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Die Habsburger

Türkenbilder zwischen Angstgegnern und Exoten


Am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte erforscht Andrea Sommer-Mathis, welche Funktion Theater und Feste an den Habsburgerhöfen der Frühen Neuzeit hatten und wie sich das jeweils herrschende Türkenbild darin manifestiert.

Der 12. September 1683 war ein Tag zum Feiern. Mit der entscheidenden Schlacht am Kahlenberg wurde die Zweite Türkenbelagerung Wiens beendet. Die Osmanen wurden in die Flucht geschlagen. Ganz Wien war im Freudentaumel. Ein Triumph für den Habsburgerkaiser Leopold I. und seine Verbündeten, der seinen Niederschlag auch in Theateraufführungen und Festivitäten in ganz Europa fand.

Theater als Instrument der politischen Propaganda

Der Entsatz Wiens wurde jedoch nicht ohne politisches Kalkül zelebriert: "Die Theateraufführungen und Festveranstaltungen sollten nicht nur den Sieg über die Osmanen würdigen, sie waren auch ein wichtiges Instrument der politischen Propaganda - sie dienten der Demonstration der Größe und Macht der jeweiligen Auftraggeber", erklärt Andrea Sommer-Mathis vom ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, die sich in ihrer Forschungsarbeit mit der Funktion von Theater und Fest an den Habsburgerhöfen der Frühen Neuzeit beschäftigt. Im Rahmen der an der ÖAW organisierten Konferenz "The Habsburgs and their Courts in Europe, 1400-1700. Between Cosmopolitism and Regionalism" (7. bis 10. Dezember 2011 in Wien, siehe auch Traditionsbewusste Kosmopoliten ) thematisiert sie in ihrem Vortrag "'Alla turca'. Turkish Elements in Theatre and Festivities at the Habsburg Courts during the 16th and 17th Centuries" (deutscher Titel: "'Alla turca'. Türkische Elemente in Theater und Fest an den Habsburgerhöfen während des 16. und 17. Jahrhunderts") insbesondere die Darstellung und Instrumentalisierung des Türkenbildes.

Dass diese Instrumentalisierung sehr unterschiedlich ausfallen konnte, zeigen zwei Theateraufführungen anlässlich des Entsatzes von Wien. Am Kaiserhof in Wien wurde 1684 der Sieg über die Osmanen in dem Jesuitendrama "Ferdinandus Quintus Rex Hispaniae Maurorum Domitor" mit dem spanischen Sieg über die muslimischen Mauren im Jahr 1492 verglichen; es endete mit einer großen Huldigung der habsburgischen Kronländer an Kaiser Leopold I. 1492 war mit dem Fall Granadas der letzte muslimische Herrschaftsbereich in Spanien beseitigt worden, und die Muslime waren gezwungen, das Land zu verlassen oder zum Christentum zu konvertieren. "In dem Wiener Theaterstück von 1684 wurden die Abwehrkämpfe der spanischen und der österreichischen Linie der Habsburger gegen die Muslime bewusst miteinander in Beziehung gesetzt", sagt Sommer-Mathis.

Ganz anders war die spanische Sicht auf das Ereignis. Sommer-Mathis: "In Madrid feierte man den Sieg über die Türken mit einem Schauspiel, in dem der polnische König Jan III. Sobieski als der eigentliche Held dargestellt und die Bedeutung der anderen Bündnispartner Kaiser Leopolds I. für den Sieg weitgehend außer Acht gelassen wurde." Auch wenn man den Sieg über die Türken am spanischen Hof in Madrid als Gemeinschaftssieg der Habsburger feiern wollte - zu viel Prestige wollten die spanischen Habsburger den Wiener Verwandten dann offenbar doch nicht gönnen.

Der Türke: gefürchteter Feind und faszinierender Exot

Spätestens seit den Expansionsbestrebungen der Osmanen nach der Schlacht bei Mohács (1526) und der Ersten Türkenbelagerung Wiens (1529) wurden die Türken zunehmend als Angstgegner empfunden. Das zeigt sich auch in manchen der Festivitäten am Kaiserhof, in denen sie - etwa in Turnieren oder Feuerwerken - als säbelrasselnde Turbanträger dargestellt und bekämpft wurden. Aber die Osmanen wurden nicht nur als Feinde gefürchtet: "Das Bild des Türken wandelte sich je nach Bedrohungslage", erklärt Sommer-Mathis. "Wurde diese als weniger stark empfunden, überwog die Faszination für das Exotische, das Neue, für andere Länder und andere Sitten." Spiegel dieser Faszination waren unter anderem exotische Maskeraden in der Faschingszeit, so genannte "Wirtschaften", bei denen das Kaiserpaar als Gastgeber fungierte und sich die Adeligen mit fantasievollen Kostümen aus aller Herren Ländern verkleideten. In diesen Kostümen zeigte sich das Bild des Osmanen in seiner ganzen orientalischen Pracht.

Nach dem Entsatz von Wien 1683 und dem Ende des Großen Türkenkrieges (1699 Frieden von Karlowitz) verlor der Türke als Feindbild allmählich seinen Schrecken. Stattdessen entwickelte sich als eine Variante des Exotismus eine regelrechte "Türkenmode". Und das in Dramen und Opern des 17. Jahrhunderts gezeichnete Bild des grausamen Tyrannen wich dem neuen aufklärerischen Ideal eines edlen, tugendhaften Herrschers, wie ihn etwa Selim Bassa in Mozarts "Entführung aus dem Serail" (1792) verkörperte, dem wohl bekanntesten Beispiel unter den zahlreichen orientalischen Opern, Singspielen und Balletten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Konstruktion eines kollektiven Türkenbildes

Ob Angstgegner oder faszinierender Exote: Die Darstellungen der Türken in den vergangenen Jahrhunderten legten den Grundstein für ein Türkenbild, das bis heute wirkt. "Die Theateraufführungen und Festlichkeiten insbesondere des 16. und 17. Jahrhunderts trugen dabei nicht unwesentlich zur Konstruktion eines immer wieder reaktivier- und instrumentalisierbaren 'Türkengedächtnisses' bei", so Sommer-Mathis.

Hier trifft sich die Forschungsarbeit von Andrea Sommer-Mathis mit einem weiteren Projekt am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. In Kooperation mit dem ÖAW-Institut für Sozialanthropologie widmet sich das Forschungsprojekt "Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the Turks and Other Enemies" der Frage, wie das "Feindbild Türke" im Laufe der Jahrhunderte über Denkmäler transportiert wurde (siehe auch Österreich und die Türken ). "Erst diese verschiedenen Blickwinkel auf Darstellung und Instrumentalisierung des Türkenbildes in der Vergangenheit ermöglichen ein tiefergreifendes Verständnis des Türkenbildes der Gegenwart", ist Sommer-Mathis überzeugt.


Kontakt:
Dr. Andrea Sommer-Mathis
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7/4, 1010 Wien
T +43 1 515 81-3313
andrea.sommer@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt


November 2011