Nachhaltigkeit
Interview mit Axel Borsdorf
Die nachhaltige Entwicklung in Gebirgsregionen ist weltweit gefährdet, weiß Axel Borsdorf, Direktor des ÖAW-Instituts Gebirgsforschung: Mensch - Umwelt (IGF) in Innsbruck. Es sei deshalb höchste Zeit, Forschungsergebnisse verstärkt für die Praxis nutzbar zu machen, erklärt er Waltraud Niel im Interview.
Nachhaltige Entwicklung ist weltweit seit etwa dreißig Jahren ein großes Thema. Was hat sich seit der Veröffentlichung des bahnbrechenden Brundtlandt-Berichtes "Our Common Future" verändert?
Borsdorf: Im Brundtlandt-Bericht wurde 1987 der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung als verantwortliches Handeln für zukünftige Generationen definiert; Ökologie, soziale Kohärenz und ökonomische Stabilität seien hiefür entscheidend. Heute wissen wir, dass diese drei Säulen um die politische und die kulturelle Säule ergänzt werden müssen. Weltweit gesehen sind alle fünf Säulen gefährdet. Das sehen wir ganz besonders deutlich in den Gebirgsregionen der Erde.
Warum gerade in den Gebirgen?
Borsdorf: Sowohl die Klimaerwärmung als auch die Globalisierung spüren wir in den Gebirgen rascher und deutlicher. Der Rückgang der Gletscher beziehungsweise die Ausbreitung von wärmeliebenden Pflanzen und Tieren in große Höhen sind untrügliche Zeichen dafür. Die Globalisierung wiederum trifft die Menschen in den Gebirgen vielfach unvorbereitet. Für sie wird es immer schwieriger traditionelle Werte zu bewahren, weil sie zunehmend mit der schnelllebigen urbanen und globalen Kultur konfrontiert werden. Globale und städtische Trends beeinflussen auch die entlegensten Gebirgsräume und wirken sich auf die soziale Kohärenz aus.
Welches Entwicklungspotential hinsichtlich einer nachhaltigen Nutzung liegt in den Gebirgsregionen?
Borsdorf: Abgesehen vom touristischen Angebot bieten Gebirge unschätzbare Serviceleistungen, unter anderem hinsichtlich der Wasserversorgung der Tiefländer. Gebirge sind ja Wasserschlösser! Hier sammelt sich das Trinkwasser, die großen Flüsse sind Transportwege und liefern Brauchwasser, und Wasserkraft ist eine CO2-neutrale Energiequelle. Darüber hinaus wird das Potential für Photovoltaik, Sonnenkollektoren, Windenergie und vor allem Geothermie noch wenig genutzt.
Welche Rolle spielt das interdisziplinär zusammengesetzte IGF hinsichtlich einer nachhaltigen Nutzung von Gebirgsregionen?
Borsdorf: Am IGF interessiert uns die Beziehung von Mensch UND Umwelt in Gebirgen. Das erfordert eine interdisziplinäre Betrachtungsweise einzelner Regionen, aber ebenso dringend eine internationale Vernetzung. Die Grundlage für unsere wissenschaftliche Hypothesenbildung sind Datenbanken mit detaillierten Fakten. Bei langfristigen Forschungsprogrammen oder wenn sich das Untersuchungsgebiet über mehrere Länder erstreckt, ist es aber oft schwierig, die erhobenen Daten vergleichbar zu machen. Das betrifft beispielsweise Gemeindezusammenlegungen oder sich ändernde Begriffsdefinitionen bei Volkszählungen. Bei der Konzipierung unseres Projektes eines Karpaten-Atlanten auf Gemeindebasis geht es darum, die Daten mit jenen vom Alpenatlas (fertig gestellt 2008) vergleichbar zu machen. Die homogenisierten Datenbanken sind schließlich von großem Wert für die Wissenschaft und für die Praxis. Sie können als Grundlage für Entscheidungsprozesse der Politik herangezogen werden.
Wie machen Sie nun die Resultate für die Praxis verfügbar?
Borsdorf: Damit unsere Resultate nicht in der Schublade landen, setzen wir uns intensiv mit dem Umfeld auseinander, für das unsere Ergebnisse relevant sind. Diese Arbeit wird derzeit durch das EU-Projekt "mountain.trip" (Montain Sustainability: Transforming Reseach Into Practice) gefördert. Wir erheben die Bedürfnisse der User und identifizieren und erproben systematisch die geeigneten Kommunikationskanäle. Wenn wir beispielsweise junge Praktiker aus der Wirtschaft, Planung, Politik oder Administration erreichen wollen, kommen wir mit Web 2.0 & Co viel weiter als mit herkömmlichen Informationsbroschüren. Auf der strukturellen Ebene hat es sich für uns bewährt, die Kooperation mit der Universität Innsbruck ebenso wie mit außeruniversitären Forschungspartnern (alpS) zu intensivieren. Nicht zuletzt deshalb konnte sich Innsbruck in den letzten Jahren zu einer international beachteten Drehscheibe gesellschaftlich relevanter Gebirgsforschung entwickeln.

Zur Person:
Axel Borsdorf (62) studierte Geographie, Geologie, Germanistik und Vor- und Frühgeschichte an den Universitäten Göttingen, Valdivia/(Chile) und Tübingen. 1991 wurde er Professor für Geographie der Universität Innsbruck. Gastprofessuren führten ihn nach Mexiko, Chile und in die Schweiz. Für den passionierten Geographen steht das Zusammenspiel zwischen Mensch und Umwelt im Zentrum seiner Arbeit. Er spannt dabei den Bogen von den Alpen bis zu den Anden von Venezuela bis Patagonien. An der ÖAW leitete Axel Borsdorf zunächst das Institut für Stadt- und Regionalforschung in Wien, und gründete schließlich das Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt in Innsbruck mit dem Ziel, die internationale Gebirgsforschung zu forcieren.
Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Axel Borsdorf
Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt (IGF)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Technikerstraße 21a, Otto Hittmair-Platz 1
6020 Innsbruck
T +43 512 507-4940
axel.borsdorf@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/igf
Februar 2012

