Wissenschaft als Beruf
Interview mit Max Haller
Wie eine wissenschaftliche Karriere in Österreich aussieht und was sich verbessern ließe, erläutert Max Haller, wissenschaftlicher Leiter des Symposiums "Wissenschaft als Beruf" anlässlich der Feierlichen Sitzung der ÖAW im Interview mit Martina Gröschl.
Worin unterscheidet sich der Beruf des Wissenschaftlers, der Wissenschaftlerin von anderen Berufen?
Haller: Der Beruf des Wissenschaftlers/der Wissenschaftlerin ist ein hochqualifizierter Beruf, der auf der einen Seite eine intensive Ausbildung und Knochenarbeit benötigt, auf der anderen Seite aber spannend und kreativ ist und daher auch viel Spaß macht. Darüber hinaus ist Wissenschaft von höchster gesellschaftlicher Relevanz - denken Sie zum Beispiel an die Medizin oder die Technik, was eine weitere Motivation sein kann, diesen Beruf zu ergreifen.
Ein wichtiger Unterschied zu anderen Berufen liegt darin, dass sich in der Regel relativ spät - erst gegen Mitte 30 - entscheidet, ob man als Wissenschaftler(in) im System verbleiben kann oder nicht. Das führt zu einer Unsicherheit, mit der man als Jung-Forscher(in) lernen muss umzugehen. Auch braucht man im Vergleich zu anderen Berufen ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein - man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn Forschungsanträge oder zum Druck eingereichte Manuskripte abgelehnt werden oder man bei einem Vortrag auf einer Tagung negative Kritik einstecken muss.
Wie sehen die Bedingungen für wissenschaftliche Karrieren in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern aus?
Haller: In den 1970er und 1980er Jahren wurde in Österreich der akademische Mittelbau sehr schnell pragmatisiert und man konnte eine ganze Forscher(innen)-Karriere an ein- und derselben Universität bleiben; das führte zu einer erheblichen Immobilität. Heute hat sich das radikal geändert. Wir haben ein rigides 4-Stufen-Modell von der wissenschaftlichen Mitarbeit über die Universitätsassistenz und Vertragsprofessur bis zur berufenen Universitätsprofessur. Unbefristet ist nur die letzte Stufe und man darf sich von einer zur nächsten Stufe nicht innerhalb der gleichen Universität bewerben. Das ist aus meiner Sicht problematisch. In den USA kann man sich beispielsweise durchaus innerhalb einer Universität auf höhere Stellen bewerben, ausschlaggebend sind allein externe Gutachten. Dieses Modell sollte man auch in Österreich umsetzen.
Wie beurteilen Sie die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses auf Doktorand(inn)en-Ebene in Österreich?
Haller: Es gibt in Österreich für wissenschaftlich arbeitende Doktorand(inn)en viel zu wenige bezahlte Stellen und Stipendien. Es sollten in allen Phasen des Studiums existenzsichernde Leistungsstipendien vergeben werden. Das wäre über Studiengebühren leicht umsetzbar: Würde man Studiengebühren von 1000 Euro pro Jahr einführen, würde das bei 200.000 Studierenden 200 Millionen Euro ausmachen. Damit ließen sich etwa 10.000 Leistungsstipendien problemlos finanzieren.
Sie befürworten also Studiengebühren?
Haller: Ja, durchaus. Zum einen aus der Perspektive der sozialen Gerechtigkeit - andere junge Menschen in diesem Alter, die sich weiterbilden wollen, müssen dafür viel zahlen. Aber auch aus Sicht der Studierenden, die offenkundig zügiger lernen, wenn ein gewisser finanzieller Druck da ist. Über Leistungsstipendien ließen sich soziale Härten abfedern. Sie würden auch dazu beitragen, die Mobilität der Studierenden zu erhöhen. Daran mangelt es österreichischen Studierenden im Vergleich zu solchen in anderen Ländern. Im Moment studieren die Wiener am liebsten in Wien, die Grazer in Graz und die Innsbrucker in Innsbruck.
In diesem Zusammenhang wäre auch eine Neustrukturierung des Studienangebots an den österreichischen Universitäten anzudenken. Würden bestimmte Studienrichtungen nur an einzelnen Universitäten angeboten, würde das ebenfalls die Mobilität der österreichischen Studierenden erhöhen.
Wo sehen Sie an den österreichischen Universitäten weiteren Reformbedarf?
Haller: Universitäre und außeruniversitäre Forschung sollten intensiver vernetzt werden. In Österreich sind die meisten Forscher(innen) außerhalb der Universitäten tätig - in der Industrie und Wirtschaft. Es gibt heute 56.000 Forscher(innen) in Österreich - davon sind nur 15.000 an den Hochschulen tätig. Als Vorbild könnte hier Deutschland dienen, wo man zum Beispiel in Karlsruhe oder München Exzellenz-Cluster ins Leben gerufen hat und viel Geld in die Vernetzung mit außeruniversitären Institutionen investiert hat.
Heute gibt es mehr Uni-Absolventinnen als -Absolventen. Trotzdem liegt der Anteil der Professorinnen nur bei rund 20 Prozent. Ist die Wissenschaft immer noch "männlich"?
Haller: Hier muss man beachten, dass es gut zehn Jahre braucht, bis sich der Anteil der weiblichen Studierenden auf die höheren Stufen der wissenschaftlichen Karriere auswirkt. In zehn Jahren wird die Situation also bereits eine völlig andere sein. Zusätzlich bedarf es aber natürlich auch struktureller Rahmenbedingungen, damit Wissenschaftlerinnen im Wissenschaftssystem mit ihren männlichen Kollegen gleichziehen können. Dazu gehört ein modernes Rollenverständnis, das es zulässt, eine zeitlich doch sehr intensive Wissenschafts-Karriere zu verfolgen. Hat der Partner einen weniger zeitintensiven Job, könnte er zum Beispiel mehr Haushalts- oder Kinderbetreuungspflichten übernehmen. Die Einrichtung von Kindertagesstätten an Universitäten und Forschungseinrichtungen ist ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung.
Helga Novotny hat vom "Mythos der Unvereinbarkeit" zwischen Familie und Beruf gesprochen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Wissenschaftlerinnen mit Kindern nicht weniger publizieren, als kinderlose. Es ist aber ebenfalls gezeigt worden, dass Wissenschaftlerinnen eher kinderlos bleiben, als Frauen anderer Berufsgruppen - obwohl ein Kinderwunsch besteht. Auch hier besteht also noch Entwicklungsbedarf.

Zur Person:
Max Haller ist Professor für Soziologie an der Universität Graz und korrespondierendes Mitglied der ÖAW. Er ist Mitbegründer und Ehrenmitglied der "European Sociological Assocation" und des "International Social Survey Programme". Seine zahlreichen Gastprofessuren führten ihn bis an die St. Augustine University of Tanzania in Mwanza am Viktoriasee (Afrika). In seiner Lehr- und Forschungstätigkeit widmet er sich dem Wandel von Klassen- und Sozialstrukturen und Wertorientierungen in modernen Gesellschaften des Nordens und Entwicklungsgesellschaften des Südens in vergleichender Perspektive, der Soziologie ethnisch-nationaler Beziehungen sowie den Themen Familie, Arbeit und Berufe, Gesundheit und Wissenschaft. Max Haller ist Autor und Herausgeber von über 30 Büchern und 200 wissenschaftlichen Aufsätzen, darunter "Die europäische Integration als Elitenprozess. Das Ende eines Traums?" (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009) und "Die österreichische Gesellschaft. Sozialstruktur und sozialer Wandel" (Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag, 2008).
Kontakt:
Prof. Dr. Max Haller
Institut für Soziologie
Karl-Franzens-Universität Graz
Universitätsstraße 15/G4
8010 Graz
T +43 316 380-3541
max.haller@uni-graz.at
www.kfunigraz.ac.at
Mai 2012

