Wien
Kunst im Wiener Plattenbau
Schlicht und funktionell - so lautete das Credo des modernen Städtebaus im Wien der 1960 bis 1980er Jahre. Es entstanden Plattenbausiedlungen wie die Großfeld- oder die Per-Albin-Hansson-Siedlung, die heute oft als unansehnlich und trist kritisiert werden. Ebenso schlecht ist das Image der im Zusammenhang mit dem Bau der Siedlungen in Auftrag gegebenen Kunstwerke. Völlig zu Unrecht, meint Vera Kapeller vom ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung, die im Rahmen eines Projekts die Wiener Plattenbausiedlungen und ihre Kunst untersucht.

Mit ihrer ganzen weiblichen Kraft steht sie da. Sie ist dafür prädestiniert, den Blick magisch auf sich zu ziehen. Und doch gehen die meisten an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. In einem Museum wäre das wahrscheinlich anders, aber "Katharina von Österreich", eine Skulptur der Wiener Bildhauerin Gerda Fassel, steht in einem Raum, der gemeinhin nicht mit Kunst in Verbindung gebracht wird: im Heinz-Nittel-Hof, einer Plattenbausiedlung in Wien Floridsdorf.
"Die Kunstwerke in den Wiener Wohnanlagen sind, oft zu Unrecht und beinahe klischeehaft, mit einem schlechten Image behaftet", weiß Vera Kapeller vom ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung. Die Kunsthistorikerin untersucht in einem aktuellen Projekt die Kunstwerke in zwischen den 1960er und 1980er Jahren erbauten Wiener Plattenbausiedlungen.
Boom in ganz Europa
Zu dieser Zeit schossen in europäischen Städten Plattenbausiedlungen aus dem Boden. "Die treibende Kraft dahinter war, die durch enorme Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und eine rasant steigende Bevölkerung prekär gewordene Wohnungsnot möglichst rasch zu beseitigen", erklärt Kapeller. Da boten sich die aus Fertigteilen mühelos und in kurzer Zeit hochziehbaren Plattenbauten natürlich an. Auch in Wien sind damals mehrere solcher Großsiedlungen entstanden, beginnend mit der ersten Siedlung in der Siebenbürgerstraße über die Großfeldsiedlung und die Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost bis hin zum bereits erwähnten Heinz-Nittel-Hof in Wien Floridsdorf. Die Siedlungen galten zu Beginn als modern und versprachen einen zeitgemäßen Wohnkomfort: "Damals repräsentierten die Plattenbauten einen vergleichsweise hohen Wohnstandard", erklärt Kapeller.
Bereits im "Roten Wien", vermehrt seit den 1950er Jahren, wurden die Siedlungen mit einer Vielzahl von Kunstwerken ausgestattet. 136 Künstler und 944 Kunstwerke in insgesamt 19 Wiener Plattenbausiedlungen konnten Vera Kapeller und Projektmitarbeiter Johannes Huemer bisher ausfindig machen, unter den Künstlern fanden sie so klingende Namen wie Alfred Hrdlicka, Wander Bertoni, Otto Beckmann oder Helmut Leherb. "Die kunsthistorischen Analysen deuten auf eine große thematische und stilistische Vielfalt sowie ein breites Spektrum an Kunstformen, Materialien und Techniken hin - diverse Kunsttraditionen wie Keramik oder Mosaik, die zur Zeit des Wiener Jugendstils ihre Blüte erlebten, fanden hier ihre Fortsetzung", betont Kapeller. "Kritisch zu bewerten ist allerdings die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Künstlern und Architekten, das Kunstwerk bildet nur sporadisch eine konzeptuelle Einheit mit dem Bauwerk."
(K)ein Platz für Kunst?
Heute sind die Plattenbausiedlungen oft mit einem negativen Image belastet. Sie gelten als unansehnlich und trist. Ist den heutigen Bewohner(innen) überhaupt bewusst, mit welchen Kunstschätzen sie in unmittelbarer räumlicher Nähe leben? Tragen die Kunstwerke zu einer höheren Wohnzufriedenheit bei oder führen sie zu einer höheren Identifikation mit der Großsiedlung? Um diese Fragen zu beantworten, begab sich Kapeller vor Ort und befragte die ansässige Bewohnerschaft. Das Ergebnis war eher ernüchternd: "Im Alltag der Bewohner scheint nur wenig Platz für eine Auseinandersetzung mit der Kunst in der unmittelbaren Wohnumgebung zu sein. Selbst einige der Befragten, die sich an den Kunstwerken interessiert zeigten, meinten, dass diese keine Auswirkung auf ihre Identifikation mit der Wohnanlage hätten. Für die jüngeren Bewohner ist diese Kunst ganz fremd, und die älteren Bewohner sind allzu viel mit den Herausforderungen des Alltags beschäftigt", fasst Kapeller zusammen.
Plattenbausiedlungen - moderne Wohnstätten von morgen?
Die Kunsthistorikerin sieht allerdings weder Plattenbausiedlungen noch ihre Kunst als Relikt einer architektur- und kunsthistorisch besser zu verdrängenden Vergangenheit: "Die Plattenbausiedlungen provozieren durch ihre Schlichtheit und sind aufgrund ihres Bauvolumens und typischer Baumängel häufig Gegenstand von Kritik. Dabei hat sich gezeigt, dass eine umfassende Erneuerung und vor allem soziale, städtebauliche, architektonische, bautechnische und energiesparende Maßnahmen eine ganz neue Wohn- und Lebensqualität mit sich bringen können", ist Kapeller überzeugt. In der neueren Zeit besäßen diese Zeugnisse vergangener Baukultur sogar eine gewisse Faszination für eine Reihe moderner Künstler: "Der erneuerte soziale Gedanke, bereichert um ökologische Ansätze und die Sehnsucht nach gemeinschaftlichen Werten in einer von Individualismus und hartem Wettbewerb geprägten Zeit sind hier die Leitmotive." Für Kapeller bleibt daher die Frage offen, ob es nicht einer neuen grundlegenden Diskussion bedarf, was die Kunst in den Wohnhausanlagen heute sein kann, welche Ziele sie erreichen soll und inwiefern sie einen Mehrwert für die Bewohner, die Architektur und die Kunstwelt schaffen kann.
Das Projekt "Kunst und Plattenbausiedlungen in Wien zwischen den 1960er und 1980er Jahren" wird von der Stadt Wien gefördert und läuft noch bis Oktober 2012. Es ist eine Fortsetzung des INTERREG-IIIA-Projekts "Plattenbausanierung. Soziale, bautechnische, architektonische und umweltbezogene Verbesserungen von Plattenbausiedlungen in Wien und Bratislava", dessen Ergebnisse als Buch erschienen sind (siehe Bibliographie). Auch zum aktuellen Projekt sind eine Publikation sowie ein Symposium in Planung.
Publikation:
Vera Kapeller (Hrsg.): Plattenbausiedlungen - Erneuerung des baukulturellen Erbes in Wien und Bratislava, Stuttgart: Fraunhofer IRB Verlag 2009, ISBN: 978-3-8167-7667-9
Weitere Informationen:
- Kunst und Plattenbau
- Vergangenheit und Zukunft der Plattenbausiedlungen am Beispiel von
Wien und Bratislava: Soziale, ökologische und baukulturelle Aspekte
Kontakt:
Mag. Dr. Vera Kapeller
Institut für Stadt- und Regionalforschung Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7/4/2, 1010 Wien
T +43 1 51581-3528
vera.kapeller@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/isr
Jänner 2012

