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Wien

Die Internationalisierung Wiens


Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs rückte Wien vom geopolitischen Rand ins Zentrum Europas. Am ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung erforscht Robert Musil wie Wiener Unternehmen diese neue Mittelpunktlage genutzt haben.

Am 27. Juni 1989 durchtrennten der damalige Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn symbolisch den Eisernen Vorhang an der österreichisch-ungarischen Grenze. Nur wenige Monate später eröffnete bereits eine der größten Wiener Banken ihre erste offizielle Niederlassung in Budapest. Mittlerweile gehören die österreichischen Banken - trotz ihrer geringen Bedeutung im internationalen Kontext - in Mittel- und Osteuropa zu den Marktführern unter den ausländischen Banken.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs rückte Wien mit einem Schlag vom geopolitischen Rand ins Zentrum Europas. Eine Chance, die österreichische Unternehmen nicht ungenutzt vorbeiziehen ließen. "Insbesondere die Wiener Unternehmen und Banken nutzten ihren geopolitischen Vorteil und ihre historisch guten Verbindungen ins östliche Europa", sagt Robert Musil. Der Geograph untersucht am ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung die Internationalisierung Wiens. Wichtiger Indikator für die Internationalisierung einer Region sind die "Ausländischen Direktinvestionen". Dabei handelt es sich um grenzüberschreitende Investitionen in Form von Fusionen, Übernahmen oder Neugründungen. "Ausländische Direktinvestionen sind ein aussagekräftiger Indikator für den Internationalisierungsgrad einer Volkswirtschaft, da Unternehmen in der globalisierten Weltwirtschaft dem zunehmenden Wettbewerbsdruck nur durch Expansion und Verdrängung standhalten können", erklärt Musil.

Wien als Brücke zwischen West und Ost

Wien war - wie Österreich insgesamt - ein Nachzügler der Internationalisierung. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich die Ausländischen Direktinvestitionen der Wiener Unternehmen vervielfacht. "Erst mit der Expansion von Wiener Unternehmen und Banken in die Transformationsmärkte seit den frühen 1990er Jahren erreichte der Internationalisierungsgrad Wiens und Österreichs ungefähr das Niveau der OECD-Staaten", betont Musil, der in der jüngsten Lieferung des Atlasses Ost- und Südostueropa die Wiener Direktinvestitionen in Mittel- und Osteuropa im Detail aufgeschlüsselt hat (siehe auch Wien - eine bedeutende Drehscheibe zwischen West und Ost ). Nicht nur Wiener Unternehmen, sondern auch ausländische Konzerne nützen die günstige Lage, um über Wien im östlichen Europa zu investieren. Interessanterweise nutzen aber auch Unternehmen aus der Region die Stadt Wien als Sprungbrett gen Westen: "Wien befindet sich an der west-östlichen Wohlstandskante Europas und nimmt im Internationalisierungsprozess eine Brückenfunktion ein, über die westliches Investitions- und Beteiligungskapital nach Mittel- und Osteuropa fließt und - in einem geringeren Umfang - auch zurück", so Musil.

Während die Wiener Unternehmen bisher von ihrem Auslandsengagement eindeutig profitieren konnten, bleibt eine offene Frage, wie sich ihre Investitionstätigkeit auf die Volkswirtschaften der mittel- und osteuropäischen Länder auswirken wird. Musil: "Die Investitionen brachten zwar technisches und ökonomisches Know-how in diese Länder, haben aber auch zu einer Außenabhängigkeit geführt - das könnte negative Folgen für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung haben".

Die Krise und ihre Folgen

Die aktuelle Krise stellt die in Mittel- und Osteuropa engagierten Wiener Unternehmen und allen voran die heimischen Banken vor große Herausforderungen: Das Engagement der Wiener Banken in dieser Region birgt nicht nur ökonomische (Kreditausfälle), sondern auch politische (vgl. das Gesetz zu den Fremdwährungskrediten in Ungarn) Risiken. Dennoch ist aufgrund des robusten Wachstums in der Region das Gefahrenpotential geringer als für viele westeuropäische Banken, die in anderen europäischen Risikomärkten investiert haben. Die Osttöchter waren in den vergangenen 20 Jahren die "cash-cows" der Wiener Banken, und daran wird sich vermutlich auch in Zukunft wenig ändern.

Hätte man es doch anders machen sollen? Musil verneint: "Angesichts der geringen Wettbewerbsfähigkeit vieler Wiener Unternehmen waren die Umbrüche im östlichen Europa und das Entstehen der neuen Märkte eine einzigartige Chance für profitable Auslandsengagements, die es zu nutzen galt." Ob jedoch das Engagement der Wiener Unternehmen im östlichen Europa wirklich auf einem sicheren Fundament steht, wird sich erst im weiteren Verlauf der aktuellen Krise zeigen.


Publikationen:
Robert Musil, 2011: Wiener Direktinvestitionen in Mittel- und Südosteuropa. In: Peter Jordan (Hg.): Atlas Ost- und Südosteuropa. Gebr. Borntraeger Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. Karte mit Begleittext, 3.6-G11. ISBN 9783443285319

Musil, Robert (2009): Global capital control and city hierarchies: an attempt to reposition Vienna in a world city network. Citites 26, 255-265.


Kontakt:
Dr. Robert Musil
Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7/4/2, 1010 Wien
T +43 1 51581-3524
robert.musil@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/isr


Jänner 2012