Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Chromosomen und Meiose

Das Reifen der Eizelle


Für die junge Gruppenleiterin am IMBA, Kikue Tachibana-Konwalski, stehen die Besonderheiten der Eizellen von Säugetieren im Zentrum des Interesses. Ihr Spezialgebiet sind jene Faktoren, die für den langen, aber zeitlich exakt begrenzten Zusammenhalt der Chromosomen verantwortlich sind. Es gibt immer klarere Hinweise, wo der Zusammenhalt in älteren Eizellen gefährdet ist.

Eizellen von Mäusen sind groß, durchsichtig und ihre Chromosomen können experimentell gefärbt werden. So kann man ihre Bewegungen während der Meiose unter dem Mikroskop gut mitverfolgen. Wie aber werden die komplexen Schritte zur Aufteilung der Chromosomen geregelt? Was ist für den geordneten Ablauf verantwortlich? Kikue Tachibana-Konwalski, seit November 2011 Gruppenleiterin am IMBA - Institut für Molekulare Biotechnologie der ÖAW, hat in den vergangenen Jahren einige entscheidende Fragen klären können. Ihre bislang wichtigste Publikation, in Oxford entstanden und Ausgangpunkt für ihre Arbeit am IMBA, betrifft einen molekularen Ring, der für den zeitlich präzise begrenzten Zusammenhalt der Chromosomen sorgt.

Ein Trennungsprozess auf Raten

Im Alter von etwa zwei Wochen schalten einige Zellen im weiblichen Mausembryo im Zuge des weiteren Wachstums von der mitotischen Teilung auf die Reifeteilung, die Meiose, um. Mit dem Endergebnis - der haploiden Eizelle - ist aber erst in ferner Zukunft zu rechnen. Am Beginn steht das Zueinanderfinden der bereits kopierten homologen (jeweils von Mutter und Vater) Chromosomen. Das Ergebnis sind jeweils vier aneinandergelagerte DNA-Fäden - zusammen gehalten von Chiasmata, den Cross-Over-Produkten der Rekombination, die durch Cohesin zusammen gehalten werden. Rund um die Geburt des jungen Mäuseweibchens verfällt die Keimzelle in eine Art Dornröschenschlaf, der bis zur Geschlechtsreife dauert.

Intensive Vorarbeit für aussagekräftige Experimente

Für Kikue Tachibana-Konwalski stellen sich da gleich mehrere Fragen: Ist es tatsächlich Cohesin mit der für die Meiose typischen Schlüsselkomponente Rec8, das die Chromosomen zusammen hält? Wie werden die Verbindungen geknüpft? Und wie wird die Dauerhaftigkeit der Verbindung erreicht? Die vier DNA-Fäden werden schließlich über viele Wochen bei der Maus (und einige Jahrzehnte beim Menschen) effektiv zusammengehalten. In natura lösen sich die homologen Chromosomen beim Eisprung voneinander und Kopien erst nach erfolgter Befruchtung. "In unseren Experimenten wollten wir die Wirksamkeit von Cohesin mit der Rec8-Komponente auf direktem Weg beweisen", erklärt die Wissenschaftlerin. Sie und ihre Kolleg(inn)en gingen daran, Modelle aus der Arbeit mit Hefe für Säuger-Eizellen zu adaptieren. Keine leichte Aufgabe: Die Meiose beginnt schließlich im Embryo und zieht sich bis ins Erwachsenenalter. Außerdem sind Eizellen bei Säugern ein extrem rares Gut - es sind pro Maus circa 20 ohne weitere Manipulationen experimentell zu verwerten.

Im Experiment sollte nun Cohesin an der Position des Schlüsselfaktors Rec8 vorzeitig mit einer molekularen Schere geöffnet werden. Wenn dieser Ringkomplex wirklich allein für den Zusammenhalt verantwortlich sei, müssten im Experiment alle Chromosomenstränge vorzeitig auseinander weichen, so die Überlegung. Diese Überlegung zu bestätigen ist schließlich mit einem ganzen Set an genetischen Tools gelungen. Tachibana-Konwalski züchtete gemeinsam mit ihrem Team Mauslinien, deren Ringkomplex von einem eingebrachten Schneideenzym geöffnet werden konnte. Auf diese Weise konnte sie die Trennung der Chromosomen zu jedem beliebigen Zeitpunkt herbeiführen.

Einmalig dauerhaft

Der nächste Schritt war es, zu prüfen, wie die Dauerhaftigkeit erreicht wird. In der Natur ist es eher verbreitet, Dauerhaftigkeit durch kontinuierliche Erneuerung zu erreichen. "Wir wollten daher prüfen, ob sich der Proteinkomplex Cohesin überhaupt regenerieren kann. Das wäre ein starkes Indiz für einen Turnover", meint die junge Genetikerin. Im folgenden Experiment wurden genetische Tricks verwendet, um Cohesin zu unterschiedlichen Zeiten zu exprimieren; dann wurde das Schneidenzym hinzugefügt. "Wir konnten über eine dreiwöchige Periode gar keine Regeneration des Cohesinrings beobachten. Dieses Resultat stimmt mit der Hypothese überein, dass Cohesin, das die Chromosomen zusammenhält, nur im Anfangsstadium der Meiose gebildet werden kann. Ob Cohesin tatsächlich nur einmal gebildet werden kann, steht noch offen, und wir werden dies experimentell testen ", fasst Kikue Tachibana-Konwalski zusammen.

Gelegentlich fehlerhaft

Ewig hält der Proteinkomplex aber dennoch nicht. Die Faktoren für seinen Abbau sind noch nicht vollkommen geklärt. Dem Alter der Eizelle dürfte aber eine entscheidende Bedeutung zukommen. Wenn die Chromosomen nicht mehr sicher zusammen gehalten werden, passieren gravierende Fehler bei der Aufteilung der Chromosomen. Der kritische Zeitpunkt in Eizellen ist kurz vor dem Eisprung, wenn die homologen Chromosomen auf zwei Zellen aufgeteilt werden sollen.


Kontakt:
Kikue Tachibana-Konwalski, PhD
Group Leader
IMBA - Institut für Molekulare Biotechnologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Dr. Bohr-Gasse 3, 1030 Wien
T: +43 1 79 044-4700
kikue.tachibana-konwalski@imba.oeaw.ac.at
www.imba.oeaw.ac.at


Juni 2012