

Ein musikhistorisch unterschätzter Herrscher


Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Musik - Identität - Raum" untersucht Alexander Rausch an der ÖAW-Kommission für Musikforschung die Regierungszeit Albrechts II., des ersten Habsburgers an der Spitze des Heiligen Römischen Reichs.

Gerade einmal zwei Jahre war Albrecht II. als König des Heiligen Römischen Reichs an der Macht, als er 1439 bei einer Schlacht starb. Trotz seiner kurzen Regentschaft markierte Albrecht II. einen historischen Wendepunkt: Mit ihm begann die Jahrhunderte lange Geschichte der Habsburger an der Spitze des Weltreichs. Albrechts kurze Regierungszeit war geprägt von Kampf und Verfolgung. Er zog fanatisch gegen die Türken, Hussiten und Juden zu Felde. Das ließ wenig Raum für kulturelle Großtaten. Darum überrascht es nicht, dass Albrecht II. für die Musikgeschichte bisher nur eine Fußnote war. Als einziges musikalisches Zeugnis galt eine Trauer-Motette anlässlich seines Todes, in der das Sängerensemble namentlich aufgezählt wird.

"Melker Reform massiv vorangetrieben"

Ein Bild, das laut Alexander Rausch, Musikhistoriker an der ÖAW-Kommission für Musikforschung, jedoch relativiert werden muss: "Albrecht II. hatte beispielsweise bereits Jahrzehnte vor seiner Regentschaft als Herzog von Österreich gewirkt und in dieser Zeit die Melker Reform - die eine enorme Wirkung auf die liturgisch-musikalische Identität wichtiger Klöster des süddeutsch-österreichischen Raumes hatte - massiv vorangetrieben", erläutert Rausch. Mit der Melker Reform sollte einer Verweltlichung der Klöster entgegengewirkt und der Alltag im Kloster streng nach den Regeln der Benediktiner ausgerichtet werden.

"Der Aufstieg der Habsburger im frühen 15. Jahrhundert ging auch kulturpolitisch mit der Initiative einher, eine starke kulturelle Identität wiederzugewinnen", erklärt Rausch. Eingebettet in die Entwicklung seiner Zeit setzte Albrecht II. kulturpolitisch auf Kontinuität. Er übernahm die Hofkapelle von seinem Schwiegervater und Vorgänger König Sigismund. Leiter war der franko-flämische Komponist Johannes Brassart, der in Österreich das, bis heute gesungene Lied "Christ ist erstanden" dreistimmig bearbeitete. "Brassart war einer der besten Komponisten seiner Zeit und legitimierte dadurch Albrecht II. - wie bereits seinen Vorgänger Sigismund und später auch seinen Nachfolger Friedrich III. - als bedeutenden Herrscher. Aufgrund seiner internationalen Biographie steht darüber hinaus die Wahl von Brassart auch für den Willen zu einer offenen Kulturpolitik", betont Rausch.

Wirkkraft bis über den Tod hinaus

Dass Albrecht II. über seinen Tod hinaus große Wirkkraft hatte, zeigt eine weitere von Alexander Rausch analysierte Motette, die von Johannes Brassart zu Ehren seines Nachfolgers Friedrich IV. (III.) komponiert worden war. Denn sie besingt nicht nur den neuen König, sondern auch mindestens ebenso prominent den Verstorbenen: "Das lässt sich aus dem Text sowie den verwendeten musikalischen Stilmitteln ablesen und bezeugt, wie wichtig Albrecht II. auch nach seinem Tod noch war", so der Musikhistoriker.

Bisher war die Zeit um die Regentschaft von Albrecht II. musikhistorisch weitgehend unerschlossen. Trotz dürftiger Quellenlage konnte Alexander Rausch ein buntes Mosaik zutage fördern, das eine neue Perspektive auf die musikhistorische Bedeutung des ersten Habsburgers an der Spitze des Heiligen Römischen Reichs eröffnet, ebenso wie eine differenziertere Betrachtung der damaligen Ereignisse. Denn so sehr sich Albrecht II. bemühte, die Melker Reform durchzusetzen, brachten die Forschungen von Alexander Rausch auch die Schwierigkeiten dabei zutage. So leicht ließen sich die einheimischen Traditionen mit Orgelspiel und usueller Mehrstimmigkeit in den Klöstern trotz Androhung von Strafe nicht brechen: "Gerade die Musik als immaterielle Kunst mit ihren vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten lässt sich wohl nicht einfach so gleichschalten", meint Rausch.




Kontakt:
Mag. Dr. Alexander Rausch
Kommission für Musikforschung
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/ 4 /3, 1010 Wien
T + 43 1 51581-3711
alexander.rausch@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmf


Juli 2012