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Die Habsburger

Traditionsbewusste Kosmopoliten


Das Selbstverständnis der Habsburger entwickelte sich zwischen ihrer internationalen Identität als Dynastie und lokalen Identität als regionale Herrscher. Wie es ihren Ausdruck in der Herrschaftskultur fand, untersuchen Kunsthistorikerinnen und -historiker an der ÖAW-Kommission für Kunstgeschichte anhand der Habsburger-Residenzen.

Spanien, Mitteleuropa, Spanische Niederlande: Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit wurden die Habsburger zu einer europaweit verzweigten Großmacht. Der Austausch zwischen den einzelnen Häusern war intensiv: Österreichische Erzherzöge verbrachten ihre Jugendjahre in Madrid, spanische Infantinnen wurden nach Wien verheiratet. Teile des strengen "spanischen Hofzeremoniells" wurden an mitteleuropäischen Höfen eingeführt. Aber auch auf lokale und regionale Traditionen mussten die Habsburger Herrscher Rücksicht nehmen, wollten sie von den ortsansässigen Eliten akzeptiert werden und diese in ihre Herrschaft integrieren.

Zwischen dieser internationalen Identität als Dynastie und der lokalen Identität als regionale Herrscher entwickelte sich das Selbstverständnis der Habsburger, das ihren Ausdruck in ihrer Herrschaftskultur fand. Zentrum und Spiegel dieser Herrschaftskultur sind die Habsburger-Residenzen in Wien, Madrid, El Escorial, Brüssel, Prag, Budapest oder Preßburg.

Zentren der Politik und des kulturellen Austausches

Residenzen waren der offizielle Regierungs- und Verwaltungssitz. Sie dienten der Repräsentation der Herrscher, waren aber ebenso Tummelplatz des lokalen Adels, an dem Ämter verteilt, Feste gefeiert und Hochzeitsbande geknüpft wurden. "Der spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Hof war DAS Zentrum des Austausches. Die Internationalisierung der adeligen Kultur war eine Domäne der Residenzen", fasst Herbert Karner von der ÖAW-Kommission für Kunstgeschichte zusammen.

Das macht Residenzen für Kunst- und Kulturforscherinnen und -forscher zum Forschungsobjekt ersten Ranges. Seit vielen Jahren werden sie intensiv beforscht. Mit Madrid, Wien und dem belgischen Löwen haben sich in Europa wichtige Zentren der Residenzforschung etabliert. Federführend in Wien ist die Kommission für Kunstgeschichte der ÖAW, die im Rahmen eines großangelegten Projekts die Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg von ihren Anfängen im 13. Jahrhundert bis heute rekonstruiert (siehe dazu auch das Thema des Monats Höfe und Residenzen ). "Angesichts des regen Austausches zwischen den europäischen Habsburgern lag es für uns nahe - ausgehend von unseren Forschungen zur Wiener Hofburg - nach Gemeinsamkeiten mit und Unterschieden zu anderen europäischen Residenzen zu fragen", sagt Karner. Es begann ein reger Erfahrungsaustausch mit europäischen Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Residenzforschung, der in einem gemeinsamen Projektantrag bei der European Science Foundation (ESF) gipfelte. Das von Krista de Jonge (Katholieke Universiteit, Löwen), Bernardo J. Garcia Garcia (Universidad Complutense, Madrid) und Herbert Karner eingereichte Projekt PALATIUM (Court Residences as Places of Exchange in Late Medieval and Early Modern Europe (1400-1700)) wurde 2009 als einziges Projekt aus den Humanities bewilligt.

Vernetzung der europäischen Residenzforschung

Insgesamt elf Länder sind an PALATIUM beteiligt: Belgien, Frankreich, Niederlande, Spanien, Portugal, Deutschland, Schweden, Dänemark, Slowakische Republik, Tschechische Republik und Österreich. Finanziert wird das bis 2015 laufende Projekt über die wissenschaftlichen Mitgliederorganisationen der ESF, von österreichischer Seite sind das die ÖAW und der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF).

Ziel von PALATIUM ist es, die europäische Residenzforschung inhaltlich wie methodisch zu vernetzen. "Wir erhoffen uns neben methodischen Weiterentwicklungen - etwa im Bereich der 3D-Konstruktion von Residenzen - vor allem neue inhaltliche Erkenntnisse, was die gegenseitigen Verflechtungen und Einflussnahmen der großen europäischen Herrschergeschlechter auf die jeweilige Residenzkultur und -architektur betrifft", erläutert Karner. Die Habsburger stehen im Mittelpunkt der ersten Großkonferenz "The Habsburgs and their Courts in Europe, 1400-1700: Between Cosmopolitism and Regionalism" im Rahmen des Projekts. Sie findet vom 7. bis 10. Dezember 2011 an der ÖAW in Wien statt und wird von der ÖAW in Kooperation mit der Slowakischen Akademie der Wissenschaften organisiert.

Alles, nur nicht französisch

Ausgehend von der Frage, wie sich das Selbstverständnis der Habsburger zwischen internationaler und regionaler Identität in Anlage und Nutzung der Residenzen verorten lässt, begeben sich die Forscherinnen und Forscher auf die Suche nach verbindlichen Leitideen in der Repräsentationskultur und den funktionellen Strukturen der Habsburgischen Häuser. Dass diese gezielt von Residenzen anderer europäischer Herrschergeschlechter abzugrenzen sind, zeigt ein Vergleich zwischen den Residenzen der als stocksteif und gottesfürchtig bekannten Habsburger und jenen ihrer Erzrivalen, der Bourbonen, die in Prunkbauten wie Versailles eine für Habsburger Begriffe frevelhafte Lockerheit lebten. "Dahinter steht ein völlig unterschiedliches, herrscherliches Selbstverständnis", erklärt Karner. In Frankreich war der König öffentlich, die Habsburger Herrscher sahen sich als private, fast schon göttlich entrückte Persönlichkeiten. Das manifestiert sich zum Beispiel im Zeremoniell und in der Raumfolge der Residenzräume, die sich hinsichtlich des Zutritts bei den Habsburgern (im Gegensatz zu den Bourbonen) von öffentlich zu privat immer mehr verengt, hin zu einem Bereich, der für die "Öffentlichkeit" absolut unzugänglich war.

Herrscher von Gottes Gnaden

Ein wichtiger Aspekt, will man die Residenzkultur der Habsburger des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit verstehen, ist ihre starke Religiosität. Karner: "Die Habsburger sahen sich bekanntermaßen als 'Herrscher von Gottes Gnaden' - uns interessiert, wie sich das in der Anlage von Kapellen in und Kirchen oder Klöstern um die Residenzen herum widerspiegelt." Auch das Verhältnis zwischen Habsburgern und Muslimen ist aktuell ein großes Thema (unter anderem in) der europäischen Residenzforschung. In Spanien führten die Habsburger einen Abwehrkampf gegen die Mauren, im östlichen Mitteleuropa gegen die Osmanen. "Wir wollen herausfinden, inwieweit die Rolle, die die Habsburger in beiden Kulturbereichen als Glaubensverteidiger eingenommen haben, auch in die Konstruktion ihrer Identität und ihrer Selbstdarstellung Eingang gefunden hat", so Karner.

"Beispiele wie jenes der Raumfolge der Residenzräume oder die Anlage von sakralen Bauten im Umfeld von Residenzen zeigen, wie unmittelbar sich das herrscherliche Selbstverständnis in der Residenzarchitektur niederschlägt", betont Karner, "und wie wesentlich die Erforschung von Residenzen aus kunst- und kulturwissenschaftlicher Sicht für ein umfassendes Verständnis der europäischen Herrschergeschlechter und ihrer Entwicklung ist."



Kontakt:
Dr. Herbert Karner
Kommission für Kunstgeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7 / 2. Stock, 1010 Wien
T +43 1 51581-3545
herbert.karner@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kunst


November 2011