Wien
Interview mit Heinz Fassmann
Wien ist in den vergangenen 20 Jahren ins Zentrum Europas gerückt. Wie diese neue Mittelpunktslage die Stadt verändert hat und welche Herausforderungen sie an die Stadtplanung stellt, erläutert Heinz Fassmann, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung und Obmann der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW, im Gespräch mit Martina Gröschl.
Wie hat sich Wien in den letzten 20 Jahren verändert?
Fassmann: Wien ist - im Gegensatz zu den Prognosen, die von einer Schrumpfung der Stadt ausgegangen sind - in den vergangenen 20 Jahren deutlich gewachsen. Wir stehen derzeit bei rund 1,7 Millionen Einwohnern, Tendenz weiter steigend. Wien profitierte vom Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Erweiterung von 2004 und 2007 in einem besonderen Ausmaß und rückte geopolitisch in die Mitte Europas zurück. Konzernzentralen wurden nach Wien verlagert und von Wien aus expandierten Banken und Versicherungen in Richtung östliches und südöstliches Europa. Neue Arbeitsplätze entstanden und die internationale Zuwanderung setzte verstärkt ein.
Dazu kam die wachsende Bedeutung von Forschung und universitärer Lehre in einer fortgeschrittenen Wissensgesellschaft. Wien gewann auch als Universitäts- und Forschungsstadt. Die Zahl der Studierenden sowie der Lehrenden und Forschenden, die in den unterschiedlichen Bereichen - universitär, außeruniversitär - tätig sind, nahm in den letzten 20 Jahren ebenfalls zu.
Wien ist aber auch aufgrund seines physischen Erscheinungsbildes moderner geworden: Es wurde viel neu gebaut, manches wurde saniert, das Grau dieser Stadt ist verschwunden. Wien hat sich zu einer Metropole mit großer Strahlkraft entwickelt.
Gibt es etwas, wodurch sich Wien von anderen Metropolen besonders abhebt?
Fassmann: Wien besitzt ein enormes historisches und kulturelles Kapital. Davon zehrt die Stadt und ein Teil ihrer internationalen Reputation resultiert aus diesem historisch-kulturellem Vermächtnis. Aus ökonomischer Sicht unterscheidet sich Wien von manch anderen Metropolen auch durch die Breite der in der Stadt ansässigen Wirtschaftssektoren. Wien ist weder eine reine Industrie-, noch eine Banken- und Versicherungsstadt oder ausschließlich eine Universitäts- und Forschungsstadt, sondern besitzt von all diesen Sektoren einen nennenswerten Anteil. Das unterscheidet die Stadt von anderen Städten, wenn man an die Rhein-Ruhr-Städte oder beispielsweise Frankfurt denkt.
Nehmen Sie an, dass der Trend zur wachsenden Bevölkerung weitergehen wird?
Fassmann: Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass das Bevölkerungswachstum stagnieren oder zurückgehen wird. Ich rechne insbesondere in Ostösterreich weiterhin mit einer Zuwanderung aus dem In- und Ausland. Aufgrund des langfristigen Geburtenrückganges reicht das Arbeitskräfteangebot tendenziell nicht aus, um genügend Arbeitskräfte für eine wachsende Wirtschaft bereitzustellen. Diese strukturelle Lücke, wird durch die Zuwanderung geschlossen. An diesem grundsätzlichen Pullfaktor wird sich in nächster Zukunft nichts ändern, es sei denn, wir schlittern tatsächlich in eine tiefe Wirtschaftskrise.
Und wie wirkt sich dieser Trend auf die Stadtentwicklung aus?
Fassmann: Die Zuwanderung in die Stadt ist gleichzeitig begleitet von einer Abwanderung aus der Stadt in das Stadtumland. Internationale Zuwanderung in die Kernstadt und Suburbanisierung gehen dabei Hand in Hand. Vom Wachstum profitieren daher nicht nur die Stadt in ihren administrativen Grenzen, sondern die Stadtregion insgesamt.. Statistik Austria rechnet mit einer Zunahme der Bevölkerung auf bis zu zwei Millionen innerhalb der kommenden 20 Jahre und die Bevölkerung im Stadtumland wird auf eine Million steigen. Das ist zusammengenommen schon eine ganz beachtliche metropolitane Größe für Zentral- und Mitteleuropa.
Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Stadtplanung?
Fassmann: Das Wachstum muss "verdaut" werden. Man muss sich genau überlegen, wo die zusätzliche Bevölkerung untergebracht werden kann, damit die ökologischen Ziele nicht auf der Strecke bleiben und die bestehende Infrastruktur gleichmäßig ausgelastet wird. Das Wachstum sollte sich an den großen Verkehrs- und Siedlungsachsen konzentrieren und nicht die ganze Stadtregion überfluten. Hier bieten sich die Südachse entlang der A2 und der Südbahn, die geplante Nordachse in die Tschechische Republik oder die A4 Richtung Bratislava an. Die Achsenzwischenräume sollten frei gehalten werden - für ökologische Rückzugsflächen, als Agrarraum und als Raum für Freizeitnutzungen.
Welche Auswirkungen hat die Bevölkerungsentwicklung in Wien und Umgebung auf die Politik?
Fassmann: Mehr Bevölkerung heißt in der Regel Mehreinnahmen über den Finanzausgleich. Und der Finanzausgleich ist eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Stadt Wien, aber ebenso für die kleineren Gemeinden im Stadtumland. Also das Match Wien gegen Niederösterreich und Burgenland um die wachsende Bevölkerung ist im Gange.
Steigende Zuwanderung macht Migration und Integration ebenfalls zu einem zentralen, politischen Thema. Wie erfolgreich geht Wien Ihrer Ansicht nach damit um?
Fassmann: Wien hat einen erheblichen Anteil an Bevölkerung mit Migrationshintergrund und dennoch dominiert das friedliche Nebeneinander, manchmal auch das freundschaftliche Miteinander. Es fehlen - Gott sei Dank - die offenen Konflikte. Die Stadt Wien hat in diesem Bereich auch eine durchaus bemühte Politik praktiziert, um Integrationsprozesse zu fördern und Segregationstendenzen, also die übermäßige räumliche Konzentrationen bestimmter Bevölkerungsgruppen innerhalb der Stadt, zu vermeiden. Ein Versäumnis der letzten Jahre war lediglich das Wegschieben der Sorgen und Ängste der Menschen, die manchmal von den zuwanderungsbedingten Veränderungen in ihrem Wohnumfeld auch überfordert waren. Zuwanderung wurde im offiziellen Duktus ausschließlich als Bereicherung und Chance betrachtet, die sich zwangsläufig ergebenden Konflikte negiert.
Was sind aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen für die künftige Stadtentwicklung?
Fassmann: Die Attraktivität erhalten und das Wachstum bewältigen sind die beiden zentralen Herausforderungen. Das Wachstum geht dabei längst über die Stadtgrenzen hinaus und darauf muss die Politik reagieren. Die Stadt Wien sollte mit dem Land Niederösterreich verbindliche Planungskonzepte ausarbeiten, in denen fixiert und geregelt wird, wo Wachstum stattfinden soll und wie diese Gebiete verkehrstechnisch erschlossen werden sollen. Eine U-Bahn, die knapp vor der Stadtgrenze endet und ein Shopping Center, welches knapp nach der Stadtgrenze errichtet wurde, belegen die Notwendigkeit gemeinsamer Planungen. Stadt und Stadtumland sind faktisch, aber eben nicht administrativ längst zu einem gemeinsamen Planungsraum zusammengewachsen.
Zum Erhalt der Attraktivität der Stadt zählen nicht nur die Sanierung des historischen Baubestands oder die Errichtung eines Zentralbahnhofes, sondern auch und besonders die Weiterentwicklung der Stadt als Wissenschafts- und Universitätsstandort. Wien profitiert sowohl von seinen Studierenden als auch von seinen Forschungseinrichtungen und ein Teil der modernen Reputation der Stadt, rührt davon, dass wir in zahlreichen Wissenschaftsbereichen wie den Life Science oder der Physik, aber ebenso im geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Bereich sehr gut aufgestellt sind. Die Wissenschaft und ihre Vertreter sind heute global agierende Botschafter einer urbanen Wissensgesellschaft. Die Stadt gibt sehr viel Geld für den Wohnungsneubau, die Stadterhaltung und die linienhafte Infrastruktur aus, sehr viel weniger jedoch für Wissenschaft und Forschung. Ein stärkeres Engagement in diesem Bereich wäre angebracht. Wien sollte nicht nur stolz auf die Universitäten und die Akademien sein, sondern dies auch zeigen.

Zur Person:
Heinz Fassmann ist Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Er ist wirkliches Mitglied der ÖAW, leitet das ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung und ist Obmann der ÖAW-Kommission für Migrations- und Integrationsforschung. Seit Oktober 2011 ist er Vizerektor für die Bereiche Personalentwicklung und Internationale Beziehungen an der Universität Wien. Zuvor war er Dekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie der Universität Wien.
Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Heinz Fassmann
Kommission für Migrations- und Integrationsforschung
Institut für Stadt- und Regionalforschung
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
heinz.fassmann@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kmi
www.oeaw.ac.at/isr
Jänner 2012

