Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Nachhaltigkeit

Die Energieversorgung der Zukunft


Die Energieversorgung der Zukunft soll nachhaltig sein. Am Institut für Technikfolgen-Abschätzung haben Forscher(innen) sich die Frage gestellt, wie das österreichische Energiesystem transformiert werden könnte, um dieses Ziel zu erreichen.

Im Dezember 2011 hat die Europäische Kommission ihren "Energiefahrplan 2050" vorgestellt. Bis 2050 sollen EU-weit die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert werden. Geleistet werden soll das mit einem radikalen Schwenk Richtung erneuerbarer Energien und einer drastischen Erhöhung der Energieeffizienz.

Mit anderen Worten: Die Energie der Zukunft soll nachhaltig sein und das bedeutet eine weitgehende Abkehr von fossilen Energieträgern. Das ist für Österreich ein ambitioniertes Ziel, denn derzeit liegt der Anteil der erneuerbaren Energieträger trotz des im europäischen Vergleich sehr hohen Anteils an Wasserkraft bei weniger als einem Viertel. Über 75 Prozent des Bruttoenergieverbrauchs wird gegenwärtig mit fossilen Energieträgern (Öl, Kohle, Gas) gedeckt. Was müssten wir heute ändern, damit das für 2050 angepeilte Ziel erreicht werden kann? Diese Frage haben sich Michael Ornetzeder und Petra Wächter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW im Rahmen des Projekts "E-Trans 2050" gestellt.

"Komplette Transformation des heutigen Energiesystems"

Für die Forscher(innen) stand dabei weniger die Frage der rein technischen Machbarkeit im Vordergrund, sondern wie sich die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit verändern müsste, um einen derart radikalen Wandel in der Energieerzeugung und -nutzung möglich zu machen. "Wir stehen vor einer kompletten Transformation des heutigen Energiesystems", sagt Michael Ornetzeder vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der ÖAW. "Das erfordert ein Zusammenspiel aller Akteur(innen) aus Wirtschaft über Politik bis hin zur Zivilgesellschaft."

Einen zentralen Stellenwert nimmt dabei die künftige räumliche Organisation der Energieerzeugung und -nutzung ein. Denn ob Biomasse, Sonnenenergie, Wind oder Wasserkraft: Die Nutzung erneuerbarer Energien ist von den lokalen Ressourcen abhängig. "Modellrechnungen zeigen hier für Österreich beachtliche, bisher noch nicht genutzte Potenziale", betont Ornetzeder. Potenziale, derer sich viele Regionen noch nicht einmal bewusst sind: So wäre vielerorts überhaupt erst einmal zu ermitteln, welche Ressourcen vorhanden wären. Im nächsten Schritt müsste geklärt werden, in welcher Weise der Raum vor Ort am sinnvollsten genutzt werden könnte: Soll man Energiepflanzen für biogene Treibstoffe anbauen? Oder wäre ein Windpark die beste Lösung? Oder ein Biomasse-Heizwerk? Wie soll man die erzeugte Energie nutzen?

"Die Region neu begreifen"

Die Beantwortung dieser Fragen erfordert nicht nur regionale Entscheidungen, sondern auch einen neuen Zugang, was als Region gedacht werden muss: "Die Region muss neu begriffen werden - nicht mehr entlang politisch-administrativer Grenzen, sondern als Energieregion", so Ornetzeder. So könnte es in manchen Fällen Sinn machen, mehrere Gemeinden zu einer Region mit gemeinsamer Energieerzeugung zusammenschließen. Darüber hinaus bedarf es Anreizsysteme, die einen Schwenk auf erneuerbare Energien überhaupt attraktiv machen: "Hier bietet sich zum Beispiel der Weg über die Wohnbauförderung an." Eine Region als Energieregion zu denken führt zu tiefgreifenden Strukturveränderungen vor Ort. Aber auch das österreichische Energiesystem in seiner Gesamtheit ist massiv betroffen: "Wir gehen weg vom leistungsfähigen Stromnetz mit wenigen, großen Einspeisern hin zu vielen kleinen, dezentralen Energieproduzenten", erläutert Ornetzeder.

Das intelligente Stromnetz

Das bedarf eines entsprechenden Umbaus des Stromnetzes insbesondere was dessen Steuerung betrifft. Viele kleine, dezentrale Einspeiser machen das Netz weniger leicht berechenbar. Damit die Spannung im Verteilernetz konstant gehalten werden kann, muss innerhalb des Netzes laufend und rasch kommuniziert werden. Das Stromnetz muss zum "Smart Grid", also "intelligent" werden.

"Smart Grids sollten effizienter, transparenter und näher zum Endverbraucher als herkömmliche Stromnetze sein, da Transparenz eine aktivere Teilnahme ermöglicht", beschreibt Ornetzeder das intelligente Stromnetz. So kann der Endverbraucher, die Endverbraucherin der Zukunft mittels digitaler Stromzähler (die zum Beispiel in mehreren Bundesländern bereits im Testeinsatz sind) über seinen Verbrauch immer am Laufenden sein und dementsprechend selbst regulierend eingreifen.

Durch intelligente Stromnetze lässt sich Energie extrem effizient nutzen. Das ist für ein nachhaltiges Energiesystem von immenser Bedeutung. Denn die Reduktion des Verbrauchs bleibt ein wesentlicher Faktor auf dem Weg zur Erreichung der Ziele des "Energiefahrplans 2050". "Der Schlüssel ist und bleibt eine radikale Änderung der Energieeffizienz", ist Ornetzeder überzeugt. Für ihn liegt in deren Steigerung das größte, aber zugleich am schwersten fassbare, Potenzial mit zahlreichen möglichen Ansatzpunkten.

Neue Formen des Wohnens

So führt einer der Wege zur Energieeffizienz darüber, nach neuen Formen des Wohnens zu fragen. Wo und wie werden wir in Zukunft wohnen? "In jedem Fall müssen die Siedlungsstrukturen bedeutend integrierter werden, als sie es heute sind", ist Ornetzeder überzeugt. Die Einfamilienhaus-Siedlung am Stadtrand gehört aus seiner Sicht ebenso der Vergangenheit an wie veraltete Verkehrsinfrastrukturen mit ungenügender Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Denn nach wie vor ist der Verkehr für über ein Fünftel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und damit eine der Kernansatzpunkte zur Reduktion von Verbrauch. "Hier gibt es in Wien bereits Ansätze, die in die richtige Richtung weisen, wie die autofreie Siedlung in Wien-Floridsdorf."

Das wichtigste Potenzial zur Energieeffizienz liegt in den Dingen, die wir täglich tun. Ändern sich die Strukturen und Handlungsroutinen des Alltags, ändert sich auch der Energieverbrauch. Wird der Weg zu nächsten U-Bahn-Station kürzer, werden wir zu Fuß gehen anstatt das Auto zu nehmen. Oder gibt es an jeder Ecke ein E-Bike, werden wir uns auf dessen Sattel schwingen und zum nächsten Bahnhof reiten.

Das Projekt "E-Trans 2050 - Nachhaltige Energie der Zukunft: Soziotechnische Zukunftsbilder und Transformationspfade für das österreichische Energiesystem" wurde in Zusammenarbeit mit dem Interuniversitären Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) sowie dem Austrian Institute of Technology (AIT) durchgeführt.


Kontakt:
Dr. Michael Ornetzeder
Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA)
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Strohgasse 45, 1030 Wien
T +43 1 51581-6589
michael.ornetzeder@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ita


Februar 2012