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Die Habsburger

Die Vermessung des Kaisertums Österreich


In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das gesamte Land der Habsburgermonarchie in Hinblick auf die Einhebung der Grundsteuer vermessen. Die wissenschaftliche Edition jenes "Franziszeischen Katasters" von 1817 soll nun einen weitgehend ungehobenen Datenschatz für die Erforschung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Wende zur Industriegesellschaft verfügbar machen.

Grund und Boden der Habsburgermonarchie waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts trotz erster Ansätze unter Maria Theresia und Joseph II. noch nicht einheitlich vermessen. Vielfach waren die Besitzverhältnisse zwischen Grundherren und bewirtschaftenden Bauern unklar. Es fehlte ein einheitlicher Grundstückskataster samt Nutzungserhebung als Basis für eine, innerhalb des Reiches einheitliche, Grundsteuer. Nur in Lombardo-Venetien existierte mit dem Censimento Milanese (1719-1760) ein Vorbild für die Entwicklung eines gerechten Ertragssteuersystems. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege standen aus dem Personalstand der für die Friedenszeit zu großen Armee ausreichend Kartografen und Ressourcen zur Verfügung, das Großprojekt des Franziszeischen Katasters zu beginnen. Zwischen 1817 und etwa 1860 wurden auf über 300.000 Quadratkilometern knapp 50 Millionen Grundparzellen in mehr als 30.000 Gemeinden vermessen und mit systematisch erhobenen Zusatzinformationen dokumentiert. Das Ergebnis war ein Kataster, bestehend aus Kartenwerk, Parzellenbeschreibungen und Steuerklassifizierungen, der die Grundlage für die Evidenzhaltung bis heute darstellt. Sämtliche Grundbesitzer einer Katastralgemeinde wurden mit Beruf beziehungsweise Stand und den Nummern der ihnen gehörenden Parzellen verzeichnet; für alle Parzellen wurden die Nutzungsart und der geschätzte Ertrag notiert.

Dieser Datenschatz wurde bisher zwar als lokalgeschichtliche Quelle häufig genutzt, bis dato hat sich aber noch niemand an eine Gesamtauswertung hinsichtlich der österreichischen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte gewagt - nicht zuletzt deshalb, weil die Provinzkataster seit 1918 auf die Nachfolgestaaten der Monarchie verteilt sind, und ohne systematische Edition zum Teil nicht vergleichbar sind.

Erfolgreiche Pilotstudie

Helmut Rumpler, Obmann der ÖAW-Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie hat nun mit einem interdisziplinären Team in Kooperation mit den Universitäten Klagenfurt und Innsbruck eine vom FWF finanzierte Pilotstudie durchgeführt, um geeignete Editionsprinzipien zu entwickeln. Nach dreijähriger Projektarbeit 2008-2010 werden am Beispiel Kärntens und der Bukowina - zwei an sich schwer vergleichbaren Regionen - die Kriterien und Strategien für die Gesamtedition publiziert. Ziel des Gesamtprojektes ist es, eine Grundlage für die Erforschung des gesellschaftlich-ökonomischen Übergangs von der Grundherrschaft über die Agrarrevolution bis hin zu den Anfängen der industriellen Revolution im Habsburgerreich zu schaffen. "Die Edition wird die Beurteilung des Wandels von den immobilen feudalen Besitzstrukturen zur markt- und kapitalorientierten, sozial breit gestreuten Bodenverteilung des Industriezeitalters ermöglichen", so der Projektleiter Helmut Rumpler.

Nutzen und Wirksamkeit des Franziszeischen Katasters

Das erste Ziel, mit der Erstellung eines landesweiten Katasters Steuergerechtigkeit zu erzielen, wurde während der Zeit der Habsburgermonarchie nur teilweise erreicht. Vor allem bei der Schätzung der Grundstückserträge gab es vonseiten der Besitzer regional massive Widerstände gegen das Projekt.

Unbestritten ist die hohe Qualität der Gesamtaufnahme des Landes. Verlässliche Grundstücksgrenzen bedeuteten Rechtssicherheit für den Grundbesitz, und diese Sicherheit ermöglichte es den Besitzern, Kredite aufzunehmen. Das führte zur Kapitalisierung des Grundbesitzes und förderte indirekt die Gründung von Banken. "Mit dem Kataster wurde eine Agrarrevolution angestoßen, ohne die auch die industrielle Revolution auf dem Gebiet der Monarchie nicht möglich gewesen wäre", erklärt Helmut Rumpler. Die Bauern begannen zu wirtschaften und wurden von Selbstversorgern zu Produzenten. Viele Kleinbauern, die ihr Land verkauft hatten, wanderten in die Städte beziehungsweise Industriegebiete ab. Dort entstand ein wachsender Markt, der wiederum ein Anreiz war, die Landbaumethoden für höhere Erträge zu verbessern.

Das Editionsprojekt

Die Edition soll in der gedruckten Fassung statistisches Material zu den wichtigsten agrarwirtschaftlichen Variablen sowie Kartenmaterial bis hinunter auf die Ebene der Katastralgemeinden enthalten, ebenso Register für die damals ortsüblichen Orts- und Flurnamen. Darüber hinaus gibt es regionale Übersichtskarten sowie Themenkarten. In einer parallelen Online-Version sollen die Katastralgemeindekarten bis in kleinste Details einsehbar sein.



Kontakt:
em. Univ.-Prof. Dr. Helmut Rumpler
Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Strohgasse 45/2. Stock/4, 1030 Wien
T +43 1 51581-7300
helmut.rumpler@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/habskomm


November 2011