Wissenschaft als Beruf
Cyberscience 2.0
Wie verändert das Web 2.0 die Wissenschaft? Mit dieser Frage beschäftigen sich Michael Nentwich und René König in ihrem neuen Buch.
Arbeiten mit Online-Datenbanken, elektronisches Publizieren, weltweite Vernetzung via E-Mail: Was vor zehn Jahren als Perspektive Cyberscience beschrieben wurde, ist heute bereits wissenschaftlicher Alltag. Mit der zunehmenden Etablierung sozialer Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Wikipedia, klopft bereits die nächste potenzielle Umwälzung an die Tür. Der Cyberscientist wird zum Cyberscientist 2.0: Michael Nentwich vom ÖAW-Institut für Technikfolgen-Abschätzung und René König vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (Karlsruhe) haben untersucht wie das Web 2.0 die Wissenschaft verändert.
Wissenschaft in 140 Zeichen
Wenn Wissenschaftler(innen) heute eine Konferenz besuchen, müssen sie nicht die Diskussionsrunde abwarten, um ihre Kommentare abzugeben. Ein Klick auf Twitter reicht und schon geht ihre Meinung um die Welt. Microblogging - also das Verschicken von Kurznachrichten über Online-Kommunikationsplattformen - ist en vogue. Die Kurznachrichten bei Twitter heißen Tweets und dürfen maximal 140 Zeichen lang sein. Erst 2006 setzte Firmen-Mitgründer Jack Dorsey den ersten Tweet ab. Seitdem geht die Zahl der Nutzer(innen) kontinuierlich nach oben. "Bei manchen Konferenzen werden mittlerweile sogar schon eigene Twitter-Walls aufgestellt, damit das Publikum die Tweets vor Ort live mitverfolgen kann - eine Entwicklung die vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre", sagt Michael Nentwich.
Öffentlich wie nie zuvor
Für die Wissenschaft beschränkt sich jedoch das Potenzial von Microblogging-Diensten keineswegs auf die Kommentierung von Konferenzen. Call for Papers werden verbreitet oder Forschungsergebnisse verkündet. Web 2.0-Dienste ermöglichen die direkte 1-zu-1-Kommunikation mit den Usern "da draußen". Wissenschaft wird dadurch öffentlich wie nie zuvor: "Web 2.0-Aktivitäten bauen große Fenster in den oft zitierten Elfenbeinturm der Wissenschaft", so Nentwich.
Der direkte Kontakt mit der Öffentlichkeit ist eine große Chance für die Wissenschaft. Er stellt sie aber auch vor neue Herausforderungen. Ein Tweet ist schnell verschickt und wenn er einmal draußen ist und verteilt wurde, lässt er sich nicht mehr zurückholen. Für wissenschaftliche Institutionen stellt sich hier zum Beispiel die Frage, wer überhaupt was kommunizieren darf. "Nur wenige Institutionen haben sich bisher bewusst damit auseinandergesetzt, hier klare Regeln zu formulieren", stellt Nentwich fest.
Qualitätssicherung im Web 2.0
Auch die Qualitätssicherung muss im Web 2.0 neu gedacht werden. Ein hohes Ranking bei Google, darf nicht mit tatsächlicher Relevanz gleichgesetzt, ein Tweet oder eine Meldung auf Facebook nicht unreflektiert für bare Münze genommen werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass im Web 2.0 keine Qualitätssicherung möglich ist. Wenn viele Nutzer gemeinsam Inhalte überprüfen, kann sogar eine hoher Grad an Qualitätssicherheit erreicht werden: "Die Online-Enzyklopädie Wikipedia zeigt, dass offene Qualitätssicherung funktioniert", gibt Nentwich ein Beispiel. Ein weiteres Beispiel sind so genannte Open-Peer-Review-Verfahren, bei denen wissenschaftliche Arbeiten zur Bewertung der gesamten Community zur Verfügung gestellt werden.
Die Information im Griff
Das Web 2.0 eröffnet für die Wissenschaft zahlreiche neue Möglichkeiten, davon ist Michael Nentwich überzeugt - doch gibt es auch noch viel zu lernen: "Wer heute mit dem Web 2.0 arbeiten will, ist mit einer Vielzahl an Kommunikationskanälen konfrontiert - hier gilt es, die Informationsflut bewusst in den Griff zu bekommen, sonst ist man innerhalb kürzester Zeit von ihr überwältigt."
Ebenso besteht die Gefahr, dass nur mehr existiert, was digitalisiert ist. Nicht digitalisierte Forschung verschwindet so leicht in die Bedeutungslosigkeit. "Das ist vor allem für Wissenschaften kritisch, für die Quellenforschung eine große Rolle spielt wie die historischen Wissenschaften", so Nentwich. Denn trotz zahlreicher Digitalisierungsprojekte, ist bei weitem noch nicht alles im Netz und manches wird es wahrscheinlich nie sein. Gute Wissenschaft braucht also eine Verbindung zwischen digitaler und analoger Welt.
Auch die Ergebnisse von Michael Nentwich und René König gibt es auf Papier nachzulesen. Ihr Buch "Cyberscience 2.0: Wissenschaft im Zeitalter der digitalen sozialen Netzwerke" ist soeben im Campus Verlag, Frankfurt am Main, erschienen.

Bibliographie:
Michael Nentwich, René König
"Cyberscience 2.0: Wissenschaft im Zeitalter der digitalen sozialen Netzwerke"
erschienen in der Reihe:
"Interaktiva - Series of the Center for Media and Interactivity (ZMI)", Band 11
(hrsg. von: Christoph Bieber, Claus Leggewie und Henning Lobin)
Frankfurt am Main 2012, Campus Verlag
ISBN 978-3-593-39518-0, 237 Seiten
Kontakt:
Univ.-Doz. Mag. Dr. Michael Nentwich
Institut für Technikfolgen-Abschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Strohgasse 45/5, 1030 Wien
T +43 1 51581-6583
mnent@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ita
Mai 2012

