Wien
In guter Nachbarschaft?
Europäische Metropolen werden sowohl in ethnischer als auch in religiöser Hinsicht vielfältiger. Am ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung wurde untersucht, wie sich die Diversifizierung der Wohnbevölkerung auf das Zusammenleben in urbanen Räumen auswirkt.

Wovon hängt es ab, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen in Städten wachsen können? Und wie kann man das kleinräumige Zusammenleben der urbanen Bevölkerung verbessern, wenn sie sowohl in ethnischer als auch in religiöser Hinsicht vielfältiger wird? Um diese Fragen zu klären, setzten sich Wissenschaftler(innen) in einem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt, GEITONIES - Generating Interethnic Tolerance and Neighbourhood Integration in European Urban Spaces, zum Ziel. "In den Medien wird viel über 'Parallelgesellschaften' und 'Integrationsdefizite' von Zuwanderern berichtet. Bislang aber fehlten ernsthafte empirische Untersuchungen darüber, in welchem Ausmaß das soziale und infrastrukturelle Umfeld die Integrationsprozesse der zugewanderten und der schon länger anwesenden Bevölkerung prägen", erklärt Ursula Reeger, Studienkoautorin vom Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Zusammen mit ihren Kollegen Josef Kohlbacher und Philipp Schnell vom ISR war sie Partnerin in einem internationalen Projektteam, das Lissabon, Bilbao, Rotterdam, Wien, Warschau und Thessaloniki hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Zusammenhalts verglich. Darüber hinaus war das Wiener Team federführend daran beteiligt, geeignete Maßnahmen für die Nutzbarmachung der Ergebnisse für die politische Praxis zu entwickeln.
Die sechs europäischen Städte wurden so gewählt, dass sie einerseits sehr unterschiedliche Regionen innerhalb Europas abdeckten. Andererseits waren aber auch soziale und historische Aspekte entscheidend. So etwa stehen Wien oder Rotterdam für Städte mit einer langen Zuwanderungstradition, Warschau und Bilbao hingegen für Städte, in denen Migration ein relativ neues Phänomen ist.
Zusammenleben im Wohnviertel
Für das Forschungsprojekt GEITONIES wurden insgesamt 3600 Interviews ausgewertet. Es wurden jeweils 300 Menschen mit und 300 ohne Migrationshintergrund in je drei unterschiedlichen Wohnvierteln der oben erwähnten Städte befragt. Die zentralen Fragen für die Wissenschaftler(innen) betrafen das Ausmaß der nachbarschaftlichen Einbettung sowie die Einstellung zu Zuwanderern. Neben der Einstellung der Menschen und der Interaktion der Bevölkerungsgruppen mit und ohne Migrationshintergrund wurden auch allgemeine demografische Daten erhoben sowie auch die Bebauungs- und die sozioökonomische Infrastruktur. Die Wechselbeziehungen von Umwelt und Gesellschaft wurden dokumentiert und die Beziehungen der Menschen untereinander je nach Herkunft und (Bildungs-)Status systematisch analysiert. In Wien wurden drei deutlich verschiedene Stadtgebiete für die Untersuchungen ausgewählt: Am Schöpfwerk, ein vergleichsweise benachteiligtes Wohnviertel, ein Gründerzeithausbestand um den Ludo-Hartmann-Platz in Ottakring mit vielen Migrant(inn)en und ein relativ wohlhabendes Stadtgebiet, das Grätzel rund um die Laudongasse.
Resultate der empirischen Analyse
Die Wissenschaftler(innen) konnten empirisch nachweisen, dass auch moderne Städter(innen) einen klaren Bezug zu ihrem Wohnumfeld haben. Lokal gebundene soziale Netzwerke sind nach wie vor entscheidend für das Ausmaß der nachbarschaftlichen Einbettung. Neben engen Sozialbeziehungen wie Freundschaften oder verwandtschaftlichen Kontakten sind auch die zufälligen und oberflächlichen Kontakte im Wohnumfeld sehr wichtig.
Zwischen Wien und Rotterdam, die hinsichtlich der historischen Entwicklung der Migration durchaus vergleichbar sind, gibt es städteübergreifende Ähnlichkeiten in bürgerlichen Nachbarschaften beziehungsweise im kommunalen Wohnbau. In jenen Städten, wo die Zuwanderung später einsetzte, fehlen diese Parallelen. In bürgerlich dominierten Gebieten Wiens ist das Gefühl der Verbundenheit mit der Nachbarschaft am größten - unabhängig davon, ob die Bewohner Zuwanderer sind oder nicht. In deprivierten Vierteln, wie beispielsweise Am Schöpfwerk, sind auch die "Alteingesessenen" weniger nachbarschaftlich eingebettet. Hand in Hand damit geht eine negativere Einstellung gegenüber allen Nachbarn, im Besonderen aber gegenüber den zugewanderten Mitbewohnern.
Forschungsbasierte Empfehlungen für die politische Praxis
Das Projektteam in Wien setzte sich über die Datenerhebung hinaus mit dem Leben in den ausgewählten Vierteln auseinander und initiierte lokal verankerte Round-Table-Gespräche. Repräsentanten lokaler Institutionen (religiöser, wirtschaftlicher, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen) nahmen daran Teil und stellten sich der Diskussion spezifischer lokaler Probleme. Die im Allgemeinen gut besuchten Veranstaltungen komplettierten zum einen das Bild über die Qualität des interethnischen Zusammenlebens, waren aber darüber hinaus auch konkrete Aktionen auf der Suche nach Lösungsansätzen für lokale Probleme. Darauf basierend entstand unter maßgeblicher Beteiligung des ISR ein Katalog von Empfehlungen für politische Entscheidungsträger, nicht zuletzt auch für die Europäische Kommission als Auftraggeberin des Forschungsprojektes.
Kontakt:
Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7/4/2, 1010 Wien
T +43 1 51581-3520
www.oeaw.ac.at/isr
MMag. DDr. Josef Kohlbacher (stellv. Direktor)
josef.kohlbacher@oeaw.ac.at
Mag. Dr. Ursula Reeger
ursula.reeger@oeaw.ac.at
Dipl.-Soz. Philipp Schnell
philipp.schnell@oeaw.ac.at
Jänner 2012

