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Nachhaltigkeit

Wohnen und Arbeiten im Gebirge


Der Alpenraum weist eine hohe Bevölkerungsdynamik auf. Dies hat erhebliche Folgen für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung. Oliver Bender vom ÖAW-Institut für Gebirgsforschung verbessert mit demographischen Analysen die Entscheidungsgrundlage für Entwicklungskonzepte des Alpenraumes.

Gebirge sind Lebensräume, die an ihre Bewohner besondere Herausforderung stellen: das Klima ist rau und der Platz zum Leben und Wirtschaften beschränkt. Im Mittelalter war der Alpenraum in etwa so dicht besiedelt wie andere ländliche Regionen Mitteleuropas. Seit damals aber nahmen die flacheren Umländer einen deutlichen Aufschwung, weil in den Hochgebirgsregionen die Ressourcen nicht für mehr Menschen reichten. Ein Teil des natürlichen Bevölkerungszuwachses musste abwandern und sich außeralpin ein neues Lebensumfeld suchen. Im 19. Jahrhundert kam es zuerst in den Südwestalpen zur Massenabwanderung, mit dem Rückgang von Bergbau und Schwerindustrie auch in den österreichischen Ostalpen.

Oliver Bender vom ÖAW-Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt (IGF) in Innsbruck ist mit dieser historischen Entwicklung ebenso vertraut wie mit den aktuellen demographischen Trends in den Alpen. Als Geograph mit Schwerpunkt Kulturlandschaftsentwicklung, Siedlungsgeographie und Regionalentwicklung ist er für das ISCAR (siehe Kasten) Beobachter und Berater bei der Alpenkonferenz in der Arbeitsgruppe Demographie und Beschäftigung.

Zentren und Peripherie

Bis heute verstärkt sich durch die Abwanderung aus den Gebirgen der Gegensatz zwischen Peripherie und Zentren. Dabei sind aber nicht nur die großen außeralpinen Metropolen attraktiv, sondern auch inneralpine Haupttäler und hochgelegene Tourismuszentren. Sie haben sich zu dynamischen Wirtschaftsregionen entwickelt und ihre Bevölkerung, vor allem durch Zuwanderung, vervielfacht. Insgesamt sind aktuell die inter- und innerregionalen Wanderungen die stärkste Komponente der Bevölkerungsentwicklung.

Entlang der Haupttäler, beispielsweise im Unteren Inntal Tirols, haben sich dadurch weitgehend geschlossene Bänder aus Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen herausgebildet. Hier wird der Siedlungsraum knapp, das Bauland entsprechend teuer und die Bauweise stark verdichtet. Dazu kommt der "Verkehrsinfarkt".

Auf der anderen Seite schrumpfen die Gemeinden in der Peripherie oder werden sogar völlig aufgelassen. In der Folge fällt es immer schwerer, die Infrastruktur zu erhalten beziehungsweise sich gegen die im Klimawandel stärker werdenden Naturgefahren zu wappnen. Dieser Trend betraf in den vergangenen Jahrzehnten in besonderem Ausmaß die Südalpen.

Wohnen, wo andere Urlaub machen

Erst in jüngerer Zeit scheint eine gewisse Trendwende erkennbar. "Neue Bewohner" (wie sie in Italien genannt werden) kompensieren die Abwanderung aus dem ländlichen Raum teilweise und sorgen in manchen Gemeinden sogar für ein Wachstum. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um drei Gruppen: Immigranten aus sozioökonomischen Motiven, Rückkehrer nach dem Berufsleben und sogenannte Wohlstandsmigranten ("Amenity Migration"), die gezielt den landschaftlichen und kulturellen Attraktivitäten im ländlichen Raum nachziehen. Diese Menschen besitzen oft mehrere Wohnsitze und nehmen größere Entfernungen zwischen Arbeits- und Freizeitwohnsitz in Kauf.

Fundierte Entscheidungen treffen

Schließlich bleibt zu fragen, mit welchen Strategien eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraumes erreicht werden kann. Die Diskussion zwischen zwei Modellen ist noch nicht entschieden. Das eine steht für eine stärkere Siedlungskonzentration verbunden mit Schaffung von weitgehend entsiedelten "Natur- und Wildnisgebieten". Das andere Modell sieht eine Entlastung der Ballungsräume, die Stärkung der Peripherie und eine nachhaltige Weiterentwicklung der traditionellen Kulturlandschaft vor. Oliver Bender ist an der Klärung von demographischen und ökonomischen Implikationen beider Szenarios beteiligt. Ein Forschungsschwerpunkt ist die "neue Zuwanderung" in den verschiedenen Alpenregionen. Derzeit ist ein EU-Projekt in Planung, das die Chancen und Risiken jener neuen Entwicklung über Ländergrenzen hinweg zum Thema hat. Welcher Weg zu einer nachhaltigeren Siedlungsentwicklung letztendlich gegangen werde, könne aber durch die Wissenschaft nicht vorweggenommen werden, so Bender. "Wir leuchten die Entwicklungsszenarien aus und kommunizieren die Ergebnisse. Die Richtungsentscheidungen aber muss schließlich die Politik treffen", erklärt er.


Überblicksartikel zum Wandel in Gebirgsregionen (September 2011):
Bender, O., Borsdorf, A., Fischer, A. & H. Stötter 2011: Mountains under Climate and Global Change Conditions. Research Results in the Alps. In: Blanco, J.A. & H. Kheradmand (eds.): Climate Change - Geophysical Foundations and Ecological Effects. Rijeka: InTech, pp. 403-422.



Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. Oliver Bender
Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt (IGF)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Technikerstraße 21a, Otto Hittmair-Platz 1
6020 Innsbruck
T +43 512 507-4943
oliver.bender@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/igf


Februar 2012